Kein leichtes Spiel für Greta Thunberg

Über den Atlantik hat es die Klimaaktivistin geschafft. Aber in den USA läuft sie Gefahr, mit ihren Anliegen unterzugehen.

«Greta Thunberg will die Amerikaner vor dem angeblich kurz bevorstehenden Untergang des Planeten warnen», schreibt Autor Martin Suter. Illustration: Kornel Stadler

«Greta Thunberg will die Amerikaner vor dem angeblich kurz bevorstehenden Untergang des Planeten warnen», schreibt Autor Martin Suter. Illustration: Kornel Stadler

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Die schwedischen Gretas haben es in sich. In den 1920ern kam Greta Garbo über den Atlantik und bezirzte Amerikas Kinogänger mit ihrem geheimnisvollen Charme. Nun hat die 16-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg in New York mit einem noch ehrgeizigeren Ziel angedockt: Sie will die Amerikaner vor dem angeblich kurz bevorstehenden Untergang des Planeten warnen und sie von ihrer unmoralischen Lebensweise abbringen.

Am Freitag mischte sich Greta unter allesamt minderjährige Demonstranten, die beim Zaun vor dem Weissen Haus Sprüche skandierten wie: «Hey hey, ho ho, climate change has got to go!» Die schüchterne Schwedin versteckte sich unter den vergleichsweise wenigen Klimastreikenden.


Video: Greta zieht vors Weisse Haus

Greta zieht vors Weisse Haus: Hunderte demonstrieren in Washington mit ihr gegen die Klimapolitik. Video: AP


Zuvor hatte Greta in zwei TV-Interviews eloquenter gewirkt. Als der landesweit bekannte Comedian Trevor Noah in seiner «Daily Show» nach der ihretwegen abgebrochenen Karriere der Mutter als Opernsängerin fragte, antwortete sie: «Mir ist egal, wie sie auftritt.» So ungeschminkt wie ihr Gesicht war dabei auch ihre Ausdrucksweise.

Natürlich zerfloss Noah, wie alle Interviewer auch hier in den USA, vor dem zerbrechlichen Gegenüber. Zweimal entfuhr ihm ein «Wow», als Greta die Gigatonnen ausgestossenes CO2 bezifferte und dem Planeten nur noch eine Überlebensdauer von achteinhalb Jahren gab. Zu den scheinbar unbezweifelbaren Fakten, von der Schwedin vorgetragen mit der Selbstgewissheit einer Seherin, sagte Noah nur: «Dies ist stark.»


Podcast «USA: Entscheidung 2020»

Hören Sie sich die neuste Folge vom Podcast «Entscheidung 2020» an mit USA-Korrespondent Alan Cassidy und Redaktor Philipp Loser.


Könnte sich Greta Thunberg in den USA so flächendeckend und so selten hinterfragt wie in Europa in Szene setzen, würde ihr vielleicht auch Amerika erliegen. Tatsächlich zeichnet sich beim Klimathema auch in den USA ein Gesinnungswandel ab. Nach einer Umfrage von dieser Woche glauben jetzt acht von zehn Amerikanerinnen und Amerikaner, dass menschliches Handeln das Klima beeinflusse. Um Abhilfe zu schaffen, ist bezeichnenderweise kaum jemand zu persönlichen Opfern bereit. Eine knappe Mehrheit der Befragten will nicht einmal zwei Dollar im Monat mehr für Elektrizität zahlen.

«In den zutiefst ­polarisierten USA wird das ­Klimathema in der politischen Mühle zerrieben.»

Der grösste Unterschied zu Europa ist für die Klimabewegung das politische Terrain in den USA. Erstens hat Amerika vor fast drei Jahren einen Präsidenten gewählt, der den menschlichen Faktor bei der Erklärung von Klimaphänomenen herunterspielt oder infrage stellt. Donald Trump weigert sich, Massnahmen auch nur zu erwägen, unter denen das Wirtschaftswachstum leiden könnte.

Zweitens haben sich die im Wahlkampf nach links gerückten Demokraten die Klimakrise auf die politischen Fahnen geschrieben. Das progressive Lager verfügt mit der jungen sozialistischen Abgeordneten Alexandria Ocasio Cortez bereits über eine Galionsfigur. Diese Woche rief «AOC» allen Ernstes aus: «In ein paar Jahren wird Miami nicht mehr existieren!»

Anders gesagt: In den zutiefst polarisierten USA wird das Klimathema in der politischen Mühle zerrieben. Anders als in Europa wird es Greta Thunberg hier nicht gelingen, die Klimakrise zuoberst auf die Agenda zu setzen – zumindest nicht bis zum Wahltag 2020.



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Erstellt: 14.09.2019, 23:11 Uhr

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