Jus-Studium schützt vor Unkenntnis nicht

Ein Student absolvierte an der Uni Zürich fast den ganzen Master-Lehrgang in nur einem Semester – nicht zufällig klagen Anwaltsverbände, dass es Jungjuristen am nötigen Grundwissen mangle.

Studentinnen und Studenten in der Uni Zürich: Wer die Tricks kennt, kommt ohne allzu viel Anstrengung zu einem Jus-Master. Foto: Nicola Pitaro

Studentinnen und Studenten in der Uni Zürich: Wer die Tricks kennt, kommt ohne allzu viel Anstrengung zu einem Jus-Master. Foto: Nicola Pitaro

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Zürich Er trägt Jeans, einen Pullover in modischem Blau, das Halstuch locker umgebunden. Rico* sieht nicht aus wie der klassische Streber mit dicker Hornbrille. Doch der Leistungsausweis des 24-jährigen Jus-Absolventen ist so beeindruckend wie das Notenblatt des Klassenprimus: Er hat an der Universität Zürich fast den ganzen Master in einem einzigen Semester gemacht.

Seit der Bologna-Reform schliessen die Studenten jede Lehrveranstaltung mit einer Prüfung ab und bekommen dafür sogenannte Credit Points. 90 Punkte muss man haben, um den Master in Rechtswissenschaften an der Universität Zürich zu machen. Vorgesehen sind dafür eineinhalb Jahre. «Ich wollte zeigen, dass man das auch in einem Semester schaffen kann», sagt Rico.

Dazu buchte der Master-Student 15 Lehrveranstaltungen gleichzeitig, jede mit 6 Punkten dotiert, und bestand 14 Prüfungen. Das spülte 84 Punkte auf sein Leistungskonto – was beinahe einem halben Bachelor-Studium entspricht. Wäre er auch bei der letzten Prüfung durchgekommen, hätte er das Punkte-Soll seines ganzen Masterstudiums zusammengehabt.

Bestimmte Kernfächer müssen nicht vertieft werden

«Entlarvender Punkterekord» titelte die «Zürcher Studierendenzeitung», die kürzlich über den Fall berichtete. Wenn ein Master so leicht zu haben sei, stelle sich die Frage, was der Titel überhaupt wert sei.

An der Universität Zürich wiegelt man ab. Rico sei «ein Einzelfall», sagt Brigitte Tag, Dekanin an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät. «Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Eigenverantwortung unserer Studierenden gross ist und sie sich gerade im Master vertieft mit einem Spezialgebiet auseinandersetzen», sagt Tag. «Daher benötigen sie normalerweise die vorgesehenen drei Semester, um den Master abzulegen.»

Dabei zeigt bereits eine einfache Rechnung, dass etwas nicht stimmen kann. Gemäss offiziellen Uni-Angaben entspricht ein Credit Point einem durchschnittlichen Arbeitspensum von 30 Stunden. In Ricos Fall wären das 2700 Stunden Arbeit, was 64 aufeinanderfolgenden 42-Stunden-Wochen entspricht. Auch ohne Schlaf, mit einem 24-Stunden-Lernmodus, ist das nicht zu schaffen – das Se­mester hat gar nicht so viele Wochen, zumindest nicht in der Vorlesungszeit.

Synergieeffekte nutzen

Turbo-Student Rico weiss, wie man das scheinbar Unmögliche hinbekommt. In den Rechtswissenschaften würden die Notenschnitte, die bei den Lehrveranstaltungen erzielt werden, veröffentlicht. Hohe Noten liessen auf einfache Examen schliessen. Wenn man dann noch wisse, wie man die Fächer kombinieren muss, um beim Lernen Synergieeffekte zu nutzen, sei es «problemlos» möglich, mehr als die empfohlenen 30 Punkte pro Semester herauszuholen.

Rico mag ein Extremfall sein – doch er zeigt exemplarisch die Schwächen des Systems. Ein System, das jene belohnt, die wissen, wo man leicht an Punkte und gute Noten kommt. Und das nicht nur an der Uni Zürich, sondern an praktisch allen rechtswissenschaftlichen Fakultäten der Schweiz.

Nicht zufällig wird in Anwaltskanzleien und an den Gerichten über Schmalspur-Juristen mit leichtem Schulrucksack geklagt. Das Problem, so wissen die Praktiker, liegt darin, dass die Master-Studenten die Fächer wählen können und auch exotische Veranstaltungen wie «Einführung in das chinesische Wirtschaftsrecht» oder «Islam und Mittlerer Westen» belegen können. «Die grosse Freiheit geht zulasten eines soliden Grundwissens», sagt Marianne Heer, Oberrichterin im Kanton Luzern und Präsidentin der kantonalen Anwaltsprüfungskommission. Es gebe Jus-Studenten, die im Master Religionswissenschaften und Ethnologie studierten, «dafür noch nie etwas von Aktien- oder Konkursrecht gehört haben».

Zusammenhänge werden nicht erkannt

Das Niveau der Kandidaten habe sich «generell verschlechtert», sagt Danièle Wüthrich-Meyer, Präsidentin der Anwaltsprüfungskommission des Kantons Bern. Einer der Gründe: Gewisse Kernfächer werden bereits im Bachelorstudium abgeschlossen und müssen später nicht vertieft werden.

Die Folgen zeigen sich bei den Anwaltsprüfungen. Im Kanton Aargau wie auch andernorts ist die Durchfallquote in den letzten Jahren gestiegen. Die Studienabgänger hätten «zunehmend Schwierigkeiten, praktische Fälle sach­gerecht zu lösen», sagt Franziska Plüss, Präsidentin der Aargauer Anwaltskommission. Es fehle zum Teil an Grundwissen und «an der Beherrschung der Grundsätze der einzelnen Rechtsgebiete sowie am juristischen Grundverständnis insgesamt». Zudem mangle es «an der Fähigkeit zu vernetztem Denken, und die fachübergreifenden Zusammenhänge werden nicht erkannt».

Die Fakultät will die ­Studiengänge reformieren

Das sieht auch Rico so. «Bologna fördert das Schubladendenken, weil man jedes Modul mit einer Prüfung abschliesst und sich dann nicht mehr damit beschäftigt.» Der Master bringe keine zusätzliche Qualifikation, die Vertiefung sei zum Teil «marginal», sagt Rico. Hauptsache, man habe den Titel in der Tasche. «Ohne Master bekommt man als Jurist keinen guten Job.»

Den Reformbedarf hat man an der Uni Zürich erkannt. Derzeit werden die Bachelor- und Masterstudiengänge überarbeitet. Beraten werde über verschiedene Punkte des Bachelorstudiums und der Masterstudiengänge, sagt Dekanin Brigitte Tag. Dazu gehörten zum Beispiel die Pflichtfächer. Zudem würden Gespräche mit Vertretern der Praxis geführt, um deren Sichtweise einzubringen. Auch Ricos Fall sei ein Thema.

Es sei «nicht im Sinne des Erfinders, dass man fast den ganzen Master in einem einzigen Semester absolvieren kann», sagt René Rall, Generalsekretär des Schweizerischen Anwaltsverbands.

Ein akademischer Dünnbrettbohrer ist Rico dennoch nicht. Statt der 90 geforderten Punkte hat er inzwischen das doppelte Pensum absolviert – aus Interesse. «Die Rechtswissenschaft», sagt Rico, «fasziniert mich, seit ich zwölf bin.»

* Name der Redaktion bekannt (SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.01.2018, 19:08 Uhr

Schweizer Hochschulen passen ihre Richtlinien für Transgender an

Die Universität Bern hat auf Anfang Jahr neue Richtlinien in Kraft gesetzt, die Namensanpassungen bei Transgendern zulassen. Studierende können neu geänderte Vornamen im Verwaltungssystem der Uni eintragen lassen, auch wenn sie noch nicht amtlich sind. «Der neue Name erscheint auch auf dem Studierendenausweis, in der E-Mail-Adresse oder auf den Teilnehmerlisten zu den Lehrveranstaltungen», sagt Uni-Generalsekretär Christoph Pappa.

Die Uni geriet im letzten November in die Schlagzeilen, nachdem Transgender die bislang geltende restriktive Praxis in Bern angeprangert hatten. 85 Transmenschen sollen laut Schätzung des Studierendenverbandes an der Uni Bern studieren. «Diese Zahl ist meines Erachtens eine relativ extensive Schätzung von potenziell betroffenen Personen», sagt Pappa. «Seit die neuen Richtlinien gelten, hat noch niemand einen Antrag auf eine Namensänderung gestellt.»

Auch die Uni Basel hat letzten November entsprechende Bestimmungen in Kraft gesetzt. Solche gibt es in Zürich schon seit 2013. Derzeit wird die «Regelung zur Transidentität» angepasst. Demnach können sich Transgender auch hier mit Vornamen und Geschlecht registrieren lassen, die vom amtlichen Ausweis abweichen. «Letztes Jahr hatten wir vier Fälle», sagt Christiane Löwe, Leiterin der Abteilung Gleichstellung. Vier Gesuche in gut zwei Jahren gingen an der Uni Luzern ein, die entsprechende Richtlinien im September 2015 einführte. In Zürich und Luzern können Transgender sogar auf Diplomen neue Namen eintragen lassen, auch wenn sie noch nicht offiziell sind. Die Uni Bern schiebt hier einen Riegel: «Ein Diplom ist ein amtliches Dokument», sagt Pappa. «Wir halten es für rechtlich heikel, ein amtliches Dokument auf einen Namen auszustellen, der nicht mit dem offiziellen Namensregister übereinstimmt.»N. Pastega

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