«Jungs finden Männer in Strumpfhosen total blöd»

Christian Spuck kann zwar den Spagat nicht mehr. Umso eindeutiger äussert sich der Zürcher Ballettdirektor etwa zur Homo-Ehe.

«Wir versuchen den Tanz zu nutzen, um wirklich Geschichten zu erzählen»: Christian Spuck, 49, im Opernhaus Zürich. Fotos: Dominique Meienberg

«Wir versuchen den Tanz zu nutzen, um wirklich Geschichten zu erzählen»: Christian Spuck, 49, im Opernhaus Zürich. Fotos: Dominique Meienberg

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Christian Spuck empfängt in seinem Büro am Opernhaus Zürich. Der 49-jährige Direktor des Balletts Zürich gehört derzeit zu den erfolgreichsten Choreografen. Soeben wurde er für einen der weltweit wichtigsten Tanzpreise nominiert: Der Prix Benois de la Danse wird am 21. Mai im legendären Bolschoi-Theater in Moskau verliehen.

Herr Spuck, Ihr Vorgänger Heinz Spoerli beklagte sich bitter über die jungen Tänzer, die heute jede Nacht in Clubs gingen, dort die Sonnyboys spielten und dann den ganzen Tag Red Bull tränken, damit sie fit sind. Ist es so schlimm?
Nein. Ich finde es gut, wenn meine Tänzer rausgehen und viel vom Leben mitkriegen. Von mir aus können sie auch Samstag und Sonntag durchfeiern. Ich habe das als Tänzer selber gemacht und auch mal ein bisschen zu viel getrunken. Und am Montag war ich wieder voll da.

Das geht?
Natürlich. Es gibt nichts Schlimmeres als Tänzer, die den ganzen Tag nur Ballett machen und sich am Samstagabend zu Hause einschliessen, um sich zu pflegen. Das finde ich irgendwie schwierig. Die haben dann ja gar nichts zu erzählen.

Spätestens seit dem Hollywoodfilm «Black Swan» verbinden viele das Ballett mit unsäglichen Strapazen, Neid und Einsamkeit ... Sie seufzen?
Das ist ein ziemlich schlechter Horrorfilm. Sämtliche Tänzer, die sich diesen Film anschauen, fangen laut an zu lachen, weil es einfach nicht wahr ist, was da gezeigt wird. Ich finde es schade, wenn die Ballettwelt so verzerrt dargestellt wird.

Es ist ein Klischee, dass es gnadenlose Konkurrenz gibt?
Natürlich gibt es Konkurrenz. Aber das kann auch positiv sein. Ein Beispiel: Bei Produktionen wie «Nijinski» oder «Bella Figura» bringen wir immer zwei komplette Besetzungen. Das heisst, die Tänzer stehen untereinander in Konkurrenz. Sie gucken, was der Kollege macht. Das kann aber eine Motivation sein. Anders sieht es vielleicht an Häusern wie dem Bolschoi oder der Pariser Oper aus. Dort gibt es starke Hierarchien, dadurch ist es schwieriger, Karriere zu machen. Da kann Konkurrenz sicherlich auch negative Auswüchse haben. Aber dass Glasscherben in Spitzenschuhe gelegt werden oder Menschen sich gegenseitig fertigmachen, habe ich noch nie erlebt.

«Meine ganze Tänzerkarriere habe ich darunter gelitten, dass ich so spät angefangen habe.»

Woher kommen heute die jungen Tänzer? Vor allem aus Osteuropa und Asien?
Unter anderem. Es kommen Tänzer von überall her zum Vortanzen. Aus der Schweiz sind es leider nur wenige.

Woran liegt das?
Schwer zu sagen. An den Ballettschulen gibt es in den tieferen Klassen viele Schweizer Kinder, aber sobald der Punkt kommt, an dem man sich entscheiden muss, ein professioneller Tänzer zu werden, springen viele Schweizer ab und wählen andere Berufe. Obwohl die Schweiz mehr und mehr ein tanzbegeistertes Land ist. «Steps» zum Beispiel ist eines der besten Tanzfestivals weltweit.

Sie selbst haben erst mit 21 Jahren mit dem professionellen Tanzen angefangen und sind in der Ballettschule zweimal ­sitzen geblieben.
Meine Eltern entschieden, dass ich erst das Abitur machen und in den Zivildienst gehen sollte. Heute bin ich ihnen dankbar dafür. Aber damals war ich wütend. Meine ganze Tänzerkarriere habe ich darunter gelitten, dass ich so spät angefangen habe, weil man dann bestimmte Koordinationsprozesse und Abläufe wahnsinnig schwer lernt. In den ersten zwei Jahren an der Ballettakademie hatte ich im klassischen Tanz ein «mangelhaft». Ich glaube, beim Abschluss habe ich ein «befriedigend» geschafft. Auch die Zeit als Tänzer war für mich oft schwieriger als für andere. Jetzt als Ballettdirektor schlägt das in einen Vorteil um, weil ich Verständnis dafür habe, wenn etwas nicht funktioniert.

Sie haben am Opernhaus Zürich eine sagenhafte Auslastung von 98 Prozent, die Vorstellungen sind praktisch alle ausverkauft. Etwa 80 Prozent der Produktionen, die Sie zeigen, sind zeitgenössischer Tanz. Versuchen Sie damit, das Ballett populärer zu machen?
Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, den Menschen das klassische Ballett nahezubringen. Der klassische Tanz hat viele Fans. In Zürich können wir uns ein grosses klassisches Repertoire auch vom Personal her schwer leisten. Wir sind eine Kompanie mit 36 Tänzern und 14 Junior-Tänzern. Das Staatsballett in München hat zwischen 80 und 90 Tänzer, die ganz grossen Kompanien wie Bolschoi und Paris zwischen 120 und 200 Tänzer. Das klassische Ballett hat dort kulturpolitisch eine ganz andere Bedeutung, es ist geschichtlich ganz anders gewachsen. Es ist in Frankreich unter Ludwig XIV. entstanden und erlebte in Russland eine grosse Blüte. Kulturpolitiker in Russland sagen: Wir haben zwei Exportschlager, die Kalaschnikow und das Ballett.

«Ballett ist grundsätzlich nicht billig.»

Es gibt das Gerücht, dass in Zürich auf dem Schwarzmarkt bis zu 500 Franken bezahlt werden, wenn eine Ballettvorstellung ausverkauft ist. Stört Sie das?
Ich habe damit nichts zu tun. Über den Erfolg und Zulauf freue ich mich natürlich. Ich bin in fast jeder Vorstellung. Wenn ich dann dasitze, in die Ränge hochgucke und alles ist voll, ist das natürlich schön.

Was kostet es, eine Ballettproduktion auf die Bühne zu bringen? Eine halbe Million Franken?
Das ist unterschiedlich. Grosse Produktionen wie «Romeo und Julia» oder «Anna Karenina» sind von den Kostümen und vom Bühnenbild her sehr aufwendig und kosten daher viel. Abstrakte Abende sind im Ausstattungsbereich nicht so teuer, aber dafür hat man vielleicht einen berühmten Choreografen engagiert, der eine höhere Gage bekommt. Ballett ist grundsätzlich nicht billig.

Und dann wird eine Produktion vier-, fünfmal gezeigt und verschwindet wieder vom Spielplan?
Wir spielen Produktionen im Minimum achtmal. Spitzenreiter war «Nussknacker und Mausekönig» mit 15 Vorstellungen. Die Blockbuster wie «Romeo und Julia» holen wir meistens nach einem oder zwei Jahren wieder raus und spielen sie noch mal.

«Bei Respektlosigkeit gegenüber der Arbeit, dem Choreografen oder Kollegen greife ich sehr schnell ein.»

Werden Sie in den Proben eigentlich auch mal laut?
In den sieben Jahren, die ich in Zürich bin, kam das etwa zweimal vor.

Der Anlass?
Respektlosigkeit. Das ist etwas, das ich total ablehne. Faulheit, Müdigkeit, mal nicht können, quatschen in den Proben, unaufmerksam sein – das sind alles Sachen, die ich verstehe. Aber bei Respektlosigkeit gegenüber der Arbeit, dem Choreografen oder Kollegen greife ich sehr schnell ein.

Werden Ballettdirektoren gehandelt wie Fussballtrainer und verdienen entsprechend viel?
Das wäre toll, ist aber nicht so. Man verdient ausreichend und kann gut davon leben.

Sie möchten das nicht konkretisieren?
Ungern. Die Kehrseite der Medaille ist, dass ich manchmal bis zu sechs Wochen ohne einen freien Tag arbeiten muss, und zwar von morgens um acht bis abends um elf. Manchmal fragt mein Mann zu Hause: Haben wir eigentlich noch ein Leben zusammen?

Er ist Amerikaner und heisst James.
Genau. Sie kennen ihn!

Leider nein. Ist er auch Tänzer?
Er hat lange im Musicalbereich gearbeitet.

So haben Sie sich kennen gelernt?
Ja, in Stuttgart. Als ich das Angebot erhielt, nach Zürich zu kommen, war für mich klar: entweder zu zweit oder gar nicht. Er hat sich dann entschieden, seine Bühnenkarriere zu beenden, und eine Ausbildung als Pilates-Trainer gemacht.

Kürzlich hat Sven Epiney seinem Freund im Fernsehen einen Heiratsantrag gemacht. Wie finden Sie das?
Ich habe grundsätzlich Schwierigkeiten mit Heiratsanträgen im Fernsehen. Wenn sich zwei Menschen lieben, ist das etwas Grossartiges, doch eigentlich etwas sehr Intimes.

Wie war das bei Ihnen?
Ich habe meinem Mann den Antrag zu Hause gemacht und war furchtbar enttäuscht, weil der Verlobungsring, den ich ihm gegeben habe, zu gross war. Er ist vom Finger abgefallen.

Wenigstens nicht vor laufender TV-Kamera.
Ich finde es seltsam, wenn man einen Heiratsantrag in einer so grossen Öffentlichkeit macht. Aber wenn es Menschen gibt, die Lust dazu haben, sollen sie das machen. Das tut ja niemandem weh. Interessant ist die Diskussion, die danach in der Schweiz entstanden ist, ob Schwulenfeindlichkeit strafrechtlich genauso verfolgt werden soll wie andere Diskriminierungen.

Gegen diese Ausweitung der Antirassismusstrafnorm auf Homo- und Bisexuelle, die das Parlament beschlossen hat, gibt es Widerstand.
Ja, es gibt eine Gegenbewegung, die 70'000 Unterschriften gesammelt hat. Aber ich empfinde Zürich und die Schweiz als sehr liberal gegenüber Homosexuellen. Ich hatte hier noch nie Schwierigkeiten.

In Deutschland ist die Eheschliessung für gleichgeschlechtliche Paare möglich. In der Schweiz nicht.
Es gibt auch hier Bemühungen, damit man richtig heiraten kann. Ich finde das super. Es wird immer Menschen geben, die das nicht verstehen und dagegen protestieren, aus welchen Gründen auch immer. Ein bisschen Protest ist in Ordnung, weil es die Diskussion wachhält. Aber es darf keine Diskriminierung stattfinden, die zu Verletzungen oder Benachteiligungen führt.

«Wir versuchen den Tanz zu nutzen, um Geschichten zu erzählen.»

Reden wir über den Nachwuchs in Ihrem Beruf. Wie ist es heute als Bub, wenn man den Kollegen erklären muss, dass man einen Sport macht, bei dem man Strumpfhosen tragen muss?
Wenn sich ein Bub für das Ballett entscheidet, wird er es lieben und begeistert sein. Für die Jungs im Allgemeinen gilt das eher weniger. Die wollen meist Astronaut oder Fussballer werden. Fast keiner sagt, ich möchte Tänzer sein. Wir haben seit 2012 ein Programm für Schulen, darunter solche an den sozialen Brennpunkten. Vor jeder Premiere kommen mindestens zehn Klassen in die Proben. Auch in den Vorstellungen haben wir viele Schulklassen. Wenn wir Sachen zeigen wie «Giselle» oder «Schwanensee», weiss ich genau, wo im Saal sie sitzen. Denn wenn die ersten Männer auf die Bühne kommen, wird gekichert. Jungs finden Männer in Strumpfhosen erst mal albern und total blöd. Aber wenn sie dann sehen, wie die zum Beispiel in «Romeo und Julia» mit dem Degen aufeinander losgehen, sind sie plötzlich ganz still und voll dabei.

Wenn Tänzer über ihren Beruf reden, kommt immer wieder ein Wort: Schmerz. Das fängt schon beim Spitzenschuh an, der nicht der Anatomie des Fusses entspricht.
Ja, Chapeau, dass die Damen einen ganzen Abend auf Spitze tanzen.

Warum bleibt das den Männern erspart?
Weil sie zu schwer sind. Der Spitzentanz ist im 19. Jahrhundert entstanden. Es war der Wunsch, die Schwerkraft zu überwinden. Dann gab es auf einmal diese ganzen Feenwesen. Da war immer der Wunsch, dass die schweben, vom Boden wegkommen. Daraus hat sich der Spitzenschuh entwickelt.

Verraten Sie uns ein paar Balletttricks. Warum wird einem Tänzer bei den Pirouetten nicht schwindlig?
Man muss bei jeder Drehung einen einzigen Punkt fixieren. Man nennt das «spotten».

Im «Schwanensee» muss Odile 32 Fouettés machen, Drehungen auf einem Bein. Wie weiss die Tänzerin, dass sie bei 32 ist?
Sie zählt mit.

Sind diese Pirouetten und Sprünge nicht langsam vorbei?
Ich glaube nicht. Im 19. Jahrhundert hat man Geschichten wie «Giselle» als Folie genommen, damit jemand grosse Sprünge machen und sich 100-mal im Kreis drehen kann. Das Publikum freut sich immer wahnsinnig, wenn diese gezeigt werden. Sie sind auch wirklich spektakulär. Aber irgendwie können sie auch auf die Nerven gehen, weil sie leer sind und nichts sagen. Im 20. und 21. Jahrhundert hat sich das verändert. Jetzt versuchen wir den Tanz zu nutzen, um wirklich Geschichten zu erzählen.

Den Balletttänzern soll es verboten sein, in der Freizeit Ski zu fahren. Stimmt das?
Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass sie nicht snowboarden oder Ski fahren sollen und gefährliche Hobbys wie das Motorradfahren vermeiden. Fahrradfahren ist eigentlich auch schwierig. Aber ich weiss ganz genau: Alle fahren Ski oder Snowboard, viele haben ein Motorrad und sind mit dem Velo unterwegs. Auf Instagram sehe ich dann Fotos, wie sie mit ihrem Snowboard einen Gletscher runterkurven. Natürlich kann ich als Direktor sagen, dass das nicht geht. Aber ich habe meine Tänzer sehr gerne und hoffe einfach, dass nichts passiert.

Sie haben Ihre Tänzerkarriere nach sechs Jahren beendet. Wie durchtrainiert sind Sie heute?
Den Spagat kann ich nicht mehr.

Wie halten Sie sich fit? Mit Pilates bei James?
Nein, das halten wir schön getrennt. Ich gehe in ein Sportstudio und habe einen Trainer, der ein bisschen auf mich aufpasst. Ich mache viel Calisthenics.

Klingt nach Reha-Programm für Rheumatiker.
Das sind Übungen, die hauptsächlich mit dem Eigenkörpergewicht arbeiten. Ich hatte 2012 eine schlimme Rückenverletzung. Seitdem ich regelmässig kontrolliert Sport mache, bin ich beschwerdefrei. Und wenn ich 50 Tänzer habe, die jeden Tag sportliche Höchstleistungen bringen und von denen ich einfordere, dass sie absolut fit sind, möchte ich nicht wie eine Sofakartoffel vor ihnen sitzen.

Welches Projekt möchten Sie unbedingt noch realisieren?
Da gibt es noch so vieles, das ich gerne noch umsetzen möchte. Seien das Produktionen hier am Opernhaus, mehr mit Film arbeiten oder Kooperationen mit Sängern. Wenn ich irgendwann merke, dass keine Ideen mehr kommen, werde ich dieses Büro sofort verlassen.



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Erstellt: 21.04.2019, 21:41 Uhr

Seit 2012 in Zürich

Christian Spuck ist 1969 in Marburg geboren. Nach seiner Ausbildung an der John-Cranko-Schule in Stuttgart und einigen Jahren als aktiver Tänzer war er über zehn Jahre Hauschoreograf am Stuttgarter Ballett, wo er viele Uraufführungen kreierte und zahlreiche Preise gewann. 2012 trat er die Nachfolge von Heinz Spoerli als Ballettdirektor am Opernhaus Zürich an. Mit seinem Ballett «Winterreise» ist Spuck für den renommierten Prix Benois de la Danse nominiert.

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