Kampf gegen ein verachtendes Frauenbild

Übergriffe auf Frauen sollen von Amts wegen verfolgt werden, fordern Politikerinnen.

Will einfachere Strafverfolgung: Géraldine Savary (r.) an der Kundgebung «Alle für eine». Bild: Keystone

Will einfachere Strafverfolgung: Géraldine Savary (r.) an der Kundgebung «Alle für eine». Bild: Keystone

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«Ein Rattenloch», ein Ort, in dem es «keinen Respekt gegenüber Frauen gibt». So wird die Stadt Genf in sozialen Netzwerken bezeichnet, seit junge Männer grundlos fünf Frauen vor einem Nachtlokal spitalreif schlugen. Vier Opfer konnten das Spital verlassen. Der Zustand einer Frau, die eine Woche lang im Koma lag, ist aber noch immer besorgniserregend. Die Täter sind identifiziert, Franzosen, Augenzeugen zufolge handelt es sich um Maghrebiner. Bis gestern Abend waren sie noch auf der Flucht.

Diese hemmungslose und im öffentlichen Raum auftretende Gewalt an Frauen ist kein Einzelfall: Auch an der Street Parade in Zürich verprügelten Männer grundlos eine Frau. Deshalb arbeitet die Waadtländer SP-Ständerätin Géraldine Savary an einem Vorstoss, um Übergriffe auf Frauen zu einem Offizialdelikt zu machen, «so wie es seit 2004 für häusliche Gewalt gilt». Zudem fordert sie mit einem Postulat eine Statistik, die sämtliche Fälle wiedergibt, in denen Frauen bedroht, belästigt oder angegriffen worden sind. Aktuellste Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen zwar, dass in den vergangenen fünf Jahren mehr Frauen Opfer von schwerer Gewalt, Tätlichkeiten und sexueller Nötigung geworden sind. «Es ist aber bekannt, dass nur ein kleiner Teil der Betroffenen Anzeige erstattet», sagt Savary.

Das bestätigt eine Untersuchung der Genfer Polizei. Sie hat über mehrere Monate hinweg die Meldungen von belästigten und angegriffenen Frauen analysiert. «Nur gerade 10 Prozent entschliessen sich, eine Anzeige zu erstatten», sagt ein Sprecher. Wie hoch die Dunkelziffer ist, lässt eine Umfrage der Stadt Lausanne erahnen, die Belästigungen im öffentlichen Raum auf den Grund ging. Demnach gab mehr als die Hälfte der Frauen an, in den letzten 12 Monaten mehr als einmal pro Monat belästigt worden zu sein. 46 Prozent der geschilderten Fälle geschahen auf offener Strasse, 11 Prozent an Bahnhöfen.

Video: Proteste in Genf nach Gewalt gegen Frauen

«Das hätte auch mir passieren können»: Protest am Donnerstagabend in Genf gegen die Gewalt an Frauen. Video: SDA-Keystone

Für Karin Moos von der Zürcher «Frauenberatung – sexuelle Gewalt» bilden die Zahlen aus Lausanne die Situation in sämtlichen Schweizer Städten ab. Immer häufiger holen sich Frauen bei ihr Rat, die Übergriffe erlebt haben.

Genfs Sicherheitsvorstand Pierre Maudet ist sich der Problematik bewusst: «Es handelt sich um eine besorgniserregende Tendenz – nicht nur in Genf.» Zwar seien die Gründe dafür vielschichtig. «Aber ein Zusammenhang mit der Immigration und patriarchalischen Strukturen lässt sich nicht von der Hand weisen», sagt Maudet. Als Präsident der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren will er das Thema an die Hand nehmen.

Die Auswirkungen der Zuwanderung von Flüchtlingen auf die Gesellschaft untersucht Susanne Schröter, Professorin für Ethnologie an der Universität in Frankfurt am Main. Sie sagt: «Für Frauen hat sich die Sicherheit im öffentlichen Raum verschlechtert.» Diese Entwicklung sei darauf zurückzuführen, dass ein Teil der Geflüchteten extrem patriarchalisch sozialisiert worden sei. «Es muss dringend etwas geschehen, um Frauen und Mädchen zu schützen, aber auch, um Kriminelle von anderen Flüchtlingen zu unterscheiden, die sich nichts zuschulden kommen lassen.» Viel zu oft kämen die Täter ungestraft davon.

Bilder: Gewalt gegen Frauen schockt Genf

Johanna Bundi Ryser vom Verband Schweizerischer Polizei-Beamter bestätigt: «Gerade im öffentlichen Raum hat sich der Respekt allgemein und gegenüber Frauen verschlechtert.» Es sei aber nicht nur Aufgabe der Polizei, sondern der gesamten Gesellschaft, dafür zu sorgen, dass sich Frauen ohne Angst frei bewegen könnten. Deshalb müsse auch über das teilweise verachtende Frauenbild mancher Zuwanderer gesprochen werden. «Sonst könnte sich die Situation in den beliebten Ausgangsvierteln noch verschlechtern.»

In Genf patrouilliert die Polizei bereits seit dem Frühling häufiger im Vergnügungsquartier Les Pâquis, in dem die fünf Frauen vor einem Nachtclub niedergeschlagen wurden. Nun hat sie ihre Präsenz zusätzlich verstärkt.

Erstellt: 18.08.2018, 23:01 Uhr

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«Ist Luisa da?» ist ein Hilferuf, mit dem Frauen in Bars und Nachtclubs dem Personal signalisieren, dass sie sich belästigt oder bedrängt fühlen. Das aus Deutschland stammende Konzept haben zwei Dutzend Lokale in Zürich und Winterthur eingeführt. «Der Vorteil ist, dass Betroffene sich nicht erst erklären müssen», sagt Alexander Bücheli von der Schweizer Bar und Club Kommission. Sie werden sofort in einen geschützten Raum gebracht, wo das Personal tut, was nötig ist – «etwa ein Taxi bestellt oder die Polizei ruft». Wie oft Luisa in den beteiligten Lokalen bereits gefragt war, kann Bücheli nicht sagen. Fest steht aber, dass andere Städte – etwa Luzern, Basel, St. Gallen und Bern die Einführung des Konzepts prüfen. (pia)

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