Kägi-Fret, die Ödnis des Geschmacks

In der Schweizer Bergrestaurantszene ist das Kägi-Fret quasi die Angela Merkel unter den Konsumgütern.

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Über Ostern war ich mit meiner Familie in der Ostschweiz wandern. In dem Gebiet, das vom Bodensee langsam bis zum Alpstein ansteigt und in dem es auch mitten im Sommer abends immer etwas kühl wird, bin ich aufgewachsen. Aber in Wahrheit besteige ich vor allem wegen des Wurstkäsesalats und der Älplermagronen die Appenzeller Berggipfel. Und in einem der Bergrestaurants – ich glaube, es war der Hohe Hirschberg – entdeckte ich neben den Nussgipfeln auch ein Kägi-Fret.

Das letzte Mal, dass ich bewusst ein Kägi-Fret probiert habe, war vor über 20 Jahren. Die Schreibmaschinen-Lehrerin hatte mir eine der mit Schokolade überzogenen Waffeln zu Weihnachten geschenkt. Ich erinnere mich, wie ich das Gebäck auf dem Nachhauseweg aus der Verpackung holte. Es war, als hätte ich ein Pharaonengrab geöffnet: Die Schoko­waffel zerfiel vor meinen Augen zu trockenen Partikeln. So wie alle Kägi-Frets in allen Skilagern und auf allen Bergwanderungen zuvor.

In der Schweizer Skigebiet- und Bergrestaurantszene ist das Kägi-Fret quasi die Angela Merkel unter den Konsumgütern. Obwohl schon der Name nach einem Schädling klingt, gelten die stählernen Gesetze der Marktwirtschaft nicht für das absurd fade Gebäck. Gemäss Wikipedia reichen die Verteilwege bis nach Asien, 3000 Tonnen laufen jährlich vom Band. Lähmende Langeweile und ein unbezähmbares Völlegefühl überkommen den Unglücklichen, der nur schon an ein Kägi-Fret denkt – und trotzdem findet es weltweiten Absatz. Woran liegt das?

«All das ergibt ein derart deprimierendes Gesamtbild, dass es sich nur um eine Tradition handeln kann.»

Die einzig marktsoziologisch sinnvolle Erklärung ist, dass das Kägi-Fret zufällig eine weltweit gültige Formel der geschmacklichen Ödnis verkörpert. «Die Rezeptur blieb seit den Anfängen unverändert», wie ein Jubeltext der Firma verkündet. Der kulinarische Nullwert, der bizarre Name und die jede Saison erneut scheiternden Versuche, sich – etwa mit Plakaten, auf denen das Kägi-Fret Teufelshörner trägt – an den Zeitgeist ranzuschmeissen: All das ergibt ein derart deprimierendes Gesamtbild, dass es sich nur um eine Tradition handeln kann. Und eine Tradition schätzt man nicht wegen ihrer Coolness oder ihres Inhalts, sondern weil es sie gibt.

Kurzum, es ist mit dem Kägi-Fret wie mit der Flädlisuppe, die ja auch niemand wirklich mag, die aber bisher jede Revolution und jeden Hype überlebt hat. «Das schmeckt wie damals in der DDR», sagte ein ostdeutscher Freund von mir, als er an einem Skiwochenende in der Ostschweiz ein Kägi-Fret probierte. Obwohl ihm das Gebäck nicht sonderlich schmeckte, leuchteten seine Augen, als hätte er gerade die Madeleine von Proust gekostet.

Denn wir essen ja nicht nur, um satt zu werden. Sondern wir essen auch, um kurz den Alltag und vielleicht die vergehende Zeit überhaupt zu vergessen. Und genau das tut das Kägi-Fret: Es erinnert uns daran, dass gewisse Dinge sich nie ändern werden. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.04.2018, 19:31 Uhr

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