Joker unser

Spinnt der Horrorclown? Oder die ganze Welt? Der Film «Joker» über den Batman-Bösewicht trifft selbstverliebt den Nerv der Zeit.

Der Film um den psychisch kranken Joker (gespielt von Joaquin Phoenix) wird in den USA als gefährlich eingestuft. Foto: 2019 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved. TM & DC Comics

Der Film um den psychisch kranken Joker (gespielt von Joaquin Phoenix) wird in den USA als gefährlich eingestuft. Foto: 2019 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved. TM & DC Comics

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Der Mann, der später Joker wird, möchte ein Komiker sein, aber niemand findet ihn lustig. Mit einer Ausnahme: Ein Kind muss lachen, als der Buspassagier auf dem Sitz hinter ihm Grimassen macht. Endlich hat der traurige Witzbold ein Publikum. Aber da dreht sich die Mutter des Kleinen um und staucht den Mann zusammen: «Hören Sie auf, meinen Sohn zu belästigen.»

Das klingt nicht nach Superheldenfilm – was «Joker» eigentlich auch nicht ist. Aber der Mann mit dem gefrorenen Grinsen im Gesicht ist nun mal der wichtigste Gegenspieler Batmans, auch wenn es hier um die Zeit geht, bevor die beiden Kontrahenten wirklich aufeinandertreffen. Im Zentrum steht die Erschaffung des Oberbösewichts, sein Joker-Werden. Da geht es um sehr weltliche Dinge. Bei ­seiner Premiere in Venedig erhielt «Joker» hervorragende Kritiken und den Hauptpreis des Festivals. Inzwischen sind die Bewertungen zurückhaltender. Eine Frage ist ins Zentrum gerückt: Animiert der Film zu Gewalt?

Auf den ersten Blick ist es so: Arthur Fleck, wie der Möchtegernkomiker heisst, ist psychisch krank. Er muss überall unten durch, fantasiert aber von Auftritten in einer TV-Talkshow und von einer Beziehung mit der ­Alleinerziehenden vom gleichen Stockwerk. Keine Chance. Bis er merkt, dass er in seinem Wahn durchaus Macht ausüben kann. Und zwar, indem er Menschen umbringt und fast beiläufig eine politische Bewegung – «Kill the rich!» – auslöst. Hi, hi, hi, jetzt liegt ihm die Welt zu Füssen.

Angehörige von ­Attentat-Opfern sind besorgt

Das ist natürlich nicht zum Lachen. Und Regisseur Todd Phillipps, der Macher der «Hangover»-Komödien, erzählt das auf differenzierte Art. Was ist Ursache, was Wirkung? Was lässt sich erklären, was nicht? Auf alles hat der «Joker»-Film eine Antwort, die der Hauptdarsteller Joaquin Phoenix noch verstärkt. Aber die Frage bleibt, ob man im Superhelden-Genre, in dem die ­Grenzen zwischen Gut und Böse normalerweise klar verlaufen, so etwas überhaupt wahrnehmen will? Zumal der am sehnlichsten erwartete Film des Jahres nun an seinem Start­wochenende in den USA selber als «gefährlich» eingestuft wird. Eigentlich wegen Fake News.

Plötzlich wird dieser «Joker»-Film nämlich mit dem Attentat auf ein Kino in Verbindung gebracht. 2012 erschoss ein Spinner bei einer Mitternachtspremiere von «The Dark Knight Rises» zwölf Menschen. Im kollektiven Gedächtnis blieb haften, dass der Täter von Aurora «Ich bin der Joker» ins ­Publikum gerufen haben soll und Batman-Fan gewesen sei. Das entpuppte sich bei der Polizeiuntersuchung aber als falsch, er hatte sich einfach eine grosse Film­premiere ausgesucht.

Trotzdem haben Angehörige der Opfer in einem Brief an die «Joker»-­Produzenten ihre Bedenken formuliert. Warner Bros. antwortete, es sei «nicht die Absicht des Films, der Filmemacher oder des Studios, die Joker-Figur als Helden darzustellen». Aber die Sache nahm ihren Lauf, vervielfacht von den sozialen Medien. Und als erste Erkenntnis bleibt: Jede Zeit hat den Joker, den sie verdient.

Der Joker war auch einmal ein Latin Lover

Aufgetaucht ist die Figur bereits im ersten Batman-Heft von 1940, aber es dauerte eine Weile, bis sie den Sprung auf die Leinwand schaffte: Cesar Romero spielte den Batman-Gegenspieler in der TV-Serie und dem Film aus den 1960er-Jahren. Er war als Latin-Lover bekannt und verlieh seinem eher vulgären Bösewicht eine ­Prise Hippie-Seligkeit. Jack Nicholson spielte den Joker dagegen als kunstbeflissenen Grosskotz, der perfekt in die protzigen 1980er-Jahre passte. Heath Ledger war ein Terrorist im zunehmenden Überwachungsstaat nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center. Jared Leto vor zwei Jahren war nur noch eins: sehr überkandidelt und sehr verwirrt.

Und Joaquin Phoenix? Er ist das alles und noch viel mehr: Manchmal ein von Selbstmitleid zerfressenes Bubi, manchmal Selbstdarsteller, der mit absurd magerem Oberkörper im Gegenlicht tanzt. Ein Sohn, der liebevoll die Mutter pflegt, ein Narzisst, der sich die Medien zu eigen machen kann: Der Film spielt in den 1980er-Jahren, Robert De Niro gibt einen altväterlichen Talk-Show-Gastgeber, der alles tut für die Quote. Die Welt, die der Film präsentiert, ist zwar von gestern – ferngesehen wird noch auf flimmernden Kisten –, aber gleichzeitig ist sie so komplex wie die von heute.

Ganz zu Beginn, als der Joker noch ein kleiner Clown ist, wird er von ein paar Strassenjungen zusammengeschlagen. Geschunden liegt er am Boden, auf der Brust trägt er die Blume, mit der die echten Bösewichte wie Jack Nicholson süsses Gift zu versprühen ­pflegten. Hier entrinnt dem Plastik­ding nur ein harmloses Wässerchen, das in den Boden sickert. Niemand lacht. Aber der Keim von allem ist ­bereits da.

«Joker»: ab Donnerstag im Kino



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Erstellt: 06.10.2019, 20:40 Uhr

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