Jedes vierte Kind hat einen Zahnunfall

Nicht immer können die Zähne von Schülern nach einem Unfall gerettet werden. Viele Schulen sind dafür schlecht ausgerüstet.

Die Krankenversicherung Helsana hat vergangenes Jahr über 7600 Zahnunfälle bei den Ein- bis Achtzehnjährigen registriert. Foto: Michele Limina

Die Krankenversicherung Helsana hat vergangenes Jahr über 7600 Zahnunfälle bei den Ein- bis Achtzehnjährigen registriert. Foto: Michele Limina

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Ein Sturz, eine Kollision, und schon wackelt oder fehlt ein Zahn. «Ein erheblicher Anteil der Kinder erleidet einen solchen Unfall», sagt Andreas Filippi, Professor am Universitären Zentrum für Zahnmedizin Basel (UZB). Jedes dritte Kind in der Schweiz verletzt sich die Milchzähne und jedes vierte die bleibenden Zähne.

Gerade jetzt, wenn die Strassen und Trottoirs wegen Nässe und Laub rutschig sind, ist das Risiko gross. Aber auch im Frühling, wenn sich das Leben wieder vermehrt draussen abspielt. Kleine Mädchen und Buben verunfallen häufig mit drei oder vier Jahren. «In diesem Alter beginnen sie zu rennen, sind mutiger und doch noch nicht so sicher auf den Beinen», sagt Zahnarzt Filippi.

Folglich stolpern die Kleinen öfter, fallen irgendwo hinunter oder prallen gegen eine Kante. Nicht immer schlagen sie sich dabei Zähne aus. Manchmal sind diese durch das Malheur auch abgebrochen, gelockert oder verschoben. Meist bluten die Kinder stark, doch Panik ist nicht angebracht. Ab dem fünften Lebensjahr wachsen die zweiten Zähne nach. Ein ausgefallener Milchzahn wird daher auch nicht wieder eingesetzt. Um den Unfall anzumelden und Spätfolgen zu vermeiden, sollte man trotzdem zum Zahnarzt gehen.

Wichtig: Den Zahn nur kurz mit Wasser abspülen

Anders sieht es hingegen aus, wenn bleibende Zähne ausgeschlagen sind. Dann gilt es, rasch und richtig zu handeln: «Sofort zum Zahnarzt gehen», rät Filippi. Am besten transportiert man den Zahn in einer Zahnrettungsbox. Diese enthält eine Nährlösung, in welcher der ausgeschlagene Zahn über Stunden aufbewahrt werden kann. «Ist diese nicht vorhanden, kann man ihn auch in kalter Milch oder Frischhaltefolie mitnehmen.» Wichtig jedoch: Den Zahn nicht mit Alkohol oder Desinfektionsmittel abspülen, sondern nur ganz kurz mit fliessendem Wasser.

Kann der Zahnarzt den Zahn replantieren, fixiert er ihn zwei Wochen mit einer Schiene. Den Rest erledigt die Natur. Allerdings gelingt die Erhaltung nicht immer. Filippi ist überzeugt: «Ein Teil dieser Zähne wäre zu retten, wenn mehr Menschen Zahnrettungsboxen zur Hand hätten.» Erst in den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft sowie auch in den Städten Zürich und Bern sind sämtliche Schulen und Sportvereine mit solchen Boxen ausgestattet.

Hohe, teilweise lebenslange Kosten sind nicht selten die Folge. Bei Kindern übernimmt diese die obligatorische Krankenversicherung. Eine davon ist die Helsana. Sie hat vergangenes Jahr über 7600 Zahnunfälle bei den Ein- bis Achtzehnjährigen registriert. Noch vor vier Jahren waren es 6500 – die Zahl der Versicherten hat nur leicht zugenommen. Die Kosten pro Fall variieren stark. Ist lediglich Röntgen und Kunststoffaufbau nötig, sind es 500 Franken, ist aber der Zahn verloren und Kieferorthopädie zwingend, können Kosten bis zu 9000 Franken entstehen. Die höchsten Kosten fallen bei den Sieben- bis Elfjährigen an. In 60 Prozent der Fälle sind Buben betroffen.

Gefahrenpotenzial haben auch Velos und Trottis

Etwa die Hälfte der Vorfälle sind auf Stürze zurückzuführen, doch auch Übergewicht und gewisse Sportarten erhöhen das Risiko. Neben allen Kampfsportarten sind dies Handball oder Basketball. Gefahrenpotenzial haben aber auch Velos und Trottinetts. Das Team um Professor Filippi hat Kickboard-Unfälle genauer analysiert und kann aufzeigen: Jedes dritte Kind stürzt so schwer, dass es sich ernsthaft verletzt – meist an den Armen, Beinen oder dem Kopf. In 10 Prozent der Fälle sind auch die Zähne betroffen. Dabei ist das Risiko umso grösser, je kleinere Räder das Trottinett hat.

Bei der Firma Micro, die einen Grossteil der hiesigen Kickboards herstellt und vertreibt, ist man sich der Gefahr bewusst. «Wir testen unsere Trottinetts laufend. Die Vorderräder der heutigen Modelle sind deshalb auch deutlich grösser als jene der ersten Generationen», sagt Oliver Ouboter, Sprecher von Micro. Ebenfalls bietet Micro seit fünf Jahren Fahrtrainings für Primarschulkinder an. «Dabei zeigen wir den Kindern, wie sie richtig bremsen und im Notfall abspringen.» Auch ist für Outboter klar: Wer Kickboard fährt, sollte immer einen Helm tragen.

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) rät den Kindern, dennoch zu Fuss zur Schule zu gehen. «Die Verletzungsgefahr auf dem Trottinett ist zu gross», sagt Sprecher Marc Kipfer. «Mit dem Trottinett sind Kinder schneller unterwegs und können Gefahren im Verkehr nicht sofort erkennen.»

Erstellt: 23.09.2018, 11:54 Uhr

Was tun?

Bei Unfällen mit bleibenden Zähnen


  • Herausgeschlagen: Sofort zum Zahnarzt! Zahn nicht an der Wurzel anfassen, nicht abreiben, nicht desinfizieren. In einer Zahnrettungsbox, kalter Milch oder Frischhaltefolie transportieren.

  • Abgebrochen: Sofort zum Zahnarzt. Zahnstücke in Folie mitnehmen.

  • Gelockert, verschoben, hineingeschlagen: Sofort zum Zahnarzt. Der Zahn wird fixiert oder an seinen Platz gerückt.


Bei Unfällen mit Milchzähnen

  • Verschoben, abgebrochen: Noch am selben Tag zum Zahnarzt. Der Zahn wird entfernt, fixiert oder an seinen Platz gerückt.

  • Gelockert, herausgeschlagen: Behandlung ist nicht dringend nötig. Innert Tagen zur Kontrolle zum Zahnarzt.

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