Kein Stich gegen den Krebs

Wer sich bei einer Tumorerkrankung ­ nur ­alternativ behandeln lässt, stirbt eher als nach einer konventionellen Therapie.

Akupunktur: Als Ergänzung zu einer Chemotherapie sinnvoll, nicht aber als alleinige Massnahme gegen Krebs. Foto: PD

Akupunktur: Als Ergänzung zu einer Chemotherapie sinnvoll, nicht aber als alleinige Massnahme gegen Krebs. Foto: PD

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Es sind wohl nicht sehr viele Menschen, aber sie setzen alle ihr Leben aufs Spiel: Krebspatienten, die schulmedizinische Therapien komplett ablehnen und ausschliesslich auf alternative Behandlungsmethoden setzen, haben ein deutlich höheres Risiko, an ihrer Tumorerkrankung zu sterben als Patienten, die sich konventionell behandeln lassen. Diese Erkenntnis ist zwar nicht überraschend, aber eine aktuelle Studie von Forschern der Yale University in New Haven (USA) belegt diesen Zusammenhang erstmals in voller Deutlichkeit.

Demnach sterben Krebspatienten, die sich rein alternativmedizi­nisch (AM) behandeln lassen, im Schnitt 2,5-mal häufiger (innert sechs Jahren nach der Diagnose) als herkömmlich behandelte Patienten. Am gefährlichsten leben dabei Brustkrebspatientinnen, die auf AM setzen. Für sie ist das Risiko, frühzeitig zu sterben, fast 6-fach erhöht, bei Darmkrebs 4,5-fach, und bei Lungenkrebs ist das Risiko gut doppelt so hoch. Einzig bei Prostatakrebspatienten sahen die Forscher um Skyler Johnson keinen Unterschied: Das habe vermutlich damit zu tun, schreiben sie im «Journal of the National Cancer Institute», dass dieser Krebs meist nur langsam wächst.

«Davon können wir nur träumen»

Für ihre Studie analysierten die Forscher Daten aus dem nationalen Krebsregister der USA. Anders als in den meisten hiesigen kantonalen Krebsregistern finden sich in der US-Datenbank auch detaillierte Angaben zur Behandlung. «Davon können wir in der Schweiz derzeit nur träumen», sagt Sabine Rohrmann, Professorin am ­Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Uni Zürich und Leiterin des Krebsregisters der Kantone Zürich und Zug. Rohrmann hofft, dass im nationalen Krebsregister (Start geplant Anfang 2019) auch «tiefer gehende Behandlungsdaten» eingespeist werden.

Im US-Krebsregister suchten die Forscher nach dem Eintrag ­«other-unproven: cancer treatments administered by non-medical personnel («andere nicht erforschte: Krebsbehandlungen durch nichtmedizinisches Per­sonal»). Sie fanden so 280 Dossiers von Patienten mit Brust-, Lungen-, Darm- oder Prostatakrebs. Von diesen vier Krebsarten – den häufigsten notabene – weiss man, dass die Fünfjahresüber­lebenschance bei frühzeitiger Diagnose und ­entsprechender Therapie sehr hoch ist. Bei Brustkrebspatientinnen zum Beispiel liegt die Fünfjahresüberlebensrate mit heutiger State-of-the-Art-Therapie bei rund 87 Prozent. Ohne solche Therapien oder nur mit AM-Behandlungen leben hingegen nur noch 58 Prozent der Patientinnen fünf Jahre nach der Diagnose. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Darmkrebs. Mit konventioneller Therapie leben nach fünf Jahren noch knapp 80 Prozent der Patienten, mit AM-Behandlung dagegen nur noch knapp ein Drittel der Patienten.

Anhänger sind jung, weiblich, gebildet

«Ich finde das Resultat dieser Studie hochinteressant, aber auch alarmierend», kommentiert Claudia Witt, Professorin für komplementäre und integrative Medizin am Universitätsspital Zürich. Die Studie sage indes nichts dazu aus, warum sich die Menschen so entschieden haben. Möglicherweise seien es religiöse Gründe, finanzielle oder ideologische. Aus ihrer Praxiserfahrung kenne sie es jedenfalls nicht, sagt Witt, dass Patienten mit Heilungschancen eine ­konventionelle Krebstherapie komplett ablehnen. «Ich glaube aber, dass es das bei uns auch gibt.»

Die aktuelle Studie liefert auch Hinweise, welche Menschen sich der Schulmedizin verweigern. Tendenziell sind die AM-Anhänger demnach jünger als der Durchschnitt und weiblich, sie haben eine überdurchschnittliche Bildung, ein überdurchschnittliches Einkommen und leiden an weniger anderen Krankheiten als der Durchschnitt. «Das alles wusste man bislang noch nicht so genau», sagt Sabine Rohrmann. Generell sei die neue Studie das Beste, was es gibt zu dem Thema. Eine Schwäche der Studie ist allenfalls die fehlende Differenzierung bei den AM-Behandlungen. Darunter fällt sehr vieles – von Kräutern, Vitaminen, Homöopathie, Naturheilern bis hin zu speziellen Diäten, Gebeten, Meditation, Akupunktur oder Chiropraktik. Gemeinsam sei diesen Behandlungen allerdings, schreiben die Forscher, dass es kaum bis gar keine Hinweise darauf gebe, dass AM-Behandlungen das Überleben bei Krebs verbessern.

Angst vor der Krebstherapie nehmen

Dass es kaum Studien gibt zu dem Thema, hängt zum einen mit den fehlenden Angaben in den Krebsregistern zusammen. Zum anderen aber auch damit, dass Patienten, die sich der Schulmedizin komplett verweigern, selten bis nie in einem Spital oder einer Universitätsklinik auftauchen und es daher auch unklar ist, ob sie in den Krebsregistern eingetragen sind. Sehr häufig äussern Krebspatienten dagegen den Wunsch, eine Chemotherapie oder Bestrahlung mit komplementärmedizinischen Behandlungen zu ergänzen, sagt Claudia Witt. «Dabei muss man aber darauf achten, dass man keine Dinge macht, die mit der Chemotherapie interagieren können.» Sehr gut kombinieren könne man zum Beispiel Yoga, Achtsamkeitsübungen oder Akupunktur.

Vor allem aber müsse man den Menschen die Angst vor der Krebstherapie nehmen, sagt Witt. Die sitze tief, sei aber wenig begründet. Die Therapien seien besser geworden, und es stünden mehr Medikamente gegen Nebenwirkungen zur Verfügung. «Wir haben die Aufgabe, über diese Entwicklungen positiver zu berichten», sagt Witt. Der Einbezug von Komplementärmedizin könne helfen, den Patienten ein wenig die Angst zu nehmen. Allerdings: «Patienten, die extreme Einstellungen haben, kann man wohl auch damit nicht erreichen.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 26.08.2017, 23:35 Uhr

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