Versicherung zahlt bis zu 12'000 Franken fürs Wunschkind

Eine Versicherung ­unterstützt erstmals Paare, die auf künstliche Befruchtung angewiesen sind, und bricht damit ein Tabu.

Sehnsucht nach einem Baby: Jedes sechste Schweizer Paar ist ungewollt kinderlos. Foto: Getty Images/iStockphoto

Sehnsucht nach einem Baby: Jedes sechste Schweizer Paar ist ungewollt kinderlos. Foto: Getty Images/iStockphoto

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Frau plus Mann plus Sex gleich Kind – das ist die natürlichste Gleichung der Welt. Die Pille abgesetzt, das Kondom weggelassen – und päng! Schwanger. Geht bis weit über 40, wie uns Promifrauen regelmässig vormachen: Das jüngste Beispiel ist Model und Schauspielerin Milla Jovovich, die am letzten Sonntag Töchterchen Osian zur Welt brachte – mit 44. Dass kaum eine sofort schwanger wurde, schon gar nicht auf natürlichem Weg, wird dabei verschwiegen.

Das erweckt den Anschein, dass es einfach so klappt, was die Selbstzweifel, die Scham und die Trauer, dass die natürlichste Gleichung der Welt ausgerechnet bei einem selber nicht aufgehen will, nur noch verstärkt. Dabei trifft es viele. Jedes sechste Schweizer Paar ist ungewollt kinderlos, jährlich lassen sich rund 6000 Frauen künstlich befruchten, viele geben Tausende Franken aus. «Es gibt Leute, die werden gratis schwanger», sagt die 34-jährige Claudia Marty* aus Bern. «Bei uns war es nicht so.»

Dass etwas nicht stimmt, realisierten sie und ihr Mann, als sie einfach nicht schwanger wurde. Obwohl beide keine 30 waren und sie die Uhr nach ihrem Eisprung hätte richten können. Bei einem Test stellte sich heraus, dass die Spermienqualität zu schlecht war; selbst die Chance, per Insemination schwanger zu werden, bei der aufbereitete Spermien direkt in die Gebärmutter gespritzt werden, war gleich null.

Ein Versuch kostet 6000 bis 10'000 Franken

Es blieb nur die In-vitro-Fertilisation (IVF), also die künstliche Befruchtung ausserhalb des Mutterleibs. In der Kinderwunsch­klinik sagte man ihnen, dass sie mit rund 8000 Franken pro Versuch rechnen müssten. Viel Geld für die junge Lehrerin und den Landschaftsgärtner. «Wir waren überrascht, dass man alles selber bezahlen muss», erzählt Claudia Marty. Damals ahnten sie noch nicht, dass am Ende alles noch viel teurer werden würde.

Die Grundversicherung übernimmt maximal acht Zyklen mit stimulierenden Hormonbehandlungen und drei Inseminationen. Die Erfolgsquote ist mit 10, maximal 20 Prozent pro Versuch bescheiden. Alles Weitere muss man selber berappen, also auch die IVF. Dabei wird die Frau hormonell stimuliert, damit mehrere Eizellen entnommen, mit Samen befruchtet und später in die Gebärmutterhöhle eingesetzt werden können. Überzählige Eizellen kann man für spätere Versuche einfrieren. Das Ganze dauert rund einen Monat und kostet je nach Klinik zwischen 6000 und 10'000 Franken. Die Erfolgsquote liegt bei 25 bis 30 Prozent pro Versuch. Älteren Frauen hilft aber oft nur eine Eizellspende, die in der Schweiz jedoch verboten ist.

Ab 41 Jahren kostet die Monatsprämie 200 Franken

Alle Länder Europas zahlen zumindest einen Teil der IVF-Kosten – ausser Irland, Litauen, Zypern und die Schweiz. Bis jetzt. Mit der Sanitas bietet erstmals eine Krankenkasse eine Kinderwunsch-Zusatzversicherung an. «Die Nachfrage nach künstlicher Befruchtung hat markant zugenommen», sagt Franziska König, die bei Sanitas für die Entwicklung neuer Angebote zuständig ist. Das liege vor allem daran, dass die Familienplanung später starte als früher: 1990 waren Frauen beim ersten Kind durchschnittlich 27,5 Jahre alt, heute 32. Jede Dritte wird erst mit 35 oder später erstmals Mutter.

In diesem Alter liegt die Chance, beim ersten Zyklus schwanger zu werden, aber nur noch bei 10 Prozent, mit 40 sind es maximal 5 Prozent. Auch die Spermienqualität nimmt ab. Die Ursachen der Sterilität liegen zu gleichen Teilen bei der Frau, beim Mann oder bei beiden. «Eine Schwangerschaft passiert nicht einfach so. Immer mehr Paare müssen künstlich nachhelfen und sind erstaunt, dass die Grundversicherung nicht alle Kosten deckt», sagt König. Diese Lücke will Sanitas verringern. Unter anderem beteiligt sie sich an zwei zusätzlichen Inseminationen und zahlt bis zu 12'000 Franken an die IVF in ausgewählten Kinderwunschkliniken.

Dass die Grundversicherung nicht für die IVF aufkommt, liegt an einem über 30 Jahre alten Entscheid des Innendepartements, das die Leistungspflicht mit der Begründung verneinte, die Behandlung sei «experimenteller Natur».

Klingt verlockend. Allerdings steigen die Prämien mit dem Alter: 18-Jährige zahlen 14.40 Franken monatlich, ab 36 kostet die Prämie 76.60 Franken und ab 41 Jahren 200 Franken. Bis man von den Leistungen profitieren kann, muss man 24 Monate Prämien zahlen, die Wartefrist kostet viel Geld und wertvolle Zeit, denn die Fruchtbarkeit sinkt rapide. Für die 37-jährige Aargauerin Linda Seiler* kommt die neue Versicherung zu spät. Zwar kann man Leistungen bis 44 beziehen, aber nur, wenn man die Versicherung bis 35 abgeschlossen hat.

Schon als Mädchen spürte sie diesen starken Wunsch, eines Tages ein Mami zu sein – bis die Diagnose «Endometriose» ihre Hoffnung, auf natürlichem Weg schwanger zu werden, zunichtemachte. Die chronische Krankheit, die zu Wucherungen der Gebärmutterschleimhaut führt, ist eine der häufigsten Ursachen für Unfruchtbarkeit. Und damit ein Ausschlussgrund für die Kinderwunschversicherung. Wer bereits weiss, dass es auf natürlichem Weg nicht klappt – und das dürften die meisten sein, die sich mit dem Thema beschäftigen –, wird nicht aufgenommen. Zudem werden künstliche Befruchtungen, die nur mit einer Samenspende zustande kommen, nicht vergütet. Das schliesst Frauen mit zeugungs­unfähigen Partnern, Singles und lesbische Paare aus.

«Das Sanitas-Produkt ist ein guter Start, reicht aber bei weitem nicht», sagt Michael von Wolff, Chefarzt für Gynäkologische Endokrino­logie und Reproduktionsmedizin am Berner Inselspital und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin (SGRM). Zwar erlaube der Gesamtbetrag eine sinnvolle individuelle Behandlung. Aber weder die Altersgrenzen noch die Erstattungssummen seien angemessen. Ein Kinderwunsch dürfe nicht zu einem finanziellen Ruin führen.

«Eine Unfruchtbarkeit ist per Definition der Weltgesundheitsorganisation eine Krankheit und sollte somit von der Kranken­kasse – natürlich unter Beachtung der WZW-Kriterien Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit – abgedeckt werden.» Die SGRM werde künftig sicher eine Kostenerstattung in die Wege leiten. Dass die Grundversicherung nicht für die IVF aufkommt, liegt an einem über 30 Jahre alten Entscheid des Innendepartements, das die Leistungspflicht mit der Begründung verneinte, die Behandlung sei «experimenteller Natur». «Alle interessierten Kreise können einen Antrag einreichen auf Kostenübernahme oder Anpassungen bestehender Einschränkungen einfordern», versichert ein Sprecher des Bundesamtes für Gesundheit. Bisher sei das jedoch nicht passiert.

Tod des Partners ist weniger schlimm als Kinderlosigkeit

Ist ungewollte Kinderlosigkeit ein Defizit, für das die Allgemeinheit solidarisch aufkommen muss? ­Haben alle ein Recht auf Kinder? Zu welchem Preis? Bislang ist die künstliche Befruchtung jenen vorbehalten, die es sich leisten oder auf viel verzichten können. Daran wird auch die neue Zusatzversicherung wenig ändern, aber sie lanciert eine bislang tabui­sierte Diskussion.

«Ich finde es seltsam, dass sich ­ausgerechnet ein reiches Land wie die Schweiz nicht am Kinderwunsch beteiligt», sagt Linda Seiler. Ihr Kinderwunsch war so stark, dass sie auch auf eigene Kosten ­alles versuchen wollte. Sie wagte eine erste IVF in einer Zürcher ­Klinik, die aber scheiterte. «Die wollten meine Hormone auf einen bestimmten Termin in ihrer ­Agenda stimulieren, statt auf meinen Rhythmus zu achten. Die 10'000 Franken habe ich quasi zum Fenster rausgeschmissen.»

Danach entschied sie sich für ein Kinderwunschzentrum in Österreich, das zwar nicht billiger ist, aber ein viel grösseres Ärzteteam mit einer 24-Stunden-Beratung bietet. Dort fühlte sie sich professioneller und persönlicher betreut als daheim. Ein weiterer Versuch, wieder 10'000 Franken. Wieder die grenzenlose Enttäuschung. Danach noch ein Versuch, ihr Erspartes schrumpfte. «Es ist eine zusätzliche Belastung, wenn man möglichst schnell schwanger werden möchte, um nicht noch mehr Geld auszugeben.»

Claudia Marty kennt das gut. «Irgendwann bist du drin im streng ­getakteten Prozedere und zahlst einfach immer weiter.» Hier ein paar Hundert Franken für Hormonspritzen, dort eine Blutuntersuchung, dazu all die Termine in der Klinik und jedes Mal 2500 Franken fürs Auftauen und Einsetzen der befruchteten Eizellen.

 «Klappt es, ist das Geld nebensächlich», sagt Claudia Marty, die dank IVF zwei Kinder hat. «Schlimm ist es, so viel Geld auszugeben, und am Ende klappt es doch nicht.»Linda Seiler

«Es hiess immer, man solle es locker nehmen. Wie soll das gehen, wenn man sich täglich Hormone spritzen und alle paar Tage zu einem bestimmten Zeitpunkt beim Arzt sein muss und ständig Rechnungen anfallen?» Am Ende waren es rund 20'000 Franken. Der psychische Druck sei enorm gewesen. Claudia Marty und ihr Mann suchten Hilfe bei einer Psychologin, die Therapie zahlten sie ebenfalls selber.

Manche kämpfen jahrelang mit den psychischen Folgen eines unerfüllten Kinderwunsches. Nicht selten sind die damit verbundenen Kosten höher als jene für die künst­liche Befruchtung. Viele finden den Tod des eigenen Partners sogar weniger schlimm, als kinderlos zu bleiben.

Linda Seiler wurde beim vierten Versuch schwanger und zahlte fast 40'000 Franken. «Meine Familie ist mein grösstes Glück und mein Sohn so viel mehr wert als das Geld.» Anderthalb Jahre nach seiner Geburt versucht sie es erneut. «Meine Limite ist bei 40'000 Franken. Aber ich weiss nicht, ob ich danach wirklich aufhören könnte.» Sie weiss, dass sich viele Paare sogar verschulden. «Klappt es, ist das Geld nebensächlich», sagt Claudia Marty, die dank IVF zwei Kinder hat. «Schlimm ist es, so viel Geld auszugeben, und am Ende klappt es doch nicht.»

*Namen geändert



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Erstellt: 12.02.2020, 14:18 Uhr

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Anna Schatz: «Wenn ich noch eine glückliche Mutter sehe, muss ich kotzen», Rowohlt Verlag, 2019.

Annette Wirthlin: «Bye bye, Baby? Frauen im Wettlauf gegen ihre biologische Uhr», Werdverlag, 2015.

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