Jung, arbeitslos, ausgesteuert

Mehr als 4000 Jugendliche sind ausgesteuert. An der hohen Zahl ist auch die Digitalisierung schuld.

Abgeschlossene Lehre aber kein Job: Viele Jugendliche bräuchten Hilfe beim Bewerben. Foto: Shutterstock

Abgeschlossene Lehre aber kein Job: Viele Jugendliche bräuchten Hilfe beim Bewerben. Foto: Shutterstock

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Eine Depression hat den 20-Jährigen aus der Bahn geworfen. Er verfügt über eine abgeschlossene Lehre im Detailhandel, aber findet trotzdem keinen Job. «Er braucht zum Beispiel Hilfe beim Einreichen einer Onlinebewerbung», schildert Sarah Michelsen den Fall. Sie ist Sozialarbeiterin und Coach beim Coaching 16:25, einem Angebot der Sozialen Dienste Zürich, das auch ausgesteuerte Jugendliche in Anspruch nehmen können. Unter 25-Jährige also, die ohne Stelle dastehen und kein Arbeitslosengeld mehr bekommen. Michelsen soll ihnen helfen, den Wiedereinstieg zu schaffen.

Wer schon als Jugendlicher lange arbeitslos sei, finde oft nur mit grossem Aufwand in die Arbeitswelt zurück, sagt Michelsen. Umso besorgniserregender ist darum die Tatsache, dass die Zahl der aus­gesteuerten 14- bis 25-Jährigen in den letzten Jahren gestiegen ist. Zwischen 2009 und 2016 nahm sie von rund 1800 auf mehr als 4600 zu. 2017 verharrt sie wohl auf ähnlichem Niveau wie im ­Vorjahr.

Verantwortlich für diesen Anstieg ist vor allem die 2011 umgesetzte Revision des Arbeitslosenversicherungsgesetzes (Avig). Unter 25-Jährige, die bereits Geld verdient haben und den Job verlieren, haben seither noch Anspruch auf höchstens 200 Taggelder – vorher waren es bis zu 400. Sie fallen seit der Revision also früher aus der Arbeitslosenstatistik und werden rascher ausgesteuert.

Weniger einfache Jobs, höhere Anforderungen

Zwar ist die Zahl der Aussteuerungen auch in anderen Altersgruppen gestiegen. Aber «die jungen Leute trifft es besonders hart», sagt Corrado Pardini, Berner SP-Nationalrat und Unia-Gewerkschafter. Denn bei der Arbeit gehe es nicht nur um Lohn, sondern auch um Integration, Ansehen und ­Respekt. «Wenn das schon beim Berufseinstieg fehlt, kann das ­psychologisch gravierende Folgen haben.» Pardini stellt fest, dass ­junge Langzeitarbeitslose häufiger psychische Probleme haben, zu ­Alkohol oder Betäubungsmitteln greifen oder Delikte begehen. «Diese Folgen und die Kosten ­davon erscheinen leider in keiner Statistik.»

Die Gesetzesrevision 2011 kann den Aufwärtstrend in der ­Statistik nicht ganz erklären. Denn auch nach dem Sprung 2011 stieg die Quote weiter an. Michael ­Siegenthaler, Arbeitsmarktökonom bei der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF), sieht dafür zwei weitere Gründe. Erstens eine Delle im Arbeitsmarkt, der sich «seit rund drei Jahren nicht mehr so dynamisch entwickelt wie zuvor». In der Industrie gebe es seit dem Franken­schock sogar einen Beschäftigungsrückgang. Zweitens steige die Nachfrage nach Mitarbeitern mit Berufserfahrung, sagt Siegenthaler.

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Auch Michelsen vom Coaching 16:25 beobachtet, dass an junge Bewerber höhere Anforderungen gestellt werden. «Durch die Digitalisierung verschwinden niederschwellige Jobs, die auch Menschen mit psychischen oder kognitiven Beeinträchtigungen erledigen können.»

Es besteht teilweise Hoffnung

Immerhin: Für einen Teil der Ausgesteuerten besteht Hoffnung. Laut einer Studie des Bundesamtes für Statistik (BFS) findet die Hälfte aller ausgesteuerten Personen innerhalb eines Jahres wieder eine Stelle, wenn auch oft zu schlechteren Bedingungen. Bei Menschen unter 29 Jahren sind es sogar 58 Prozent. Stellt sich die Frage, was mit den restlichen rund 40 Prozent geschieht.

SP-Politiker Pardini möchte verhindern, dass Jugendliche überhaupt aus dem Arbeitsprozess ­fallen. Sein Ansatz: Sobald sie die Hälfte ihrer Arbeitslosentaggelder bezogen haben, müssen sie betreut und bei der Stellensuche begleitet werden. Der Gewerkschafter will in der nächsten Session eine Interpellation zu diesem Thema ein­reichen.

Konkret möchte Pardini vom Bundesrat wissen, ob er sich des Problems bewusst ist und seinen Lösungsansatz prüfen wird. Auch Bürgerliche nehmen die Zahlen ernst. «Diese Entwicklung müssen wir genau beobachten. Ich nehme das nicht auf die leichte Schulter», sagt der Luzerner CVP-Nationalrat Leo Müller. Er sieht aber vorläufig keinen Bedarf einzugreifen.

Schüler begleiten, wenn sie den Anschluss verlieren

Ein Lösungsansatz könnte das 2006 eingeführte Case Management sein, sagt Ursula Renold. Sie war früher Direktorin des Bundesamts für Berufsbildung und Technologie und ist heute bei der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich für Bildungssysteme zuständig. Das Konzept sieht vor, dass Schüler begleitet werden, die den Anschluss zu verlieren ­drohen. Doch die Kantone handhaben diese Aufgabe laut Renold unterschiedlich. «Bei konsequenter Umsetzung des Case Managements liesse sich die Zahl der Ausgesteuerten senken», sagt sie.

Dass eine enge Begleitung wichtig ist, betont auch Sarah Michelsen vom Coaching 16:25. «Gerade bei Kindern aus prekären familiären Verhältnissen lohnt sich eine gezielte Frühförderung.»

Erstellt: 20.01.2018, 19:50 Uhr

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