«Ich habe nichts zu verlieren»

Seit bald zwanzig Jahren weibelt Kathy Riklin im Nationalrat für die CVP. Lang genug, fand ihre Partei. Deshalb kandidiert die Zürcherin jetzt für die CSV.

Sie habe kein Leben ausserhalb der Politik, wird ihr nachgesagt: Kathy Riklin, 66, auf dem Zürcher Lindenhof, ihrem Lieblingsplatz. Foto: Michele Limina

Sie habe kein Leben ausserhalb der Politik, wird ihr nachgesagt: Kathy Riklin, 66, auf dem Zürcher Lindenhof, ihrem Lieblingsplatz. Foto: Michele Limina

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Die Lounge des Hotels Storchen ist besetzt. Wir könnten das Gespräch in ihrer Altstadtwohnung an der Limmat führen – sie muss hier ganz in der Nähe sein. Kathy Riklin aber führt zügig ins nächstbeste Café, wo wir uns in einer Ecke hinter ein Tischchen zwängen. Journalisten lasse sie nicht in die Wohnung, wird sie, darauf angesprochen, später sagen. Die Zürcher CVP-Politikerin ist vorsichtig bis misstrauisch, ein gebranntes Kind. Mehr als einmal lässt sie sich versichern, dass mit diesem Artikel keine bösen Absichten verbunden sind.

Die Ausgangslage ist klar: Es geht um Kathy Riklins Ruf. Als «Sesselkleberin», «Nimmersatte», als «Nationalrätin mit Ewigkeitsanspruch» musste sich die 66-­jährige Berufspolitikerin betiteln lassen. «Bekommt Kathy ­Riklin nie genug?», lautete die rhetorische Frage im «Blick» und «Tages-­Anzeiger».

Riklin: «Ich habe nichts zu verlieren»

Seit 37 Jahren sitzt die Naturwissenschaftlerin mit Doktortitel in Parlamenten, erst im Zürcher Gemeinde-, dann im Nationalrat. Seit bald 20 Jahren weibelt sie unermüdlich für die CVP im Bundeshaus. Trotzdem befand die Partei: Lang genug. Und beschloss, Riklin nicht mehr für die Wahlen im Herbst zu nominieren. Doch so rasch gibt eine Kathy Riklin nicht auf: Im März hatte sie (erfolglos) für die Zürcher Kantonsratswahlen kandidiert. Und nun strebt sie eine sechste Legislatur im Nationalrat an – für die neu gebildete Christlichsoziale Vereinigung (CSV) Kanton Zürich.

«Also legen Sie los», sagt Kathy Riklin, nachdem eine Schale bestellt und der Gesprächsrahmen abgesteckt ist. – Frau Riklin, jetzt versuchen Sie es also bei der CSV . . . «Halt, nicht ‹versuchen Sie es›», unterbricht die Politikerin sofort. «Das stimmt so nicht, ich wurde angefragt, ich habe mich zur Verfügung gestellt.» So wie sie sich auch für die Kantonsratswahlen zur Verfügung gestellt habe. Sie hätten auch Nein sagen können . . . «Ich habe nichts zu verlieren», sagt Riklin. Die Chance, gewählt zu werden, sei zwar nicht gross, aber solange eine Chance bestehe, kämpfe sie.

Mit der «Weltwoche» ist sie auf Kriegsfuss

Die Nationalrätin solle den Jungen Platz machen, wurde in der Vergangenheit gefordert. Sie verstehe sich gut mit jungen Menschen, sagt Riklin. Aber: «Ich sehe einfach, dass dieses Milizamt neben Beruf und Familie mit kleinen Kindern fast nicht seriös machbar ist.» Politik ist Kathy Riklins Leben, ihre grosse Leidenschaft. Manche sagen, sie habe kein Leben ausserhalb der Politik. Tatsächlich ist die Europa-, Bildungs- und Umweltexpertin jeden Abend politisch unterwegs: an Anlässen und Podien, im kleinen Kreis mit dem überparteilichen Frauengrüppli. Aktiv ist sie auch auf Twitter, sie habe von allen CVPlern am meisten Follower, «mehr als Geri Pfister», der Parteichef, wohlgemerkt. 7645 Follower – keine einzige Stimme sei gekauft.

Aus dem Bundeshaus hört man, Riklin sei umtriebig, fleissig, ein Hansdampf in allen Gassen, in diversen Kommissionen vertreten. Sie lasse aber auch keine Reise aus, lasse sich nicht einbinden, wisse alles besser. Sie selber sagt: «Ich vertiefe mich gern in Dossiers, höre zu, suche Lösungen – also nichts mit Sesselkleben.» Was empfinden Sie, wenn «von nicht nachlassender Gier nach Politik und Macht» die Rede ist? «Das ist völliger Blödsinn.» Macht sei nie ihr Antrieb gewesen, Macht, so findet sie, sei sowieso männlich besetzt. «Überhaupt», fragt sie, «würde man über einflussreiche Politiker mit Millionensalär und x-Verwaltungsratsmandaten auch so schreiben? – Wohl kaum.»

Christoph Mörgeli möchte wieder in den Nationalrat

Wehrhaft, wie sie ist, beschwert sie sich schon mal beim Journalisten oder Chefredaktor, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlt («Was soll das!»). So ist sie denn auch regelmässig in Kontakt mit der «Weltwoche», spricht von ihrer «‹Weltwoche›-Allergie». Apropos: Intimfeind Christoph Mörgeli will bekanntlich wieder in den Nationalrat. Riklin zuckt mit den Schultern, «das verwundert mich nicht», sagt sie nur.

Nun steht ihr Name also an erster Stelle der CSV-Nationalrats­liste, wie Co-Präsident Andreas Dreisiebner bestätigt. Weil Kathy Riklin nach wie vor «voll motiviert, extrem gut vernetzt, erfahren, wirkungsvoll, sprich clever» sei. Aber erst wenn die übrigen 34 Listenplätze besetzt sind, sei die Kandidatur Riklins endgültig. Bisher habe man knapp die Hälfte der Kandidaten zusammen, bis zur Generalversammlung am 4. Juni muss die Liste voll sein. «Das bringen wir schon hin», sagt Riklin und beisst ins Amaretti-Gebäck. Nein, umorientieren müsse sie sich nicht, CSV oder CVP, bei beiden stehe der Mensch im Mittelpunkt. Eine grosse orange Familie: Groll gegenüber der Mutterpartei hegt Riklin nicht. «Ich habe der CVP sehr viel zu verdanken, wichtig, dass Sie das schreiben, ich hatte eine tolle Zeit.» Es hätten übrigens etliche Parteikollegen gesagt, sie sollte nochmals antreten, «weil du so bekannt bist, so viele Fremdstimmen holst».

Auf den Titel Alt-Nationalrätin ist sie gar nicht scharf

Jetzt kandidiert sie für die Christlichsoziale Vereinigung («ich war immer christlich-sozial»), die als etwas sozialer, umweltbewusster, nachhaltiger als die CVP gilt. Alles, was Riklin verkörpere, sagt Dreisiebner: «Sie lebt ökologisch, der Klima- und Umweltschutz war ihr immer schon ein grosses Anliegen.» Im Gegensatz zu manch anderen Politikern sei sie nie einem Trend nachgehechelt. Sind Sie auch schon bei einer Klima-Demo mitgelaufen? «Nein», sagt Riklin, «ich hätte Hemmungen, ich will mich nicht anbiedern.» Aber die ehemalige Kantonsschullehrerin findet es «ganz toll», wie sich die Jungen engagieren. Wie sie auch Greta Thunberg toll findet. Und wie waren Sie selber mit 16 Jahren? Riklin lacht: «Sehr direkt, auf Konfrontation aus», so habe sie sich etwa beim Deutschlehrer über den langweiligen, schwermütigen Stoff beklagt, «das hat nicht zu einer Liebesbeziehung geführt».

Das Schweizer Kreuz am Revers ihres grauen Blazers irritiert ein wenig, bezeichnet sich Riklin doch lieber als Weltbürgerin, setzt sich ein für eine offene Schweiz. Es habe heute Morgen pressiert, eine Sitzung in Bern. Flugs entfernt sie das Doppelkreuz-Sujet der AHV-Steuer-Vorlage, sucht etwas in der Handtasche, findet ihren Lieblingsanstecker: Ein bunter Kreis, welcher die Nachhaltigkeitsziele symbolisiere. «Gälled Sie, ich sollte diesen anstecken?»

Kathy Riklin ist im ­Pensionsalter, amtsmüde wirkt sie aber wirklich nicht. Sie fühle sich jung, sei gesund und motiviert – auf den Titel Alt-Nationalrätin ist sie gar nicht scharf. Wir spazieren durch die Gassen hoch zum Lindenhof, ihrem Lieblingsort. Von hier oben könnte man wohl das Haus an der Schipfe sehen, wo Kathy Riklin seit 20 Jahren in einer Mietwohnung lebt. Sonst weiss man praktisch nichts Privates über die Vollblutpolitikerin. Und der goldene Ring am Finger? Ja, sie habe einen Partner, sie lacht, «immer den gleichen, schon seit ewig».



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(SonntagsZeitung)

Erstellt: 05.05.2019, 17:16 Uhr

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