Jetset-Junkie

Die Serie «Patrick Melrose» zeigt die moralische Verkommenheit der britischen Oberschicht mit üppigen, in Farbe getränkten Bildern – und einem fantastischen Benedict Cumberbatch.

Bei Benedict Cumberbatch sehen Rausch und Sucht so aus, wie sie wirklich sind. Foto: 2018 Showtime/Sky UK Ltd/Justin Downing

Bei Benedict Cumberbatch sehen Rausch und Sucht so aus, wie sie wirklich sind. Foto: 2018 Showtime/Sky UK Ltd/Justin Downing

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Schauspieler, die einen Drogenrausch imitieren, sehen meistens wie Clowns aus. Etwa Ashton Kutcher als Steve Jobs auf LSD, der zu Klängen von Bach dirigierend über eine Wiese frohlockt. Stichwort Overacting. In der fünfteiligen Miniserie «Patrick Melrose» zeigt Benedict Cumberbatch, dass es durchaus anders geht. Rausch und Sucht sehen bei ihm bis in den kleinsten Gesichtsmuskel aus, wie sie wirklich sind: erhaben, komisch, zum Verzweifeln.

Die erste Szene zeigt den Protagonisten am Telefon, schlechte Nachrichten aus Amerika: Sein schwerreicher Vater ist gestorben. Er sinkt an der Wand zu Boden. Nicht aus Kummer, wie man nun sieht, sondern weil eine Spritze in seinem Arm steckt. Wieder nüchtern, nimmt er die Concorde und betritt im New York der 80er-Jahre ein prunkvolles Bestattungsinstitut, wobei er da bereits wieder high ist und aus Versehen in eine jüdische Totenwache schlingert.

Endlich steht Patrick doch noch vor seinem aufgebahrten Vater und schlägt das Totentuch wie Geschenkpapier zurück: «Bist du es, Vater? Du bist es! Also wirklich, das wäre doch nicht nötig gewesen.» Die Szene spiegelt seinen herrlich schwarzen, aber auch morbiden Humor, der ihn wie ein Schutzmantel umgibt. Denn Patrick wurde von seinem Vater als Kind missbraucht. Seine Sucht und das abgestumpfte Verhalten sind Ausdruck dieses Traumas.

Offizieller Trailer zur Serie «Patrick Melrose». Video: Youtube/Showtime

Die brillant geschriebene und gespielte Serie beruht auf der gleichnamigen Buchreihe des englischen Autors Edward St Aubyn. Die in den 90ern erschienenen Romane sind stark autobiografisch, auch der Missbrauch.

Der Buchautor gehört selbst zur Oberschicht

St Aubyn, geboren 1960, stammt aus einer der vornehmsten Familien Englands. Er ist Pate von Earl Spencers Sohn, dem Neffen von Prinzessin Diana. Was seine Bücher auszeichnet, sind bildschöne Sätze, Heroin ist bei ihm wie «Edelsteine, die von Hand zu Hand gleiten.» Der makellose Stil kontrastiert natürlich bewusst mit den vielen widerwärtigen Szenen in Patricks Leben – und die Serie hat einen Weg gefunden, dies filmisch umzusetzen: mit üppigen, in Farbe getränkten Bildern. Ausserdem sind die fünf Episoden in verschiedenen Genres gehalten, was die Serie noch stärker glühen lässt.

War die erste Folge ein wilder Drogenritt mitsamt Zeitlupeneinstellungen und Wackelkamera, ist das zweite Kapitel ein Kammerspiel in der Provence, wo der siebenjährige Patrick in der Ferienvilla von seinem Vater, einem sadistischen Schöngeist, zum ersten Mal missbraucht wird. Danach hat der Patriarch das Gefühl, «dass er es mit seiner Verachtung für die Prüderie der Mittelschicht vielleicht ein wenig zu weit getrieben hatte». Es sind Sätze und Szenen, die St Aubyns Verachtung für die Oberschicht, deren toxische Grausamkeit und Gefühlskälte ausdrücken. Und von diesen gibt es offenbar viele: Die dritte Folge, eine Gesellschaftssatire, spielt während einer Party auf einem Landsitz, wo auch Prinzessin Margaret anwesend ist, weshalb sich die Upperclass regelrecht um deren Gunst zerfleischt. Patrick, immer noch ein psychisches Wrack, ist inzwischen immerhin clean und beobachtet das Geschehen mit Abscheu: Klassendünkel ist die schlimmste Droge von allen.

«Patrick Melrose» ab Montag auf Teleclub (SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.09.2018, 17:41 Uhr

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