Emotionale Intelligenz ist Arbeitgebern oft wichtiger als IQ

Emotional intelligente Angestellte sind im Berufsleben gefragter denn je – und ein hoher EQ wird in der digitalisierten Zukunft noch wichtiger.

Die emotionale Intelligenz wird von allen Seiten als Kernkompetenz für die Berufswelt der Zukunft propagiert. Illustration: Birgit Lang

Die emotionale Intelligenz wird von allen Seiten als Kernkompetenz für die Berufswelt der Zukunft propagiert. Illustration: Birgit Lang

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Der Test, der die emotionale Intelligenz misst, beginnt mit einem vermeintlich einfach lösbaren Fallbeispiel: «Peter ist seit Wochen bestrebt, in einen anderen Bereich seines Unternehmens versetzt zu werden. Dann erfährt er, dass statt ihm eine Kollegin in genau diese Abteilung versetzt wird. Dies sehr kurzfristig, weil sie sich am derzeitigen Arbeitsplatz angeblich unwohl fühlt. Was empfindet Peter in dieser Situation am ehesten?» Ist doch klar, wie er sich fühlt, denkt man. Bestimmt ist Peter frustriert. Gekränkt. Oder enttäuscht.

Aber dann stehen als Antworten nur folgende 14 Basis-Emotionen zur Auswahl: Stolz, Freude, Interesse, Erleichterung, Langeweile, Traurigkeit, Scham, Schuld, Besorgnis, Angst, Ekel, Verachtung, Gereiztheit, Wut. Und nun? Welches dieser Gefühle ist wohl richtig? Trauer vielleicht? Oder doch eher Wut? Oder Gereiztheit?

Etwa so geht es die nächste Stunde weiter: 115 Fragen, ein Mix aus Kurzvideos, in denen Schauspieler Gefühle darstellen, die man richtig benennen soll, und beruflichen Situationen, auf die man angemessen reagieren muss – etwa, wenn ein Kollege mit einer wichtigen Präsentation scheinbar nicht zurechtkommt oder wenn einem der Vorgesetzte in den Rücken fällt. Viele sind leicht zu beantworten, andere scheinbar unmöglich.

Emotionale Kompetenz wichtiger als der Lebenslauf

Der Emco4 ist keiner dieser Onlinetests, die man nur zum Spass ausfüllt. Forschende der Universitäten Genf und Bern haben ihn basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen gemeinsam mit der Berner Personaldiagnostik-Firma Nantys entwickelt, die ihn in der Praxis einsetzt – für Versicherungen, Energiebetriebe und Fluggesellschaften ebenso wie für öffentliche Verwaltungen, die eine Stelle zu vergeben haben; meist geht es um eine Führungsposition.

Die Fragen haben absichtlich unterschiedliche Schwierigkeitsgrade, denn nur so kann der Test scharf zwischen Personen mit wenig und solchen mit stark ausgeprägten Fähigkeiten unterscheiden. Letztere sind aktuell besonders gefragt: Immer mehr Firmen beginnen zu begreifen, wie wichtig es ist, ihre Schlüsselpositionen mit emotional kompetenten Leuten zu besetzen. Für die Mehrheit der Personalverantwortlichen ist ein hoher EQ inzwischen gar wichtiger als ein hoher IQ, erst recht, da Lebensläufe ab einer bestimmten Stufe austauschbar sind.

Der hochintelligente, aber sozial inkompetente Nerd kommt in der Arbeitswelt nicht sonderlich gut an: Leonard Hofstadter, Sheldon Cooper und Howard Wolowitz (v.l.) in «The Big Bang Theory». Foto: Getty

Es betrifft aber nicht nur Führungspersonen, sondern alle. Die emotionale Intelligenz wird von allen Seiten als Kernkompetenz für die Berufswelt der Zukunft propagiert: von Trendforschern, Arbeitspsychologinnen, ja sogar vom Bund. Zwischen den Zeilen lesen, spüren, in welchem Moment man kompromissbereit sein, bestimmen oder schweigen soll – alles Fähigkeiten, die je länger, desto wichtiger sind, je vernetzter und digitaler die Arbeitswelt wird.

Wer einen hohen EQ hat, kann besser mit Stress umgehen.

Dass die emotionale Intelligenz gerade so im Hoch ist, hat sicher auch mit der Sorge vieler zu tun, die schlauen Maschinen könnten uns bald alle Jobs streitig machen. Und Gefühle sind das, was wir ihnen voraushaben.

«Personen mit einer hohen emotionalen Intelligenz sind erfolgreicher im Beruf und weisen eine höhere Lebenszufriedenheit auf», sagt Denise Lang, stellvertretende Geschäftsführerin von Nantys, und verweist auf die Untersuchungen des US-amerikanischen Psychologen Daniel Goleman, der mit dem Buch «EQ. Emotionale Intelligenz» Mitte der 90er einen Hype ausgelöst hat.

Wer einen hohen EQ hat, kann demnach besser mit Stress umgehen, hat eine gute Selbstkontrolle, verhält sich hilfsbereiter, ist als Führungsperson anerkannter – die Liste ist lang. Dabei muss es sich nicht zwingend um die offensichtliche Mutter Teresa des Betriebes handeln, die es allen recht macht. Emotional intelligent kann auch jene Person sein, die sich, wenn es die Umstände verlangen, für einmal unpopulär verhält – selbst wenn das gegen aussen so wirkt, als sei man gefühlsarm und asozial.

Im Alter verbessert sich die emotionale Intelligenz

Für knapp 80 Franken kann man sich auch privat durch den Onlinetest klicken. Nach 115 Fragen wird einem auf sechs A4-Seiten vor Augen geführt, ob man erstens die Gefühle anderer richtig erkennt, zweitens, wie gut man sich in Kollegen hineinversetzen kann, also wie empathisch man ist, drittens, ob man seine eigenen Gefühle im Griff hat, und viertens, ob man in schwierigen Situationen vorbildlich reagiert.

«Wie bei einem psychometrischen Leistungstest üblich, können nur die wenigsten alle Fragen im Test richtig beantworten und sämtliche emotionalen Nuancen differenziert erkennen», sagt Denise Lang. Etwa 54 Prozent der Personen erreichen Werte zwischen vier und sechs von möglichen neun. Mit zunehmendem Alter fällt es etwas schwerer, Emotionen zu erkennen, in den anderen Bereichen hingegen verbessern sich die Fähigkeiten leicht.

Können wir die emotionale Intelligenz also trainieren? All die Selbsthilfebücher, Lehrprogramme oder Weiterbildungskurse, die derzeit angeboten werden, lassen es jedenfalls vermuten. «Die emotionale Intelligenz kann man nicht wie Vokabeln oder mathematische Formeln lernen», sagt die Arbeits- und Organisationspsychologin Andrea Chlopczik, die an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften dreimal jährlich einen Weiterbildungskurs zum Thema emotionale Intelligenz leitet. «Und das ist ja auch nicht nötig. Jeder gesunde Mensch verfügt über eine angeborene emotionale Intelligenz, die er automatisch einsetzt.»

Kinder, die sozial-emotional geschult werden, sind hilfsbereiter

Im Kurs gehe es ganz praktisch darum, zu erkennen, wie man in bestimmten Situationen reagiere und wie man diese Emotionen kontrollieren könne, sagt Andrea Chlopczik. Warum plötzlich das Herz zu rasen beginne, wenn man eine Präsentation halten müsse, oder weswegen man bei den Kollegen immer wieder anecke. Sie verwendet dafür das Bild einer Herde Wildpferde, die einen entweder unkontrolliert hinter sich herschleifen würden oder die man selber bewusst lenke. Diesbezüglich sei unser Hirn ein Leben lang formbar. Hier setze der viertägige Weiterbildungskurs à 4000 Fr. auf Erkenntnisse der Neuro- und Motivations­psychologie. Führungskräfte, freiberufliche Coaches, Angestellte im sozialen Bereich – die Kursgruppen sind durchmischt. «Seit etwa anderthalb Jahren steigt das Interesse spürbar», sagt Andrea Chlopczik.

Weil es einfacher ist, wilde Pferde zu zähmen, solange sie noch Fohlen sind, setzt man bei den Kleinsten an. SEL, sozial-emotionales Lernen, wird das genannt. Kinder, die ein solches Programm durchlaufen, zeigen sich hilfsbereiter, sind weniger aggressiv, und sie schneiden auch leistungsmässig besser ab. Ein Fachteam am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich hat basierend darauf das Programm Denk-Wege (vor 2018: Pfade) entwickelt. Inzwischen lernen Kinder und Jugendliche in rund 1600 Schweizer Schulen während einer Lektion pro Schulwoche, wie man sich sozial und emotional kompetent verhält. Ob sie sich später im Beruf besser schlagen als jene, die kein jahrelanges Training hinter sich haben, ist noch unklar. Man ist jedoch aktuell dabei, die Langzeiteffekte systematisch zu evaluieren, die Resultate sollen diesen Sommer publiziert werden.

Auch die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen (EKKJ) hat im Bericht «Aufwachsen im digitalen Zeitalter» darauf hingewiesen, wie bedeutend die Empathie, die Fähigkeit, Probleme zu lösen, die Kommunikation und die Kreativität in der Arbeitswelt 4.0 seien. Für Benjamin Bosshard von der EKKJ wird der Freizeitbereich immer wichtiger. «Die nötigen Kompetenzen können sich die Kinder und Jugendlichen auch ausserschulisch in der Familie, durch Jugendarbeit-Angebote oder in Vereinen aneignen.»

Bei allem Hype um die emotionale Intelligenz gibt es aber auch Kritiker wie den kanadischen Psychologen Paul Bloom, die dem Einfühlungsvermögen beschränkte Wirkung zusprechen. Empathie gilt zwar als angeboren und man fühlt automatisch mit, wenn man jemanden weinen oder überfordert sieht. Reine Empathie ist aber wirkungslos, wenn kein Mitgefühl daraus erwächst, also wenn man sein Gegenüber in dieser Situation nicht tröstet oder unterstützt. Laut Bloom gelingt uns das aber nur bei Personen, die uns ähnlich sind und nahe stehen. Ausgerechnet im Job hat man jedoch immer wieder mit Kollegen und Kunden zu tun, die einem fremd sind und die anders ticken. Sich in sie hineinzuversetzen und angemessen mit ihnen umzugehen, schaffen laut Bloom nur die Wenigsten. Die gute Nachricht ist, dass man echtes Mitgefühl mit mentalem Training üben kann. Übrigens, die richtige Antwort auf die erste Frage wäre gewesen: Wut.



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Erstellt: 27.04.2019, 18:58 Uhr

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