Kampf um Franchisen ist eröffnet

Das Sparpotenzial bei höherem Selbstbehalt ist unklar.

Rund 30 Prozent der Gesundheitsausgaben bezahlt die Bevölkerung aus der eigenen Tasche. (Archivbild)

Rund 30 Prozent der Gesundheitsausgaben bezahlt die Bevölkerung aus der eigenen Tasche. (Archivbild) Bild: Christian Beutler/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jährlich steigen die Gesundheitskosten und Krankenkassenprämien. Gleich mehrere Vorstösse zur Dämpfung des Kostenwachstums diskutieren die beiden Räte. Den Auftakt macht nächste ­Woche die Kommission für soziale ­Sicherheit und Gesundheit des Ständerats mit dem Vorschlag des Bundesrats. Dieser sieht vor, die Franchise an die Kostenentwicklung der obligatorischen Krankenpflegeversicherung anzupassen.

Konkret würde das bedeuten, dass rund alle vier Jahre sämtliche Franchisen zwischen 300 und 2500 Franken um 50 Franken erhöht würden. Dadurch würden sich die Prämien für sämtliche Versicherte um mindestens 430 Millionen Franken oder 1,7 Prozent senken.

Eine unveröffentlichte Untersuchung des Gewerkschaftsbundes (SGB) zeigt nun aber: Die Einsparungen dürften wenn überhaupt deutlich geringer sein. Lediglich 300 Millionen oder 1,2 Prozent. SGB-Zentralsekretär Reto Wyss: «In den letzten 22 Jahren wurden die Franchisen zweimal erhöht, 1998 und 2004. Allerdings sind die Prämien in diesen Jahren nicht weniger stark gestiegen. Warum sollte dies jetzt anders sein?»

Bereits heute bezahle die Bevölkerung 30 Prozent an den gesamten Gesundheitsausgaben aus der eigenen Tasche, sagt Wyss. Zum Vergleich: In den Niederlanden, die eine ähnliche Versorgung betreffend Qualität und Zugang hätten, betrage die Beteiligung ­lediglich 11 Prozent.

Wyss ist überzeugt: «Es gibt im Schweizer Gesundheitswesen Sparpotenzial, etwa bei den Medikamentenpreisen oder den Zusatzversicherungen.» Statt dort anzusetzen, wälze man die Kosten auf die Bevölkerung ab. «Das ist stossend. Gerade eine Erhöhung der Grundfranchise betrifft alte und chronisch kranke Versicherte.»

Bürgerliche erhoffen sich kostenbewussteres Verhalten

Im Nationalrat hat eine grosse Mehrheit dem Vorschlag des Bundesrats zugestimmt. Und die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrats will sogar noch weitergehen. In einer Motion beantragt sie, die ­Minimalfranchise von 300 auf 500 Franken zu erhöhen. Damit soll bei den Versicherten ein kostenbewusstes Verhalten geschaffen und unnötige Spital- und Arztkonsultationen verhindert werden.

Der Gesundheitsexperte von Comparis, Felix Schneuwly, sagt: «Damit die Franchisen ihre Wirkung nicht verlieren, sollten sie ­periodisch der Kostenentwicklung angepasst werden.» Auch könnte er sich eine einkommensabhängige Kostenbeteiligung vorstellen, um chronisch Kranke mit wenig Geld zu entlasten.

Schneuwly gibt aber der Kritik des SGB teilweise recht. «Die Wirkung der Kostenbeteiligung von Versicherten auf die Gesamtkosten wird überschätzt.» Klar, es gebe Leute mit tiefer Franchise, die zu früh und zu oft zum Arzt gingen und damit unnötige Kosten zulasten der Allgemeinheit verursachten. «Es gibt aber auch Leute, die zu spät zum Arzt gehen.» Leider gebe es in der Schweiz viele Mutmassungen über falsche medizinische Versorgung, also über zu viel und zu wenig Medizin, aber keine wirklich zuverlässigen Daten, sagt Schneuwly.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.01.2019, 07:14 Uhr

Artikel zum Thema

Bund sucht Einheits-Krankenkasse für alle Asylsuchenden

SonntagsZeitung Die öffentliche Ausschreibung läuft. Doch die günstigen Krankenversicherer verzichten auf den Grossauftrag – jetzt drohen Mehrkosten. Mehr...

Krankenkasse frisst 14 Prozent des Einkommens

Die Ausgaben für die Krankenkasse sind in ärmeren Haushalten in der ganzen Schweiz gestiegen – obwohl die Prämien verbilligt wurden. Mehr...

Ist die Franchise ausgeschöpft, sind die Arztpraxen voll

SonntagsZeitung Im November und Dezember gehen pro Woche 300'000 Patienten zum Spezialisten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Friede, Freude, Farbenrausch: Schülerinnen in Bhopal feiern das indische Frühlingsfest Holi. Das «Fest der Farben» ist ein ausgelassenes Spektakel, bei dem sich die Menschen mit Farbpulver und Wasser überschütten (19. März 2019).
(Bild: Sanjeev Gupta) Mehr...