Kinder vergehen sich an Kindern

Noch nie wurden so viele Jugendliche wegen Sexualdelikten angezeigt. Sie begehen zunehmend auch schwere Verbrechen wie Vergewaltigungen.

«Es besteht ein gewisser Druck, mitzumachen»: Pornografie senkt laut Experten die Hemmschwelle von Jugendlichen für sexuelle Gewalt. Foto: Keystone

«Es besteht ein gewisser Druck, mitzumachen»: Pornografie senkt laut Experten die Hemmschwelle von Jugendlichen für sexuelle Gewalt. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Fünf Mädchen hatten sich gemeldet. Ein Junge habe sie bedrängt, gaben sie an. Nun konnte die Luzerner Polizei den Beschuldigten festnehmen, «wegen sexueller Belästigung und sexueller Handlungen», wie sie am Freitag mitteilte. Der Teenager soll die Betroffenen «teilweise massiv tätlich angegangen und über der Kleidung im Genitalbereich angefasst haben». Erst 14-jährig ist der Verhaftete, das jüngste Opfer elf.

Nur selten werden solche Fälle publik. Zum Schutz der Beteiligten laufen Jugendstrafverfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die neue Kriminalstatistik zeigt aber: Immer mehr Minderjährige werden wegen Sexualdelikten beschuldigt. Bei der ersten Erhebung 2009 gab es 455 entsprechende Anzeigen gegen Jugendliche, nun sind es 727. Fast die Hälfte richtete sich zuletzt gegen Kinder unter 15 Jahren.

Meist geht es um Besitz und Verbreitung illegaler Pornografie. «Das liegt an den technischen Möglichkeiten, jedes Kind hat heute Zugriff aufs Internet», sagt Ronald Lips von der Berner Jugendanwaltschaft. Teenager könnten sich den Inhalten kaum entziehen. «Diese werden völlig unkontrolliert untereinander geteilt. Es besteht ein gewisser Druck, mitzumachen.»

53 Anzeigen gegen Minderjährige wegen Vergewaltigung

Auch der renommierte Gerichtspsychiater Josef Sachs sagt, dass zunehmend sehr junge Kinder begutachtet werden. «Sie werden durch pornografische Inhalte immer früher mit Sexualität konfrontiert.» Es könne mit harmlosen Filmen beginnen. «Aber in der Regel steigt mit der Zeit das Bedürfnis nach härterem Inhalten.» Diese würden die Hemmschwelle senken, sagt Sachs: «Bei gewissen Jugendlichen so weit, dass sie selbst sexuelle Gewalt ausüben.»

Die Folgen zeigen sich in der Statistik. Letztes Jahr gab es 53 Anzeigen gegen Minderjährige wegen Vergewaltigung, so viele wie noch nie. Hinzu kamen 167 jugendliche Beschuldigte wegen ­sexueller Handlungen mit Kindern. Das sind mehr als alle über 50-jährigen Verzeigten.

«Wir stellen eine Tendenz zur Verjüngung fest», sagt Enrico Violi, Gewaltbeauftragter der Zürcher Bildungsdirektion. «Vor 15 Jahren waren es meist Erwachsene, die sich an Kindern vergingen. Heute gehen solche Delikte vermehrt auch von Gleichaltrigen aus dem persönlichen Umfeld aus.» Auch für Violi sind Pornos eine Ursache dafür. «Sie vermitteln ein verzerrtes Bild von Sexualität: Der Mann ist aktiv, die Frau hält hin.» Solche Szenen führten zu einem falschen Rollenverständnis, «auf beiden Seiten».

Bei minderjährigen Straftätern wären bis zu vier Jahre Freiheitsentzug möglich. Allerdings sind Sexualdelikte oft nur schwer zu beweisen. Bei Kindern stellt sich die Frage, ob es um einseitige Gewalt ging oder um gegenseitige Experimente. Zudem können Personen unter zehn Jahren nicht strafrechtlich belangt werden.

Das Jugendgericht Waadt befasste sich letztes Jahr mit einem solchen Fall. Beim Spiel «Wahrheit oder Pflicht» hatte ein Bub einem Mädchen aufgetragen, auf die Knie zu gehen und einen Buckel zu machen, wie eine Schildkröte, gab sie bei der Einvernahme an. In dieser Position habe er dann Sex mit ihr gehabt. Die Mutter erstattete Anzeige, doch das Gericht trat darauf nicht ein. Der Junge habe keinerlei Gewalt, Drohung oder Druck ausgeübt. Und er sei noch nicht zehn Jahre alt gewesen.

«Völlig unangemessene Pornos» mit Kindern geschaut?

«Oberstes Ziel des Jugendstrafrechts sind der Schutz und die Erziehung straffällig gewordener Jugendlicher», sagt Alexandra Ott Müller, Leitende Jugendanwältin der Jugendanwaltschaft Winterthur. Jeder Jugendliche werde gründlich abgeklärt, und es werde geprüft, welcher Sanktion es bedarf, um ihn von erneuter Delinquenz abzuhalten. Wie andere Jugendanwälte betont auch Ott Müller die wichtige Rolle der Eltern. «Eine gute, altersadäquate und laufende Aufklärung sowie ein bewusster Umgang mit Social Media sind wichtige Mittel. Sexualität sollte heutzutage wirklich kein Tabu mehr sein.»

In der Schule kommt seit 2018 «Herzsprung» zum Einsatz. Erprobt im Kanton Zürich, steht das Programm nun allen Kantonen zur Verfügung. «Es richtet sich an ­Jugendliche ab 14 und wird von Zweierteams moderiert, immer von einer Frau und einem Mann», sagt der Zürcher Gewaltbeauftragte Violi. «Sie sprechen mit den Jugendlichen über Geschlechterbilder, Sexualität und darüber, was Grenzüberschreitungen sind.»

Es sei nicht sinnvoll, Verbote gegen Pornografie auszusprechen. «Jugendliche finden immer einen Weg, diese zu umgehen», sagt Violi. Entscheidend sei, dass sie die Inhalte einschätzen können. «Damit sie wissen, was illegal ist. Und dass Sex nichts mit Gewalt und Dominanz zu tun hat.»

Gerichtspsychiater Sachs betont, dass die Aufklärung dem Alter angepasst sein sollte. «Ich habe schon erlebt, dass Eltern besonders offen sein wollten. Die haben mit ihrem Kind dann völlig unangemessene Pornos angeschaut, was natürlich zu einer Verschlechterung der Situation führte.»

Erstellt: 30.03.2019, 23:46 Uhr

«Mädchen denken, dass sie alles mitmachen müssen»

Monika Egli-Alge leitet das Forensische Institut Ostschweiz. Foto: PD

53 Jugendliche wurden letztes Jahr wegen Vergewaltigung angezeigt. Überrascht Sie das?
Es deckt sich mit meinen Erfahrungen. Wir haben nun vermehrt Jugendliche in Abklärung, die schwere Sexualdelikte begangen haben. Also auch mit handgreiflicher Gewalt. Das fängt schon bei zehnjährigen Kindern an.

In der allgemeinen Wahrnehmung sind Sexualtäter eher Männer um die 50.
Dieses Bild ist überholt. Und es ist wichtig, die aktuelle Entwicklung nicht zu verschlafen. Sie zeigt klar, dass die Rückfallprävention früher anfangen muss. Es ist zu spät, wenn man erst mit 50 mit einer Therapie beginnt. Erkennt und behandelt man die Verursacher schon in ihrer Kindheit, würden sich vermutlich viele Taten in der Zukunft verhindern lassen.

Grund für die Entwicklung sollen Pornos sein. Aber Sexheftli gab es doch auch schon früher?
Das Problem ist die allgegenwärtige Verfügbarkeit, auch von hartem Material. Kinder schicken sich dies in Chats zu. So entsteht eine Gruppendynamik, und keiner kann sich dem Material entziehen. Im Unterschied zu früher konsumieren Kinder früher Pornografie, möglicherweise lange bevor sie angemessen aufgeklärt sind. Sie gehen logischerweise davon aus, dass die Realität abgebildet wird. Knaben bekommen das Gefühl, dass eine Frau schreien muss beim Sex und es nur richtig ist, Zwang anzuwenden. Mädchen wiederum denken, dass sie alles mitmachen müssen, oral, vaginal, anal. Eben so wie in den Filmen. Auch wenn ihnen das überhaupt nicht gefällt.

Was würde helfen?
Dass die Jugendlichen eine gefestigte, eigene Meinung bilden. Damit sie, auch unter Gruppendruck, klar wahrnehmen und sagen können, wo ihre Grenzen liegen. Aber bis sie so weit sind, braucht es Aufklärung. Und da stellen wir leider fest, dass sich die Beteiligten oft den Ball zuschieben. Schulen sagen, das sei Sache der Eltern. Und die sehen wieder die Schule in der Verantwortung.

Aber auch die Teenager selber tragen doch eine gewisse Verantwortung? Oder kommt es wirklich nur wegen Unwissen zu sexuellen Übergriffen?
Es gibt verschiedene Gründe, die zu solcher Gewalt führen. Am einen Ende der Skala sind Jugendliche, die ganz einfach Experimentierfehler begehen. Sie wollen sexuelle Erfahrungen machen, aber tun dies ungeschickt, forsch, überhastet. Für andere ist die Gewalt zentraler Teil der sexuellen Erfahrung. Sie verspüren Lust, wenn sie körperlich überlegen sind oder das Gegenüber erniedrigen können. Diese Personen hören auch nicht auf, wenn das Gegenüber «stopp» sagt. Gerade dort ist eine frühzeitige Intervention wichtig.

Wie therapieren Sie solche Teenager?
Bei manchen reichen wenige Sitzungen, andere sind für Jahre in Behandlung. Wir vermitteln den Tätern ein klares Bild: Du bist in Ordnung, wie du bist. Aber das, was du getan hast, ist auf keinen Fall akzeptabel. Überraschenderweise funktionieren gerade Gruppentherapien gut. Im Einzelgespräch bagatellisieren die Jugendlichen ihre Taten oder schieben sie auf die Opfer: «Die wollte es ja auch.» Mit anderen zusammen fühlen sie sich nicht alleine. Sie öffnen sich eher und übernehmen besser Verantwortung für das, was sie getan haben.

Interview: Roland Gamp

Artikel zum Thema

«Dieser Kontakt kann für Minderjährige verstörend sein»

Interview Kinder und Jugendliche sind im Netz sexueller Belästigung ausgesetzt. Speziell gefährlich: Cybergrooming. Was das ist, erklärt Medienpsychologin Lilian Suter. Mehr...

Sexuelle Übergriffe hinter verschlossener Tür

SonntagsZeitung Psychiatrien bringen Männer, Frauen und zum Teil auch Kinder gemeinsam unter – Experten warnen vor sexueller Gewalt. Mehr...

Sexuelle Belästigung: Frankreich führt Sofortstrafe ein

Ein Video, in dem eine Frau geohrfeigt wird, schockierte Frankreich. Jetzt wurde das Gesetz für Belästigung - und Kindsmissbrauch - verschärft. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Spielvergnügen: Kinder spielen in einem 20'000 Quadratmeter grossen und zwei Kilometer langen Maislabyrinth bei «Urba Kids» in Orbe, Waadt. (22. August 2019)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...