Kevin, Milo, Fatima und Sieglinde

Warum Anton schon bald der nächste Ali sein könnte.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es gibt nichts, was über Vornamen noch nicht gesagt worden wäre, jedoch nicht von mir. Dieses Karl-Valentin-Zitat anstelle einer Entschuldigung für die ­folgenden Überlegungen, die sowohl redundant wie auch idiosynkratisch sind. Falls Ihnen die beiden Fremdwörter nicht geläufig sind: Die Übersetzung finden Sie über die Kolumne verteilt. Was Sie hoffentlich dazu bringt, sie bis zu Ende zu lesen.

Modenamen: In meiner Primarschulklasse gab es zwei Kevins, zwei ­Rogers und zwei Stefanies. Diese ­Namen waren überrepräsentiert und damit: redundant. Mein eigener Name jedoch war damals selten und deshalb ein Anlass für Scherze. Einerseits galt Milo in den frühen 90ern als Mädchenname, andererseits hiess der sehr unbeliebte serbische Präsident so ähnlich. In meiner Heimatstadt St. Gallen hörten ausser mir deshalb nur zwei Hunde auf den Namen.

Ausländische Namen: Untersuchungen zeigen, dass Bewerbungen mit Vornamen wie Fatima oder Ali keine guten Chancen haben. Fügt man ein Passbild mit Kopftuch oder Kinnbart hinzu, kann man seine Bewerbung auch in den Mülleimer flüstern. So weit die aktuelle Vorurteilslage, die sich ­gemäss demografischem Wandel, nun ja, wandelt. In der Klasse meiner Tochter tragen die Hälfte der Kinder ausländische Namen. Die Klassen­beste heisst Fatima, der Klassenletzte Anton. Gut möglich also, dass Anton der nächste Ali ist.

Wieso nennt man ein Baby Sieglinde?

Altertümliche Namen: Als es losging mit der Hipster-Mode, Kindern die Namen der Urgrosseltern zu geben, wohnte ich im Berliner Szeneviertel Prenzlauer Berg. Ging ich zum Bäcker, wurde ich ähnlich genarrt wie früher im St. Galler Stadtpark. Dort hörte ich ständig «Milo», drehte ich mich jedoch um, hechelte ein Appenzeller Hund an mir vorbei. Im Prenzlauer Berg dagegen hörte ich ständig «Sieglinde» oder «Friedrich». Drehte ich mich um, sah ich nicht auf wundersame Weise in den Alltag getretene Richard-Wagner-Figuren, sondern vor Lebenslust quiekende Babys.

Wieso nennt man ein Baby Sieglinde? Vermutlich weil man hofft, dass aus den Kindern was wird. Das Leben ist ein Buch voller weisser Blätter, und der Vorname des Helden spielt eine entscheidende Rolle. Eine erfolglose Sieglinde ist unvorstellbar, ein Friedrich muss einfach zufrieden werden. Eine muslimische Bekannte von mir, obwohl nicht besonders gläubig, nannte ihre Tochter Fatima: Die Tochter des Propheten hiess so, da kann eben einfach nichts schiefgehen.

Womit wir zum zweiten Fremdwort kommen: idiosynkratisch. Was so viel wie charakteristisch heisst. Eigennamen sind charakteristisch, aber sie ­sagen mehr über den Charakter der Namensgeber aus als über den der Träger. So wie all diese völlig redundanten und idiosynkratischen Überlegungen natürlich mehr über mich selbst aussagen als über die Leserinnen und Leser, die zufällig Ali, Sieg­linde oder Kevin heissen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.09.2018, 22:55 Uhr

Artikel zum Thema

Finden Sie Ihren Vornamen in der Hitliste?

Diese Grafiken zeigen, ob Ihr Name zu den 200 beliebtesten gehört und wie häufig er in der Schweiz vorkommt. Mehr...

«Im täglichen Leben spielt der Name eine Rolle»

Interview Markus Leibundgut, Schweiz-Chef bei Swiss Life, verteidigt die eingeschweizerten Namen. Die Debatte habe eine gesellschaftliche Dimension. Mehr...

Integrationsklassen schneiden bei Leistungstests schlecht ab

Wie sich die Eingliederung schwieriger Schüler auswirkt, zeigt eine Studie zur umstrittenen Schulreform. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Was ist los in den USA?

Mamablog Wie binär denken unsere Kinder?

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Haar um Haar: Was aussieht wie die Nahaufnahme eines Blütenstandes sind tatsächlich Rasierpinsel aus Dachshaar. Sie stehen bei einem Pinselhersteller im bayerischen Bechhofen. (25. September 2018)
(Bild: Daniel Karmann/dpa) Mehr...