Kassenchefs verdienen mehr als Bundesräte

Bei Helsana stieg der Lohn des Präsidenten letztes Jahr um über 100'000 Franken – selbst Kleinstkassen zahlen fürstlich.

Erhält 743'766 Franken Lohn von der CSS: Philomena Colatrella verdient von allen Chefs einer Krankenkasse am meisten. Foto: Fabian Biasio/Key

Erhält 743'766 Franken Lohn von der CSS: Philomena Colatrella verdient von allen Chefs einer Krankenkasse am meisten. Foto: Fabian Biasio/Key

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Der Arzt und Universitätsprofessor Thomas Szucs trägt viele Hüte. Er ist – unter anderem – Präsident des Verwaltungsrats des zweitgrössten Krankenversicherers, der Helsana-Gruppe. Das lohnt sich: Im vergangenen Jahr belief sich sein Honorar auf 308'270 Franken. Er erhielt rund 107'000 Franken mehr als im Vorjahr. Damit ist er der mit Abstand bestbezahlte Präsident aller Krankenversicherer.

Die Entschädigung des Helsana-Verwaltungsrats wurde laut Geschäftsbericht «unter Berücksichtigung marktrelevanter Daten» überprüft und «neu geregelt». Sie berücksichtige den «gesetzlich und regulatorisch bedingt gestiegenen Aufwand» des Aufsichtsorgans. Zudem stiegen die Bezüge, weil Szucs interimistisch den Krankenkassenverband Curafutura präsidiert hatte. Diesem gehören die Helsana-, die CSS- und die Sanitas-Gruppe sowie die KPT an. Szucs’ Vorgänger Ignazio Cassis gab das Amt ab, weil er erfolgreich für den Bundesrat kandidierte.

27'000 Franken mehr Lohn auch für den Helsana-Geschäftsleiter

Salärexperte Urs Klingler, Geschäftsführer von Klingler Consultants, geht davon aus, dass Präsidenten grosser Krankenversicherer ein Arbeitspensum im Bereich von 25 bis 50 Prozent haben: «Dies lässt darauf schliessen, dass die regulatorischen Aufgaben deutlich zugenommen haben.» Als angemessen gilt ein Pensum von 30 Prozent für Sitzungen, deren Vorbereitung sowie Repräsentationspflichten. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Bezüge der bestbezahlten Kassenpräsidenten – auf ein Vollamt hochgerechnet – ähnlich hoch oder gar höher sind als die Saläre von Bundesräten. Deren Brutto-Jahreseinkommen beläuft sich auf 445'200 Franken.

Mehr als ein Bundesrat verdienen auch die Chefs der neun grössten Krankenkassen mit mehr als 400'000 Grundversicherten. Die höchste Vergütung zahlt die CSS ihrer Chefin Philomena Colatrella, die seit gut einem Jahr den Marktführer führt: 743'766 Franken. Gegenüber dem Vorjahr um rund 27'000 Franken zugelegt hat Helsana-Chef Daniel Schmutz. Dennoch verdient er deutlich weniger als 2015. Damals kam er dank eines grosszügigen Bonus auf 939'000 Franken.

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Die Auswertung aller bis heute erschienenen Geschäftsberichte für 2017 zeigt: Für Kassenchefs sind Millionensaläre ausser Reichweite. Die Entschädigungen der Ex-Chefs der Groupe Mutuel bleiben einsame Ausreisser. Deren langjähriger Präsident kassierte nach 2010 rund 2,2 Millionen Franken. Seine engsten Mitarbeiter kamen auf 1,1 bis 1,35 Millionen Franken. Das Trio musste 2014 – auch auf Druck der Aufsichtsbehörde für das Zusatzversicherungsgeschäft – das Walliser Kassenkonglomerat verlassen. Dessen heutiger Chef kommt auf knapp eine halbe Million Franken.

Unter dem Deckel blieben die exorbitanten Entschädigungen damals, weil Krankenversicherer die Gehälter ihrer Geschäftsleitungen und Verwaltungsräte nicht offenlegen mussten. Das änderte sich erst mit dem seit 2016 gültigen Krankenversicherungsaufsichts­gesetz. Seither funktioniert das Versteckspiel nicht mehr.

Nur 40'000 Kunden – aber 299'000 Franken Lohn

Das ärgert heute vor allem Chefs kleinerer Krankenversicherer. Sie kosten ihre Grundversicherten zwei- bis dreissigmal mehr als der Chef einer grossen Krankenkasse. «Das heisst, sie belasten den Prämienzahler deutlich stärker», sagt Lohnexperte Urs Klingler. Daher sei eine Zusammenlegung der Krankenversicherer zu einer Mindestgrösse von im Minimum einer halben Million Kunden «empfehlenswert». Bei kleineren Kassen fehlten Skaleneffekte.

Eigentlich müsste das stets komplexer werdende Geschäft Zusammenschlüsse oder Übernahmen befeuern, insbesondere von Kleinst- oder Kleinkassen. Doch ein gewichtiger Grund, warum dies nicht passiert, sind die teilweise fürstlichen Verdienstmöglichkeiten in dieser Branche. Der Bestbezahlte in dieser Liga ist Dieter ­Boesch von der Badener Aquilana mit gut 40'000 Kunden. Als Präsident und Geschäftsführer beträgt seine Vergütung 299'300 Franken. Dazu kassiert er die Honorare für Verwaltungsratsmandate, die er bei den Kassenverbänden RVK und Santésuisse sowie deren Tochterfirmen ausübt. Das summiert sich auf mehr als 60'000 Franken.

Bei den meisten grösseren Kassen hingegen gilt: Die Chefs müssen solche Honorare abgeben. Die Ausnahme von dieser Regel im Santésuisse-Verwaltungsrat ist Atupri-Chef Christof Zürcher. Beim Verband der kleinen und mittleren Krankenversicherer (RVK) behalten neben Boesch die Chefs der Walliser Sodalis-Gesundheitsgruppe und der Rheintal-Krankenkasse Rhenusana ihr Honorar. Wie ein Mitglied bestätigt, beträgt es je 20'000 Franken.

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Sodalis-Chef Robert Kalbermatten dürfte daher total gegen 170'000 Franken verdienen. Dies kaschiert er, indem er das Vorgehen der Sumiswalder Krankenkasse und der Zürcher Lehrerkasse SLKK kopiert. Die weisen die Entschädigung für den Betrieb der Grundversicherung aus, nicht aber für denjenigen der privatrechtlich organisierten Zusatzversicherung. Er tue dies nicht, weil er gegen Transparenz sei, sagt Kalbermatten: «Die Offenlegung ist nur für dieses Geschäft erforderlich.»

Noch krasser rechnet Claudia Toniolo ihr Gehalt klein. Die Chefin der Krankenkasse Stoffel mit gerade mal 1200 Kunden weist gemäss Geschäftsbericht 2017 eine Entschädigung von 18'900 Franken aus. Bei der Berechnung der Vergütung werde die Aufgabenteilung zwischen «Geschäftsführung» und «Sachbearbeitung» berücksichtigt. Mit der gleichen Begründung wies Toniolo im Vorjahr noch 76'000 Franken aus. Warum sie plötzlich so viel weniger verdienen soll, mochte sie nicht begründen.

Erstellt: 20.05.2018, 10:41 Uhr

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