Die Schweizer sind zuckersüchtig

Detailhändler und Produzenten versuchen, den Konsumenten weniger gesüsste Produkte schmackhaft zu machen. Doch die wollen nicht verzichten.

Ein süsses Volk: Die Schweizer gehören weltweit zu den grössten Zuckerliebhabern. Bild: PD

Ein süsses Volk: Die Schweizer gehören weltweit zu den grössten Zuckerliebhabern. Bild: PD

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Das Urteil der Migros-Kunden ist vernichtend. Der Grossverteiler wagte es, den Zuckergehalt eines beliebten Schoggimüesli um 10 Prozent zu reduzieren. «Vom Tod des besten Müesli der Welt» schreibt ein Kunde auf der Onlineplattform Migipedia. «Die neue Rezeptur finde ich einfach nur katastrophal», antwortet ein anderer.

Jahrelang haben Handel und Industrie die Konsumenten süchtig nach Süssem gemacht. Nun müssen oder wollen sie diese an weniger Zucker gewöhnen. Einerseits liegt weniger Zucker im Trend hin zu gesünderer Ernährung. Andererseits kommt Druck aus der Politik. Es droht eine Zuckersteuer. Der Kanton Neuenburg hat im Frühling eine Standesinitiative eingereicht für ein Bundesgesetz über zuckerhaltige Produkte, um die Diabetes- und Fettleibigkeitsepidemie wirksamer zu bekämpfen. Im Rat wurde diese noch nicht behandelt.

Die Schweizer gehören weltweit zu den grössten Zuckerliebhabern. Sie konsumieren deutlich mehr davon als der europäische Durchschnitt. In Ländern wie Frankreich, Spanien und Portugal existiert bereits eine Zuckersteuer. Bundesrat Alain Berset möchte keine solche einführen. Er setzt auf Freiwilligkeit. So hat er während der Expo in Italien 2015 mit Lebensmittelproduzenten und Detailhändlern die «Erklärung von Mailand» unterzeichnet. Ziel ist es, den Zuckergehalt in Joghurts und Frühstücksflocken bis Ende 2018 schrittweise zu senken.

Infografik: Schweizer essen viel Zucker Grafik vergrössern

In einem Schweizer Joghurt hatte es im Jahr 2016 durchschnittlich fünf Würfelzucker pro 180-Gramm-Becher, wie eine Untersuchung des Bundes zeigt. Diesen Herbst ergab eine Zwischen­bilanz der Erklärung von Mailand zur Entwicklung in der Schweiz: Der zugesetzte Zucker sank in Joghurts um 3 Prozent, und in Frühstücksflocken wie Cornflakes und Müesli um 5 Prozent. 14 Lebensmittelproduzenten und Detailhändler, unter anderen Migros, Coop, Aldi, Lidl, Nestlé, Emmi und Danone, haben sich nun verpflichtet, bis Ende 2018 den zugesetzten Zucker in Joghurts um weitere 2,5 Prozent und in Frühstücksflocken um 5 Prozent zu vermindern.

Kunden drohen wegen neuer Rezeptur abzuspringen

Doch die Zuckerreduktion ist für die Unternehmen kein einfaches Unterfangen. So besteht die Gefahr, dass Konsumenten zur Konkurrenz abspringen. «Bei der Reduzierung des Zuckergehalts gehen wir schrittweise vor, damit sich die Konsumenten an den neueren, weniger süssen Geschmack gewöhnen können. Auch um zu vermeiden, dass sie selber Zucker zugeben oder sich anderen Alternativprodukten zuwenden», erklärt Nestlé-Sprecherin Inge Gratzer.

«Eine Schwierigkeit bei der Reduktion von Zucker bei Frühstückscerealien sehen wir bei der Akzeptanz der Endkunden», sagt auch Migros-Sprecherin Martina Bosshard. Bei Knuspermüesli hat der Zuckergehalt nicht nur auf den Geschmack, sondern auch auf den Biss Einfluss. Je geringer der Zucker ist, umso mehr muss man auf die zähen Haferflocken beissen.

Je süsser, desto besser scheint immer noch bei vielen Schweizer das Motto zu sein. Laut dem Bundesamt für Gesundheit hat sich Fettleibigkeit in der Schweiz zu einer Volkskrankheit entwickelt. Die zunehmende Verbreitung belastet das Gesundheitssystem. 41 Prozent der erwachsenen Bevölkerung ist übergewichtig und 10 Prozent davon fettleibig.

Grossverteiler streicht Cerealienprodukte aus Sortiment

Auch Coop reagiert auf diese Entwicklung. Der Grossverteiler hat vergangenes Jahr gleich drei Cerealienprodukte aus dem Sortiment gestrichen: Sweet Pops, Choco Chips und Choco Balls wiesen zu viel Zuckergehalt auf. Auf der Sweet-Pops-Packung prangte eine lächelnde Comicbiene, die wohl vor allem Kinder ansprach.

Die Verwendung von alternativen Süssstoffen ist als Zuckerersatz nicht das Gelbe vom Ei. Diese Erfahrung hat Haco, der Produzent der Farmer-Riegel der Migros, gemacht. «Solche Produkte mit alternativen Süssstoffen inklusive des aus der Pflanze Stevia gewonnenen Rohstoffs schmecken dem Konsumenten nicht und setzen sich am Markt nicht durch», weiss Haco-Chef Emanuel Marti.

Die Schokoladeindustrie ist neben der Softdrinkindustrie besonders als Dickmacher verschrien. «Wir erkennen das steigende Gesundheitsbewusstsein», sagt Daniel Bloch, Chef der Chocolats Camille Bloch. Er wählt eine andere Taktik. «Bestehende Rezepturen verändern wir aber nicht. Wir bieten vermehrt kleinere Portionen an.»

Mehr als 13 Würfelzucker in einem halben Liter

Ein Versprechen zur Zucker­reduktion hat auch Coca-Cola abgegeben. Von 2005 bis 2016 sei der Zuckeranteil im Schweizer Portfolio des Unternehmens um 19 Prozent geschrumpft, sagt Matthias Schneider von Coca-Cola Schweiz. Die Ziele sind ambitiös: Bis 2025 peilt das Unternehmen eine Produktpalette an, die einen Viertel weniger Zucker aufweist als 2005. Lieblingsgetränk unter den Cola-Getränken ist weiterhin das zuckrige Coke classic, das mehr als die Hälfte des Cola-Umsatzes ausmacht. In einem halben Liter stecken mehr als 13 Würfelzucker.

Alle Hersteller und Detailhändler betonen ihre Bemühungen um Zuckerreduktion. Allerdings zeigt die Werbung oft noch ein anderes Bild. Dieser Tage läuft ein TV-Spot der Migros für Kindergeburtstage. Der Grossverteiler zeigt dort Schaumküsse, Cola und einen Gugelhopf. Die Kinder kommen durch die Zuckerbomben an der Geburtstagsparty so richtig in Fahrt und schreien: «Mehr!»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 22.10.2017, 07:21 Uhr

Emmi-Chef Urs Riedener: «Zu schnelle Zuckerreduktion bedeutet Absatzverlust»

Bis 2018 will Emmi 2,5 Prozent des Zuckers bei Joghurts reduzieren. Das ist sehr wenig.
Wenn sie schon viel gemacht haben, ist diese Reduktion sehr gross. In den letzten Jahren haben wir bei verschiedenen Produkten, etwa bei Caffè Latte, den Zuckergehalt sukzessiv reduziert. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, wenn wir den Zucker zu schnell vermindern, mündet das in deutlichem Absatzverlust.

Profit kommt also vor Gesundheit. Caffè Latte mit sieben bis acht Prozent Zucker ist doch einfach zu süss und macht dick.
Ich bin ein Gegner der Meinung, Zucker sei grundsätzlich schlecht. Wenn sie einen Softdrink trinken, nehmen sie nur Zucker und Wasser zu sich. Das ist die schlechteste Variante. In einem Milchprodukt haben sie unter Umständen zwar Zucker, aber auch Eiweiss, Fett, Vitamine und Mineralien. Das ist ein ganz anderer Mix als bei einem Softdrink. Sie haben dann ein Zuckerproblem, wenn Sie zu jedem Mittagessen einen halben Liter Softdrink konsumieren.

Und was ist mit dem zuckrigen Caffè Latte zwischendurch?
Caffè Latte ist kein Grundnahrungsmittel, sondern ein Genussprodukt. Für diesen Genuss – oder den Koffeinkick – entscheidet man sich bewusst. Zudem haben wir auch einen Caffè Latte ohne Zucker im Regal, der läuft mittlerweile gut, aber er ist kein Bestseller. Am Schluss stellt sich die Frage: Ist man als Unternehmen konsumentenorientiert oder idealistisch? Wir beschreiten einen Mittelweg. Es hat keinen Sinn, Produkte herzustellen, die keiner kaufen will.

Reduziert Emmi den Zucker vor allem aus Angst vor einer drohenden Zuckersteuer?
Nein, die Gefahr besteht bei uns gar nicht. Das betrifft die Softdrinkbranche und nicht Milchmischprodukte. Der Trend geht auch in den USA dahin, dass Konsumenten mehr auf den Zuckergehalt schauen, und das ist gut so. Von einer Vorschriftsmentalität des Staates halte ich aber wenig.

Mit Urs Riedener sprach Gret Heer

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