Keine Kämpfe gegen Windmühlen mehr

Dafür, dass in 28 Jahren nicht noch ein Frauenstreik nötig wird, sollten wir jetzt etwas tun. Vor allem in der Wirtschaft.

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Die Organisatorinnen des Frauenstreiks ­haben einen gewaltigen Erfolg errungen. So viele Menschen hat in der Schweiz wohl noch niemand auf die Strassen gebracht. Wenn so viele Frauen sagen, dass die Gleichberechtigung in der Schweiz bei weitem noch nicht erreicht ist, dann muss spätestens am Freitag jedem klar geworden sein, dass dem so ist. Also braucht es Massnahmen – auch vom Staat. Die Totalver­weigerung der bürgerlichen Mehrheit ist un­verständlich.

Was kann man tun, damit nicht in 28 Jahren wieder Hunderttausende auf die Strasse müssen, um für Gleichberechtigung zu protestieren? Das Parlament mit seinen 28 Prozent Frauen muss weiblicher werden, dann werden es auch die Gesetze. Vielleicht ist es symptomatisch, dass der Vorschlag zu einer verordneten Frauenquote von 50 Prozent aus der ehemaligen DDR kommt. Aber ein Vorschlag der Grünliberalen ist spannend. Die Fraktionen mit einem Frauenanteil von 50 Prozent sollen mehr Geld bekommen. Das bringt einen ökonomischen Anreiz, dem sich eigentlich die FDP anschliessen müsste. Interessant ist der Vorschlag, weil man ihn auch auf andere Männerbastionen anwenden könnte. Beispielsweise die ETH. Die hat zwar mit Sarah Springman eine engagierte Rektorin. Aber sonst ist die renommierteste Schweizer Hochschule noch immer eine Männerdomäne. Genauso wie die «Männer-Fächer» an den Universitäten, die zu Kaderjobs führen. Zählen Sie mal die Frauen in der Wirtschaftsinfor­matik! Man sollte einen Bonus aussetzen für die Führungskraft, die es schafft, das zu ändern. In den USA gäbe es einige gute Beispiele, die man kopieren könnte.

In der Pflicht sind Wirtschaft und staatliche Betriebe

Vielleicht braucht es auch ein Bonussystem für Erziehungsdirektoren. Sie sollten Gymnasien schaffen, die mehr Mädchen und Jungs dazu bringen, die naturwirtschaftlichen Fächer (Mint-Fächer) ernst zu nehmen, statt nur die Sprachen – am liebsten natürlich Latein. Mit dem Resultat, dass wir zwar viele Mädchen zu Lehrerinnen ausbilden, aber Doktoranden für die ETH aus Asien holen. Gleiches gilt für den Pflegeberuf. Ist es wirklich klug, die Branche zum Billigsegment zu machen, wenn wir alle immer älter werden? Hier braucht es einen Bonus für jene, die in den Spitälern arbeiten.

Das Wichtigste wird aber sein, dass wir in der Wirtschaft und den staatlichen Betrieben Strukturen schaffen, damit gleichberechtigte Lebensformen am Arbeitsplatz nicht verhindert, sondern normal werden. Das heisst: Karrieremöglichkeiten auch für Frauen mit Kindern. Nur wenn das gelingt, können wir in 28 Jahren feiern, weil sich die Gleichberechtigung nach dem Frauentag 2019 durchgesetzt hat.



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Erstellt: 16.06.2019, 01:39 Uhr

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