«Viele Eltern können nicht loslassen»

Ulrike Bartholomäus über chillende Jugendliche ohne Durchhaltevermögen und wie Eltern mit diesen umgehen sollten.

Rumhängen und chillen: Ist der durchgeplante Schulalltag zu Ende, haben Gymnasiasten oft Mühe, ihren Tagesrhythmus zu strukturieren. Foto: Getty Images

Rumhängen und chillen: Ist der durchgeplante Schulalltag zu Ende, haben Gymnasiasten oft Mühe, ihren Tagesrhythmus zu strukturieren. Foto: Getty Images

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Letzten Sommer staunte die Berliner Wissenschaftsjournalistin ­Ulrike Bartholomäus: Ihre 18-jährige Tochter hatte die Schule abgeschlossen, das volle Leben wartete – doch anstatt mit beiden Händen danach zu greifen, verkroch sie sich in ihrem Zimmer. Wie ihrer Tochter geht es vielen jungen Menschen: Sie sind bestens ausgebildet, haben Followers und Sprachkenntnisse – aber keine Ahnung, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen. Über diese grosse Orientierungslosigkeit nach der Schule hat Bartholomäus ein Buch geschrieben. Und gibt den Eltern einen Tipp: Entspannt euch.

Schule fertig – und null Plan für die Zukunft. Was ist da los?
Viele Jugendliche sind in dieser Situation wie blockiert, erschlagen von der riesigen Palette an Op­tionen. Aus Angst, sich falsch zu entscheiden, verbringen sie ihre Tage erst mal mit Netflix. Wissenschaftler nennen es das Auswahlparadox. Je mehr Optionen, desto unzufriedener werden wir. In Deutschland gibt es 19'000 Studiengänge – das braucht niemand.

Ein Luxusproblem? Wer eine Lehre macht, muss schon mit 16 einen Beruf wählen.
Die allermeisten Gymnasiasten sind es gewohnt, dass immer Input von aussen kommt. Sie haben wenig Routine darin, ihren Tagesrhythmus zu strukturieren. In der Schule ist jahrelang alles durchgeplant, dank der sozialen Medien sind Freunde jederzeit und überall verfügbar. Wenn das vorbei ist und die Jungen auf sich allein gestellt sind, fallen sie in ein Loch. Meine Tochter hatte letzten Sommer eine sehr unglückliche Zeit.

Junge könnten nach der Schule doch die Welt bereisen!
Viele wollen gar nicht reisen. Sie wollen nicht weg von zu Hause – weils zu Hause bequemer ist.

Ist die Jugend verweichlicht?
Ich finde den Begriff verweichlicht etwas hart. Ich stimme zu, dass es vielen Jugendlichen an Durchhaltevermögen fehlt. Es fällt ihnen schwer, auch mal Langeweile auszuhalten, sich durchzubeissen oder mit Kritik umzugehen. Aber sie können teilweise gar nichts dafür. Ursache sind die Helikoptereltern, die ihren Kindern alle Probleme aus dem Weg räumen. Daraus werden unreife junge Menschen, die sich nichts zutrauen.

Ulrike Bartholomäus, 53: «Viele Eltern können nicht loslassen». Foto: PD

Sie schreiben, 18-Jährige seien auch neurobiologisch gesehen unreifer als vor 20 Jahren.
Einerseits beginnt die Pubertät immer früher. Andererseits dauert es immer länger, bis junge Menschen die geistige Reife erlangt haben, die unsere Gesellschaft von ihnen verlangt. Mittlerweile kann es bis zum 25. Lebensjahr dauern, bis die Entwicklung des Vernunftzentrums im Hirn abgeschlossen ist, das für Kontrolle und Planung zuständig ist. Das heisst: Die Phase der Selbstfindung hat sich ausgedehnt.

Die Eltern werden also ungeduldig, das Kind soll sich entscheiden. Und wenn es dann eine Lehre beginnt anstatt ein Studium?
Genau das ist das Problem. Die meisten Mittelschichtseltern haben hohe Erwartungen an das Kind. Sie sind getrieben von Abstiegsängsten. Wird das Kind zum Projekt, ist sein Bildungsstand auch Statussymbol. Noch extremer ist es, wenn man nur ein Kind hat anstatt drei. Als wäre es lebens­bestimmend, wenn der Sohn eine Lehre macht! Das sind die Dünkel der Akademiker. Diese Erwartungen lähmen viele Junge.

Was ist denn eigentlich so schlimm daran, wenn man nach der Schule erst mal entspannt?
Drei Monate chillen nach all den Prüfungen – kein Problem. Aber dann muss was kommen. Alles ist möglich, solange es die Jungen aus der Komfortzone holt: Jobben, Freiwilligenarbeit, den Opa pflegen, reisen. Schlimm ist nur, gar nichts zu tun, da sind sich alle Psychologen einig. In diesem Alter vernetzen sich die Hirnareale blitzschnell – sofern Input kommt.

Viele Eltern wollen helfen, lassen ihre Kontakte spielen und vermitteln ein Praktikum oder organisieren einen Studienplatz. Gute Strategie?
Nein! Diesen Aktionismus halte ich für komplett fehl am Platz. Eltern müssen diesen Erledigungsreflex unterdrücken. Es ist doch von einem Jugendlichen zu erwarten, dass er selber anruft fürs Praktikum oder sich fürs Studium anmeldet. Doch viele Eltern können nicht loslassen. Eine Professorin hat mir erzählt, dass manche Eltern bei ihr eine Art Sprechstunde verlangen, weil sie sich immer noch zuständig fühlen für ihr Kind. Ich sage: Runter vom Radar!

Was sollen Eltern denn sonst tun, wenn sie sehen, dass ihr Kind nicht in die Gänge kommt?
Eine Deadline fixieren. «Bis im Herbst rumhängen ist okay, dann unternimmst du was.» Sagt das Kind: «Ich mach gar nichts», würde ich das nicht akzeptieren. Das Problem ist, dass in den meisten Familien nicht verhandelt wird. Die Eltern halten still und hoffen, dass was passiert. Tut es aber oft nicht.

Und die Eltern werden nervöser.
Mitunter sind sie dann bereit, unglaubliche Lasten zu tragen, finanzieren nachträglich eine teure Ausbildung, bringen das Kind ins Praktikum nach Singapur. Bitte nicht! Eltern sollten einfach mal entspannen. Und sich fragen: Geht es hier um meine Erwartungen oder um die meines Kindes?

Sie beschreiben Bumerang-Kinder: Studium geschmissen, Ausbildung abgebrochen, zurück zu Mama und Papa.
Die werden zahlreicher. Studien- und Lehrabbrüche gehören viel selbstverständlicher zum Lebenslauf. Das finde ich übrigens nicht schlimm: Lieber in jungen Jahren eine falsche Entscheidung treffen, als Mitte 40 in die Krise stürzen.

Sie haben für Ihr Buch mit zahlreichen Schulabgängern gesprochen. Wie nehmen Sie die heutige Jugend wahr?
Manche sind antriebslos, viele unverbindlich, da kommt bloss ein Whatsapp: «Kann heute nicht.» Eindrücklich ist aber: Sobald sie etwas Passendes gefunden haben, legen sie den Schalter blitzschnell um und starten durch. Ich empfinde sie als freie Generation, der vielleicht eine Art innere Instanz fehlt. Eine vertraute Person mit grossem Einfluss – bei mir war es mein Onkel –, an die man denken kann im Sinne von: «Was würde der an meiner Stelle jetzt tun?» Wie ein inneres Navi, das lenkt.

«Wozu nach den Sternen greifen, wenn man auch chillen kann?» Ulrike Bartholomäus, Berlin-Verlag, München 2019. 304 Seiten. Ca. 19 Franken.

Erstellt: 06.04.2019, 18:52 Uhr

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