Esoteriker tritt im Physikunterricht auf

Ein Luzerner Gymnasium hat den umstrittenen Esoteriker Pascal Voggenhuber eingeladen. Er behauptet, er könne mit Toten sprechen.

Der Esoterik-Star wollte zuerst ­Schauspieler werden: Pascal ­Voggenhubers Spezialität sind Gespräche mit Toten. Foto: PD

Der Esoterik-Star wollte zuerst ­Schauspieler werden: Pascal ­Voggenhubers Spezialität sind Gespräche mit Toten. Foto: PD

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Wenn die Katholiken nächste Woche an Allerseelen ihrer Verstorbenen gedenken haben die Schüler des Luzerner Gymnasiums Musegg ihre Geisterstunde schon hinter sich. Am 26. September kündigte das ­Medium Pascal Voggenhuber auf Facebook und Instagram an, dass ihn die Kantonsschule für ein Referat eingeladen habe. «Ich darf dort meine Arbeit vorstellen», teilte Voggenhuber mit. «Das ­mache ich schon einige Jahre. Es ist immer wieder spannend, wie offen junge Menschen für eine bodenständige Spiritualität sind.»

Tatsächlich ist Voggenhuber ein häufiger Gast des Gymnasiums. In den vergangenen zehn Jahren sei er sechsmal im Rahmen der Sonderwoche «Naturwissen­schaften und Grenzwissenschaften» aufgetreten, sagt Rektorin Franziska Schärer.

Dabei würden sich die Schüler mit den Naturwissenschaften und ihren Grenzen auseinandersetzen, «um festzustellen, dass nicht alle Bereiche in unserem ­Leben wissenschaftlich erklärt ­werden können», sagt Schärer. Für seine Dienste im Physikunterricht erhält der Esoteriker laut Schärer «wie alle externen Referenten ein vom Kanton Luzern für solche Anlässe vorgesehenes Honorar».

Viele «korrekte Details»

Der gebürtige Basler ist das bekannteste Medium der Schweiz. Der Superstar der hiesigen Esoterik-Branche behauptet, Kontakt ins Jenseits herstellen und mit ­Toten reden zu können. Der natürliche Lebensraum Voggen­hubers sei der Friedhof, schrieb der «Spiegel». Seinen direkten Draht ins Jenseits demonstriert der 39-jährige Absolvent einer Schauspielschule ­jeweils bei öffentlichen Bühnenauftritten. Dort unterhält er sich zum Beispiel vor 200 Leuten mit der verstorbenen Grossmutter einer Person aus dem ­Publikum.

Ein Ausflug ins Übersinnliche steht auch bei Voggenhubers Auftritt vor den Luzerner Gymnasiasten auf dem Programm. Der Gastreferent stelle selber keine Jenseitskontakte her, lade aber ab und zu einen Schüler ein, als Medium zu fungieren und unter seiner Anleitung zu versuchen, mit einem Verstorbenen zu kommunizieren. Das sagt Remo Jakob, Vorstand der Fachschaft Physik an der Kantonsschule und Organisator der Sonderwoche «Naturwissenschaften und Grenzwissenschaften».

Für eine andere Übung nimmt Voggenhuber die Hand eines Schülers und versucht Aussagen über diesen zu machen. Wie wohnt er? Einfamilienhaus, Wohnung, Stadt, Land? Wie sieht es bei ihm zu Hause aus? Wie viele Personen wohnen dort? Gibt es Haustiere? Was sieht man, wenn man aus dem Fenster im Wohnzimmer schaut? «Oft nennt er viele Details korrekt», sagt Jakob.

«Etwas Spannendes, das nicht erklärt werden kann»

Diese Übungen würden Zuschauer «teilweise in Erstaunen versetzen und das rein mechanistische Weltbild infrage stellen», schrieb der Physiklehrer nach Voggen­hubers erstem Auftritt im Jahresbericht der Schule.

Dort schildert er auch, wie die Schüler auf den Besuch des Mediums vorbereitet wurden. In einem «Experiment» mussten sie prüfen, ob sie spürten, wenn sie von hinten angestarrt wurden. Man habe diesen Versuch 5680-mal durchgeführt und festgestellt, dass die Zahl der richtigen Antworten höher liege, als bei einer normalen Verteilung zu erwarten wäre. «Mit nahezu 100 Prozent Wahrscheinlichkeit passiert hier etwas Spannendes, das mit den bekannten wissenschaftlichen Modellen nicht erklärt werden kann», hielt Jakob fest.

Als Nächstes wurde den Gymnasiasten ein Dokfilm gezeigt über die Erforschung von Telepathie, Hellsichtigkeit, Präkognition und Psychokinese. In weiteren Filmausschnitten berichteten Menschen über ihre Nahtoderlebnisse. Zum Abschluss, so Lehrer Jakob, habe ein Überblick über Phänomene der Quantenphysik gezeigt, dass auch in physikalischen Labors Entdeckungen gemacht würden, «die das menschliche Vorstellungsvermögen sprengen und mit keinem bekannten Modell erklärt werden können».

Früher bevölkerten Jesustypen im Batiklook die Esoterik-Szene. Voggenhuber ist die moderne Version – er trägt Jeans und hat Tattoos. In seinem Buch «Nachricht aus dem Jenseits 2.0» referiert er über «Geistführer».

Ist es wirklich Aufgabe eines Gymnasiums, das sich der Wissenschaftlichkeit verschrieben hat, einen Esoteriker mit umstrittenen Methoden einzuladen? Man könne Vertreter spiritistischer Richtungen auftreten lassen, sagt Georg Schmid von der Sektenberatungsstelle Relinfo. «Es braucht aber eine kritisch-wissenschaftliche Einbettung. Sonst handelt es sich um esoterische Propaganda.»

Voggenhuber, der als Dreijähriger erstmals einen Toten gesehen haben will, wird auch künftig am Luzerner Gymnasium auftreten. Sein Besuch stosse bei den Schülern «auf grosses Interesse», sagt Rektorin Franziska Schärer. Man habe ihn deshalb bereits für das nächste Schuljahr eingeladen.



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Erstellt: 26.10.2019, 22:30 Uhr

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