Wie das Handy jungen Frauen die Liebe verdirbt

Sie lassen sich orten und verschicken Nacktfotos. Kontrolle und Missbrauch treffen Frauen der Generation Snapchat besonders hart.

Kontrolle, Macht, Missbrauch: Grenzüberschreitungen spielen sich oft im Internet ab. Foto: Plainpicture

Kontrolle, Macht, Missbrauch: Grenzüberschreitungen spielen sich oft im Internet ab. Foto: Plainpicture

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Wir schreiben das Jahr 2018, und es vergehen kaum zwei Wochen, in denen nicht ein Politiker, Regisseur oder Schauspieler von Vorwürfen der sexuellen Belästigung eingeholt wird, Schriftsteller sprechen öffentlich über Missbrauch in der Kindheit, und in der Schweiz nimmt sich die Politik häuslicher Gewalt und Stalking an. In der morgen beginnenden Sommersession berät das Parlament erstmals die Vorlage des Bundesrats, die dieser im Herbst verabschiedet hat. Mit Änderungen im Zivil- und Strafrecht will er Opfer besser schützen. Unter anderem sollen Stalker mit Rayon- oder Kontaktverboten per Fussfessel überwacht werden können.

Es scheint, als würden gerade die grossen Linien gezogen, als finde tatsächlich ein Umdenken statt. Umso bedenklicher also die Beobachtung, die Opferhilfestellen machen. Pia Allemann, Co-Geschäftsleiterin der Zürcher Beratungsstelle für Frauen gegen Gewalt in Ehe und Partnerschaft (BIF), etwa sagt: «Immer wieder lassen sich bei uns sehr junge Frauen zwischen 15 und 22 Jahren beraten, weil sie vom Partner kontrolliert, bedroht oder psychisch unter Druck gesetzt werden, beispielsweise via soziale Medien.» Dies reicht bis zur sexuellen Gewalt, die zunehmend auch unter Gleichaltrigen stattfindet.

Es geht um ähnliche Mechanismen wie bei den Weinsteins dieser Welt: Kontrolle, Macht, Missbrauch. Nur sind hier sehr junge Menschen betroffen, die viel verletzlicher sind. Weil sie erst lernen müssen, in einer Beziehung Nein zu sagen. Weil sie noch nicht so selbstbewusst sind und damit ­abhängiger vom Urteil Gleichaltriger. Und weil sich die Grenzüberschreitung bei ihnen, den Digital Na­tives, oft im Internet abspielt: also an dem Ort, der nichts vergisst.

App Nearby Friends: Der Aufenhaltsort wird mit Freunden geteilt.

«Mein Freund ist extrem eifersüchtig. Ich muss seine Anrufe immer abnehmen, sonst flippt er aus. Wenn er mir nicht glaubt, muss ich das Handy offen in die Tasche legen, damit er mithören kann, was ich mit anderen bespreche. Er hat angefangen, mich zum Training zu begleiten. Die andern finden das süss, doch das ist es nicht! Er beobachtet mich und macht mich fertig, weil ich den Trainer öfters angesehen hätte als ihn. Und er schreibt Nachrichten von meinem Handy, damit die anderen denken, das sei von mir. Die finden mich komisch!»

Der Fall ist fiktiv – allerdings einer, wie ihn die Zürcher Beratungsstelle für Frauen immer wieder erlebt. Seit März betreibt sie eine Onlineberatung – auch mit Blick auf jüngere Betroffene. Im letzten November haben elf Zürcher Opferberatungsstellen und Frauenhäuser eine Kampagne an Berufs- und Mittelschulen durchgeführt, um junge Frauen für Gewalt in der Partnerschaft zu sensibilisieren.

Es sei äusserst schwierig, übergriffiges Verhalten von Anfang an zu durchschauen, sagt Allemann – zumal vieles anfänglich einvernehmlich geschehe. Sie berichtet von jungen Frauen, die den Handycode gerne rausrücken – als Liebesbeweis. Sich geschmeichelt fühlen, wenn der Partner sehr genau wissen will, mit wem sie den Abend verbracht haben. Im ­Handy freiwillig die Ortungsfunktion einrichten, damit er jederzeit nachverfolgen kann, wo sie sind. Es akzeptieren, von ihren Freunden isoliert zu werden. Es normal finden, permanent online verfügbar zu sein, verpasste Telefonanrufe des Partners umgehend zu beantworten. Immer explizitere Nacktfotos verschicken. Allemann sagt: «Junge Menschen sind besonders verletzlich, weil sie in ihrer ersten Beziehung oft als Paar völlig verschmelzen.» Sie grenzen sich ab, Eltern kommen schlechter an ihre Kinder heran. «Es braucht ein gutes Selbstwertgefühl, um zu merken: Da ist etwas komisch, mein Partner vereinnahmt mich», sagt Allemann, «doch gerade dieses fehlt jungen Menschen oft.»

50 Anrufe pro Nacht vom Ex-Freund

«Können Sie mir helfen? Mein Problem ist eigentlich nicht Gewalt, aber es ist trotzdem etwas Gemeines. Mein Ex terrorisiert mich. Dauernd schreibt er mir, wo ich gerade sei, und wenn ich nicht sofort zurückschreibe, schreibt er ‹hab dich erwischt, bist mit einem im Bett› und so Zeugs. Er ruft mich dauernd an, manchmal bis zu 50 Mal pro Nacht. Ich nehme nicht ab, aber es macht mir Angst. Ich will ihn nicht blocken, das würde ihn nur noch wütender machen. Und jetzt hat er im Klassenchat Nacktfotos von mir verschickt. Das ist mir extrem peinlich. Er sagt, er habe noch mehr Fotos und Videos. Was ist, wenn meine Lehrmeisterin das herausfindet? Wie kann ich das stoppen?»

Klar, eine erste Liebe war schon immer ein Seiltanz, der Weg vom himmelhohen Glück zum abgrundtiefen Kummer ist kurz. Nur verkomplizieren heute Smart­phone, GPS-Tracker und soziale Medien alles. Eifersüchtige oder gekränkte Partner finden viele Wege, Druck zu machen: Mit Anwendungen wie Nearby Friends, Whats­spy oder Instasnoop können sie unbemerkt Profile durchstöbern. Sehen, ob der Ex-Partner in der Nähe ist. Onlinestatus und Profilbilder überwachen. Mit Facebook und Instagram verschwinden Distanzen, Verlassene finden leicht die Nähe ihrer Ex-Partner. Mit wem war er in den Ferien? Hat sie einen neuen Freund?

Die Generation Snapchat verschickt Fotos und Videos mit grösster Selbstverständlichkeit – die spätestens beim Streit oder einer Trennung zum Druckmittel werden können. Längst sind extreme Fälle bekannt – etwa jener einer heute 26-Jährigen, deren Ex-Freund sie heimlich beim Sex filmte und Jahre nach der Trennung Rachepornos ins Netz stellte. Vor kurzem verurteilte ihn das Bezirksgericht Winterthur zu einer Haftstrafe.

Das Alter spielt keine Rolle

«Bitte helfen Sie mir, mein Ex spinnt. Er tut als wären wir noch zusammen. Er schickt mir extrem viele Nachrichten, dass er mich liebt und mich zurückhaben will. In der Nacht schreibt er, wenn ich nicht sofort abnehme, sei ich schuld, falls etwas passiere. Ich habe Angst, am Morgen aus dem Haus zu gehen, denn dann steht er da und will mit mir reden. Oder es liegt ein Brief oder ein Päckli da, aber ich will diese Geschenke nicht. All unseren Kollegen verschickt er Fotos von uns, als wären wir noch zusammen.»

Sozialpädagogin Allemann sagt: «Übergriffiges, kontrollierendes Verhalten ist ein Indiz dafür, dass es nach einer Trennung zu klassischem Stalking kommt.» Zwar ist es keine Frage des Alters, Opfer von Stalking zu werden. «Wir erleben solche Fälle auch bei erwachsenen, gut ausgebildeten Frauen.» Schätzungsweise 17 Prozent der Frauen und 5 Prozent der Männer haben schon einmal Stalking in irgendeiner Form erlebt. Doch junge Menschen sind stärker gefährdet – und leichter erpressbar: Nicht nur ein Sextape kann sie in Verlegenheit bringen, sondern auch ein Foto, das sie rauchend im Ausgang zeigt. Oder ein muslimisches Mädchen verrät, das ohne Einverständnis der Eltern das Kopftuch abgelegt hat.

Und: Es beginnt nicht erst dort, wo jemand beim anderen im Garten herumschleicht. Es ist komplexer, subtiler – ein Knäuel von kontrollierendem, nachstellendem, belästigendem Gebaren. Stalking sei perfider geworden, sagt Pia Allemann: «Früher nannte man die Ex aus Rache eine Schlampe. Heute stellt man ein Nacktbild ins Netz.» Das dann Kollegen, Lehrmeister, Grosstante sehen können – alle. Die Scham: grenzenlos. Welche 16-Jährige geht mit einem Blowjob-Video zu ihren Eltern und beichtet, dass das nun im Internet zu sehen sei?

Stalking-Opfer sind zu 80 Prozent weiblich

Gabriela Kaiser von der Winterthurer Fachstelle OKey&KidsPunkt für Opferhilfeberatung und Kinderschutz beobachtet eine grosse Ambivalenz: «Fragt man junge Menschen, was sie sich für ihre ­Beziehung wünschen, offenbaren sie romantische Vorstellungen von Liebe, Ehrlichkeit, Toleranz, Treue. Gleichzeitig prahlen sie mit sexuellen Erfahrungen – Jungen wie Mädchen.» Dennoch sind es dann vor allem die jungen Frauen zwischen 18 und 24, die überproportional oft Opfer von Cyber-Belästigung werden. Auch Stalking-Opfer sind zu rund 80 Prozent weiblich.

Viele Betroffene können sich nicht distanzieren. «Sie sagen sich, ‹wenn ich ihn noch einmal treffe, renkt sich alles ein›», sagt Allemann. Ein Wunschdenken. Fast immer hilft nur eines: der komplette Kontaktabbruch. Meist holen sich die jungen Frauen erst Hilfe, wenn sie kurz vor dem Zusammenbruch stehen. Und sehr oft hört das belästigende Verhalten auf, sobald die Polizei involviert ist oder werden könnte: «Für die jungen Männer ist das ein Schock. Sie sind sich vielfach nicht bewusst, dass sie sich strafbar machen – oder leugnen es», sagt Allemann.

Es sind nicht nur die Männer, die Unwissen offenbaren. Auch unter jungen Frauen gibt es offensichtlich nicht wenige, die ihre Rechte nicht kennen und sich Dinge gefallen lassen, die sie nicht müssten – obwohl sie auf Facebook in den #MeToo-Chor einstimmen.

Erstellt: 26.05.2018, 20:49 Uhr

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