Parlamentarierinnen erhalten in der Presse eine kleinere Bühne

Frauen sind in Schweizer Medien noch weniger präsent als im Parlament. Dafür werden Männer öfter mit negativen Wörtern beschrieben.

Medial untervertreten: Parlamentarierinnen mit Sibel Arslan, GPS (BS), von rechts, und Parlamentarier treffen sich zu einem Strick-In für den Internationalen Frauentag. Foto: Keystone / Anthony Anex

Medial untervertreten: Parlamentarierinnen mit Sibel Arslan, GPS (BS), von rechts, und Parlamentarier treffen sich zu einem Strick-In für den Internationalen Frauentag. Foto: Keystone / Anthony Anex

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was den Bundesrat betrifft, sind sich alle einig: Mindestens einer der beiden frei gewordenen Posten soll von einer Frau besetzt werden. Wohl durch die St. Galler FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter. Mit den CVP-Kandidaturen der Walliserin Viola Amherd, der Urnerin Heidi Z'graggen oder der Baselbieterin Elisabeth Schneider-Schneiter könnte am 5. Dezember auch der zweite Bundesratssitz an eine Frau gehen.

Grafik vergrössern

Doch mit allem, was über stillschweigende Vereinbarungen hinausgeht, tut man sich bei einer Frauenquote in Bundesbern schwer. Der Frauenanteil steckt im National- und im Ständerat schon länger bei rund 30 Prozent fest. Wegen Rücktritten ist er über die laufende Legislatur gar schlechter geworden.

Grafik vergrössern

Man könnte annehmen, dass die Presse, die vierte Gewalt, die sich einer ausgewogenen Berichterstattung verpflichtet fühlt, auf Frauen besonderes Gewicht legen würde. Das Mindeste wäre, die Redaktionen würden den Rätinnen ein Drittel des Platzes reservieren – entsprechend deren Anteilen im Parlament.

Doch Frauen kommen noch schlechter weg. Das zeigt eine computergestützte Analyse von 38'411 Artikeln aus neun Tageszeitungen durch die SonntagsZeitung. Nur 21 Prozent der in der Presse erwähnten Namen von National- und Ständeräten gehören Frauen. Deutlich weniger als die 29,6 Prozent Anteile im Parlament.

Auf Parteiebene ist das Missverhältnis noch stärker ausgeprägt. Besonders augenfällig ist er bei der SVP: Bei der rechten Volkspartei sind ohnehin nur 19 Prozent der Räte weiblich, doch in den Zeitungsspalten kommen die SVP-Rätinnen gerade mal auf einen Anteil von 8 Prozent. Selbst die SP, die auf ihrer Website stolz darauf hinweist, dass von 43 Nationalräten 25 weiblich seien, kommt in den Zeitungen auf nur 35 Prozent Frauenanteile. Also auch bei der Linken: Männer bekommen deutlich mehr Platz als ihre Kolleginnen.

Weil Frauen weniger bekannt sind, sinken ihre Wahlchancen

Für Yvonne Schärli, Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen (EKF), passen die Ergebnisse in ein Muster. Auch diejenigen der SP. Mit der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) und dem Bundesamt für Kommunikation (Bakom) hat die EKF die mediale Präsenz von Kandidatinnen vor den letzten eidgenössischen Wahlen 2015 untersuchen lassen. «Frauen wurden im Wahlkampf weniger beachtet», sagt Schärli, «die Folge daraus: Die Wahlchancen der Frauen sinken, weil sie weniger bekannt sind.»

Die Luzernerin sagt, sie habe Verständnis für die Redaktionen. Mit etablierten Räten erreichen sie ein grösseres Publikum. «Aber es ist eben interessant, zu sehen, dass die Unterrepräsentation der Frauen nach den Wahlen offenbar weitergeht», sagt Schärli. Sie nimmt die Parteien in die Pflicht: «Sie müssen bei Medienanfragen mehr Frauen vorschicken.»

Genau das tue die SP, sagt Co-Generalsekretär Michael Sorg auf Anfrage: «Aber in der Regel wollen Medienvertreter eben doch mit den bekannten Köpfen reden.» Der Bekannteste sei nun mal der Präsident, und das ist bei der SP ein Mann: Christian Levrat. Deshalb hätten Vertreterinnen anderer Parteien mehr Pressepräsenz. Sie hätten Präsidentinnen.

Grafik vergrössern

Tatsächlich ist das Verhältnis bei Grünen und FDP umgekehrt: Die Frauen bekommen mehr Raum in der Presse als im Parlament. Bei den Grünen steigern die Rätinnen ihre Nennungen um 3 Prozentpunkte gegenüber den Kollegen. Bei der FDP gar um 10 Prozentpunkte.

Grafik vergrössern

Der Präsidenteneffekt allein als Erklärung für die tiefe weibliche Pressepräsenz reicht nicht: Lässt man ihn weg, wird das Bild nur leicht korrigiert. Über alle politischen Lager gerechnet, kommen Frauen dann auf eine Präsenz von 23 Prozent. Es gibt nichts daran zu rütteln: Männer erhalten in der Presse eine deutlich grössere politische Bühne als Frauen.

Spitzenpolitikerinnen sind «mutig» und «konstruktiv»

Trotzdem ist es nicht so, dass Männer in jeder Hinsicht bevorzugt behandelt werden. Das zeigt eine tiefer gehende Sprachanalyse. So verwenden die Zeitungen bei Spitzenpolitikerinnen öfter positiver besetzte Begriffe, als wenn von Männern die Rede ist. Für diese Berechnung wurde ein weiteres computerbasiertes Modell entwickelt. Es ist in der Lage, Räte zu vergleichen, die auf eine ähnliche Anzahl Erwähnungen kommen. Karin Keller-Sutter mit Kollegen etwa, die wie sie auf über 2000 Nennungen in der Tagespresse gekommen sind.

Das Resultat: Die Kronfavoritin für einen der freien Bundesratsposten schwingt obenaus. Am deutlichsten tut sie das im Vergleich mit Pirmin Bischof, CVP, Roger Köppel, SVP, oder Andreas Glarner, SVP. In allen Fällen zeigt das Rechenmodell, dass Begriffe wie «gut», «offen» oder «positiv» enger mit der Bundesratskandidatin assoziiert sind als mit ihren drei Kollegen. Betrachtet man Adjektive, die meist negativ besetzt sind, ist das Umgekehrte der Fall. Begriffe wie «aggressiv», «grob» oder «verbissen» stehen enger mit Männern in Verbindung als mit Keller-Sutter.

Grafik vergrössern

Frauen werden oft als weniger neutral eingestuft

Köppel, Bischof und Glarner sind Extrembeispiele. Tatsächlich ist es egal, mit welchem National- oder Ständerat man Keller-Sutter vergleicht: Das verwendete Vokabular ist bei ihr stets positiver belegt als bei männlichen Kollegen. Dasselbe gilt für andere in der Presse oft zitierte und genannte Frauen: für SP-Nationalrätin Yvonne Feri etwa oder die grüne Nationalrätin Maya Graf.

Auffällig ist, welche Adjektive am häufigsten mit Spitzenpolitikerinnen in Verbindung gebracht werden: «diplomatisch», «mutig» oder «konstruktiv». Bei den Männern sind die assoziierten Wörter bunter. Bei Roger Köppel, SVP, etwa: «lustig» oder «emotional» – bei Christian Levrat, SP: «radikal» oder «richtig».

Grafik vergrössern

Gut möglich, dass die sachlicheren Begriffe in der Umgebung von Spitzenpolitikerinnen als Kompensation funktionieren. Laura Eigenmann, Genderforscherin an der Universität Basel, sagt: «Frauen gelten in der breiten Öffentlichkeit generell als weniger kompetent – ihnen wird weniger zugetraut.» Zudem würden Frauen oft als weniger neutral eingestuft. Um die Kompetenz von Frau Keller-Sutter zu betonen, sehen es Medienmacher möglicherweise als notwendig an, stets Sachlichkeit und Konstruktivität zu betonen – etwas, das bei männlichen Kollegen weniger nötig ist.

Ob die Frauen aus der positiven Presse Profit schlagen, ist zweifelhaft. Besonders entlarvend ist der Vergleich der Adjektive, die nahe bei den Namen Hillary Clinton und Donald Trump liegen. Bei Clinton: «überzeugend», «diplomatisch» – bei Trump: «falsch», «aggressiv». Wer sich bei den US-Wahlen durchsetzte, ist allerdings hinlänglich bekannt.

* Dieser Artikel erschien am 4. November 2018 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.11.2018, 11:04 Uhr

38'411 Artikel aus der Tagespresse

Für die Analyse berücksichtigt wurden die Artikel von 9 Tageszeitungen aus der Schweizer Mediendatenbank: «Tages-Anzeiger», «Berner Zeitung», «Bund», NZZ, «St. Galler Tagblatt», «Aargauer Zeitung», «Luzerner Zeitung», «Basler Zeitung» und «Landbote». Insgesamt 38'411 Artikel von Oktober 2015 bis Juni 2018. Der ebenfalls angefragte «Blick» willigte zur Artikel-Massenanalyse nicht ein. Bei der Zählung der Politikernamen wurden auch Folgenennungen berücksichtigt. Wenn Karin Keller-Sutter im selben Artikel also nur mit Nachnamen erwähnt wurde, zählte diese Nennung mit. Mit einem Anteil von 21 Prozent liegt die Präsenz der Frauen in der SonntagsZeitung mit derjenigen in den Tageszeitungen gleichauf. Mit einem zweiten Computerprogramm wurden alle Adjektive herausgelesen und in Gruppen eingeteilt: positiv besetzte Adjektive, solche, die negativ besetzt sind, und nicht klar kategorisierbare Begriffe. Diese Einteilung erledigte kein Computer, sondern Redaktoren. Damit wurde die Nähe der Adjektive zu den Politikern berechnet. Die Nähe ergibt Rückschlüsse darauf, in welchem Umfeld ein Ratsname verwendet wird. Sie müssen den Rat oder die Rätin nicht zwingend beschreiben. (bsk)

Artikel zum Thema

Fast drei Viertel aller SRG-Journalisten sind links

SonntagsZeitung Erstmals liegen detaillierte Zahlen zur politischen Einstellung von Medienschaffenden vor. Mehr...

Plädoyer für eine freie Presse

Analyse Unabhängige Medien sind für die demokratische Schweiz von zentraler Bedeutung. Doch es fehlt an Rückhalt bei Staat und Gesetzgeber. Mehr...

Undiplomatische Medienschelte von Russlands Botschafter

Kommentar Sergei Garmonin greift die Redaktionen des Verlags Tamedia massiv an. Damit sagt er mehr über sein mangelndes Verständnis von Pressefreiheit als über unsere Arbeit. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Stadtblog Ein richtig guter Thai!

Die Welt in Bildern

Trigger für Höhenangst: Ein Besucher der Aussichtsplattform des King Power Mahanakhon Gebäudes in Bankok City posiert fürs Familienalbum auf 314 Meter über Boden. (16. November 2018)
(Bild: Narong Sangnak/EPA) Mehr...