Jetzt sorgen die Opfer des Lärms für Krach

Bis im April müssen Gemeinde- und Kantonsstrassen so saniert sein, dass Anwohner vor Lärm geschützt sind. Viele werden die Frist verpassen. Es drohen Schadenersatzklagen in Milliardenhöhe.

Matthias Zbären auf der Strasse in Horgen ZH, die ihn «permanent stört». Bild: Michele Limina

Matthias Zbären auf der Strasse in Horgen ZH, die ihn «permanent stört». Bild: Michele Limina

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Die Aussicht wäre herrlich. Durch die grossen Fenster sieht Matthias Zbären von seinem Wohnzimmer aus direkt hinunter auf den Zürichsee. «Trotzdem komme ich hier nicht zur Ruhe», sagt der ehemalige Devisenhändler. «Der Lärm von der Strasse stört permanent.»

Lastwagen, Personenwagen, Postautos – zehn Meter hinter dem Haus in Horgen rauscht auf der Zugerstrasse alle paar Sekunden ein Fahrzeug vorbei. «Seit 15 Jahren setze ich mich dafür ein, dass diese Stelle lärmsaniert wird, zum Beispiel mit einer Schutzwand», sagt Zbären. Die Behörden hätten immer wieder Anpassungen angekündigt. «Aber passiert ist bis heute nichts.» Jetzt hat der 58-Jährige genug. «Im nächsten Jahr werde ich klagen.»

Zbären wird nicht der Einzige sein. 30 Jahre lang hatten Kantone und Gemeinden Zeit, um ihre Strassen lärmsicher zu gestalten. Im April 2018 läuft die Frist aus. Dann können Anwohner, bei deren Liegenschaften die Grenzwerte der Lärmschutzverordnung überschritten werden, Schadenersatz fordern.

«Das Thema Lärmschutz wird leider nicht prioritär behandelt.»Sophie Hoehn, Sektionschefin Strassenlärm Bafu

«Uns ist nicht genau bekannt, wie weit die Kantone mit den Lärmsanierungen sind», sagt Sophie Hoehn, Sektionschefin Strassenlärm beim Bundesamt für Umwelt. «Grundsätzlich wissen wir, dass es wenige bis Ende März 2018 schaffen werden.» Vielerorts fehlen der politische Wille und die finanziellen Mittel. «Das Thema Lärmschutz wird leider nicht prioritär behandelt», sagt Hoehn. Entsprechend gross sei die Anzahl von Personen, die von übermässigem Strassenlärm betroffen bleiben werden. «Tagsüber ist jede fünfte und in der Nacht jede sechste Person an ihrem Wohnort schädlichem oder lästigem Strassenverkehrslärm ausgesetzt.»

Der Bund schätzte im Jahr 2013, welche Schadenersatzforderungen dies auslösen könnte. Laut SRF ging man damals in einem internen Papier von maximal 19 Milliarden Franken aus.

Auch der Bund wurde nicht rechtzeitig fertig

Nicht nur Kantone und Gemeinden sind im Hintertreffen. Schon 2015 hätten alle Nationalstrassen lärmsaniert sein müssen. Der Bund schaffte aber nur 91 Prozent des Strassennetzes rechtzeitig. «Auch heute sind die Arbeiten noch nicht ganzheitlich abgeschlossen», sagt Benno Schmid vom Bundesamt für Strassen. Über 150 Kilometer werden lärmtechnisch nach wie vor als «schlecht» oder «sehr schlecht» eingestuft. «Wir gingen davon aus, dass ab 2015 Schadenersatzforderungen eingehen», sagt Schmid. «Bisher gab es jedoch keine entsprechende Klage.»

Auf die Kantone wirkt das offenbar beruhigend. «Es kann durchaus sein, dass ein Teil der Strassenanwohner Entschädigungsforderungen stellen werden», sagt Andreas Stoecklin, Leiter Lärmschutz Basel-Landschaft. «Der Kanton geht allerdings von eher tiefen Kosten aus. Dies hat sich zumindest bei den Nationalstrassen so gezeigt.»

Die Kantone Genf, Solothurn und Waadt argumentieren gleich. Auch Bern, Basel-Stadt oder das Wallis erwarten «keine» oder «nur wenige» Klagen. Weil man bereits weit sei bei der Sanierung. Und weil die gerichtlichen Hürden hoch seien, um tatsächlich Schadenersatz zu erhalten.

300 Betroffene für Klage gesucht

Offenbar hat man die Rechnung ohne die Lärmliga Schweiz gemacht. «Praktisch kein Kanton hat seine Hausaufgaben in den letzten 30 Jahren gemacht», sagt Präsident Peter Ettler. «Man nimmt das Thema Lärmschutz einfach nicht ernst.» Der Verein kündigt nun Konsequenzen an. Einerseits bereitet er eine Musterklage vor. «Jeder Fall muss natürlich individuell behandelt werden. Aber wir wollen Interessenten eine Grundlage bieten, welche die formalen Anforderungen erfüllt», sagt Ettler.

Zudem organisiert die Lärmliga einen Pool von Klägern. «Es haben sich bereits mehrere Dutzend Personen gemeldet», sagt der Präsident. Man wolle insgesamt rund 300 Betroffene zusammenbringen. «Dann hätte eine gemeinsame Klage sicher enormes Gewicht.»

Rund 1000 Franken soll die Beteiligung an der Sammelklage kosten. «Deutlich weniger, als wenn sich jeder Geschädigte selbst einen Anwalt nimmt», sagt Ettler. Er vertrat bereits Anwohner des Zürcher Flughafens im Lärmstreit. «Ob wir auch hier recht bekommen, kann ich ehrlicherweise nicht abschätzen. Auf jeden Fall wächst so der Druck, dass Kantone und Gemeinden endlich vorwärtsmachen.»

Lärm steigert das Risiko von Herzinfarkten

Laut Lärmliga Schweiz ist der Handlungsbedarf dringend. Es komme in der Schweiz jährlich zu mindestens 500 Todesfällen, die auf die Langzeitfolgen von Lärm zurückzuführen seien. Bestätigt fühlt sich der Verband durch eine neue Studie unter der Leitung des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts. «Wir haben untersucht, wie sich der Lärm auf die Schweizer Bevölkerung auswirkt», sagt Autor Martin Röösli. «Tatsächlich zeigte sich ein Zusammenhang mit der Gesundheit.»

So wachse das Risiko von Schlaganfällen, Bluthochdruck oder Diabetes mit dem Strassenlärm an. «Signifikant ist auch der Einfluss auf Herzinfarkte. Steigt der Strassenlärm am Wohnort um 10 Dezibel, nimmt das Risiko um 4 Prozent zu», sagt Röösli. Das klinge nach wenig. «Aber bei rund 20'000 Todesfällen pro Jahr wegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist das eine ernst zu nehmende Zahl.»

Matthias Zbären hatte in den letzten Jahren drei Herzoperationen. «Ich will das nicht nur auf den Lärm schieben. Aber dieser war sicherlich ein Faktor», sagt er. Auch wegen der gesundheitlichen Folgekosten will der Horgener im Frühling Schadenersatz einfordern. Er hofft auf Unterstützung aus dem Quartier. «Nicht nur meine Liegenschaft ist betroffen.» Der ehemalige Banker will mit der Vorlage der Lärmliga Schweiz auf Nachbarn zugehen. «Offenbar geschieht erst etwas, wenn sich die Masse zur Wehr setzt.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.12.2017, 18:49 Uhr

Kühe, Kirchen und Schiffshörner

Diese Lärmklagen sorgten für Schlagzeilen.


Flughafen zahlt 63 Millionen

2008 entschied das Bundesgericht in einem Pilotprozess zugunsten der Besitzer eines Einfamilienhauses, die wegen Lärm am Zürcher Flughafen Schadenersatz gefordert hatten. Darauf folgte eine Klagewelle von Tausenden Anwohnern aus der Region. Auf der Website des Airports heisst es aktuell, dass bisher «62,9 Mio. Franken an Lärmentschädigung ausbezahlt» wurden.

Kühe ohne Glocken

Ein Pöstler aus Etziken SO fühlte sich 2014 durch die 27 Kühe des Nachbars gestört. Der Friedensrichter sorgte für einen Kompromiss: Nachts dürfen die Tiere keine Glocken mehr tragen.

Festival macht Kehrtwende

Das Weihern Openair in St. Gallen löste 2016 acht Lärmklagen aus. Die Polizei drohte vorübergehend damit, das Festival abzubrechen, was schliesslich verhindert werden konnte. Für die Zukunft hat der Gründer des Openairs nun Anpassungen angekündigt. «Wir werden die Bühne in Richtung Wald drehen, damit der Schall weniger in die betroffenen Regionen geht», sagte er im letzten April auf Radio FM1.

Stille Nacht, heilige Nacht

Kirchenglocken geben immer wieder Anlass zu Klagen. In Wädenswil ZH etwa wurde der nächtliche Viertelstundenschlag letztes Jahr untersagt. Die Kirchenpflege zog den Fall zuletzt vor Bundesgericht.

Rentnerin leistet Widerstand

Seit diesem Sommer dürfen die Kursschiffe auf dem Zürichsee nur noch in Ausnahmefällen ihr Horn benutzen. Dies entschied das Bundesamt für Verkehr nach der Klage eines Seeanwohners. Eine 85-Jährige vermisste den Ton so sehr, dass sie seither immer wieder knapp vor den Schiffen durchschwimmt. Somit lässt sie den Kapitänen keine Wahl: Sie müssen als Warnsignal doch wieder laut hornen.

Musik lässt Geschirr klirren

Ein Zumba-Studio nervte drei Anwohner derart, dass sie vor das Zuger Kantonsgericht zogen. Die Rhythmen würden «selbst im ersten Obergeschoss zu Vibrationen führen, die auf dem Bürostuhl wahrgenommen werden und das Geschirr klirren lassen», argumentierten sie laut «Luzerner Zeitung». Noch bevor der Richter entscheiden konnte, suchten sich die Anbieter im letzten März ein neues Studio.

Kicker auf dem Kieker

Seit Jahren klagen zwei Bewohner von Herrliberg ZH gegen den lokalen Fussballclub, dessen Sportplatz sei zu lärmig und zu hell. Derzeit befasst sich das Bundesgericht mit dem Fall.

Ärger um alten Brauch

Das Chlauschlöpfen hat im Bezirk Lenzburg AG lange Tradition. Die Teilnehmer versuchen, mit einer Geissel möglichst laut zu knallen, um so den Samichlaus aufzuwecken. Das führt immer wieder zu Lärmklagen, auch in diesem Jahr, wie SRF kürzlich berichtete. Allerdings sind die Chlöpfer im Recht: Laut dem regionalen Polizeireglement ist der lärmige Brauch explizit erlaubt.

In Zahlen

2,8 Mrd.
Franken investierte der Bund bis 2015 in die Lärmsanierung der Nationalstrassen. Für das gesamte Netz reichte das nicht aus.

85 %
aller Schweizer, die von Strassenlärm betroffen sind, leben in Städten und Agglomerationen.

900'000
Wohnungen sind laut dem Bundesamt für Umwelt tagsüber von
Strassenverkehrslärm betroffen.

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