Kirchenaustritte befinden sich nach Skandalen auf Rekordhoch

Die Missbrauchsfälle zeigen Folgen bei der katholischen Basis. Der Vertrauensverlust in die Kirche sei dramatisch.

Immer weniger Menschen wollen noch mit der katholischen Kirche zu tun haben: ­Besucher vor dem Kloster Einsiedeln SZ. Foto: Keystone

Immer weniger Menschen wollen noch mit der katholischen Kirche zu tun haben: ­Besucher vor dem Kloster Einsiedeln SZ. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die katholische Kirche wird in ihren Grundfesten erschüttert. Die Missbrauchsaffären haben die Institution in eine ihrer grössten Krisen gestürzt, auch in der Schweiz. Viele Gläubige kehren der Gemeinschaft den Rücken.

Im Kanton St. Gallen beispielsweise wendeten sich vergangenes Jahr 2384 Katholiken von der Kirche ab. In der Region Bern waren es 967, die höchste dort bisher erfasste Zahl. «Auch wenn die Gläubigen den Austritt selten begründen, besteht ein Zusammenhang zu den Missbrauchsskandalen», sagt Karl Johannes Rechsteiner von der Kirche Region Bern. Dies zeige sich auch daran, dass gegen Ende Jahr, als sich die Berichte zu den Übergriffen häuften, mehr austraten. «Einige Gläubige sagten sich wohl: Jetzt reicht es. Mit denen will ich nichts mehr zu tun haben.»

5800 Gläubige entschieden sich 2018 im Kanton Zürich zu diesem Schritt – meist jüngere Erwachsene zwischen 20 und 39 Jahren sowie Familien aus Städten. «Der Vertrauensverlust in die Kirche ist dramatisch», sagt Simon Spengler von der katholischen Kirche im Kanton Zürich. «In der Gesellschaft allgemein, aber vor allem auch bei Katholikinnen und Katholiken – nicht zuletzt bei Laien-Seelsorgenden an der Basis.»

Enttäuschung über Gipfeltreffen

Im Vatikan hat Ende Februar erstmals ein viertägiges Gipfeltreffen zum Thema Missbrauch stattgefunden. Doch über mehr als ein mea culpa, ein Eingeständnis der eigenen Schuld, kam die Versammlung der Kirchenmänner nicht hinaus. Die Enttäuschungen waren entsprechend gross.

Immerhin: Die Schweizer Bischofskonferenz hat im Nachgang an den Gipfel neue Richtlinien erlassen. Seit dem 1. März gilt: Wer sich für eine Stelle bewirbt, muss den Strafregister- sowie einen Sonderprivatauszug vorweisen. Letzterer zeigt, ob ein Berufs- oder ein Kontakt- und Rayonverbot zum Schutz von Minderjährigen oder anderen Personen besteht. Auch müssen Kirchenverantwortliche in jedem Fall Anzeige erstatten, sobald sie von einem Offizialdelikt erfahren. Erwachsene Opfer hatten bisher ein Vetorrecht.

Ausserdem gibt es ein Fachgremium «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld». Bis Ende 2017 haben sich insgesamt 283 Opfer dorthin gewendet. Die allermeisten Vorfälle liegen weit zurück und sind verjährt. 30 Übergriffe fanden jedoch zwischen 2011 und 2017 statt. Zwei Drittel der Opfer waren zum Zeitpunkt der Tat Buben im Alter bis 16 Jahre. Insgesamt mehr als eine Million Franken wurde Betroffenen über einen Genugtuungsfonds ausbezahlt. Im vergangenen Jahr beliefen sich die Entschädigungen für 47 Opfer auf 675'500 Franken.

Priester sollen auch Tausende Nonnen missbraucht haben

Welche Ausmasse die ungesunden Machtstrukturen in der Kirche angenommen haben, wird mit jedem Skandal deutlicher. Jüngstes Beispiel: Weltweit sollen Priester nicht nur Tausende Kinder und Jugendlichen vergewaltigt haben, sondern auch Nonnen.

Das zeigte der Dokfilm «Gottes missbrauchte Dienerinnen» diese Woche. Wie die anderen ­Verbrechen versuchte die Kirche auch diese zu vertuschen. Vergeblich. Papst Franziskus musste gestehen: Gewalt gegen Ordensfrauen sei ein Problem, das bis zur «sexuellen Sklaverei» durch Kleriker geführt habe.

Wie viele Nonnen betroffen sind, ist noch unbekannt. Auch in der Schweiz gibt es keine Untersuchung dazu. «Bei missbrauchten Nonnen dürfte die Angst und Scham jedoch gross sein», sagt Toni Brühlmann-Jecklin, Präsident des Fachgremiums Übergriffe. Durch die Tat seien sie nicht nur in ihrer persönlichen Integrität zutiefst verletzt, sondern würden mit einer Anzeige auch ein falsch verstandenes Gehorsamsgelübde, dem sie sich möglicherweise verpflichtet fühlen, brechen. «Ich könnte mir aber vorstellen, dass nun vermehrt Nonnen den Mut fassen und über das Geschehene sprechen.»

«Nebeneinander von Priesterinnen und Priestern»

Priorin Irene Gassmann vom Kloster Fahr im Aargau sind ebenfalls keine Übergriffe bekannt. «Was aber nicht heisst, dass es keine gegeben hat», sagt sie. «Klar ist: Grenzüberschreitung, Machtmissbrauch durch Priester und kirchliche Vorgesetzte gab es in unseren Klöstern bis ins 21. Jahrhundert hinein.» Ordensfrauen hätten seit jeher als diejenigen gegolten, die dienen, sich den Männern unterordnen, gehorchen und schweigen. «Schon im Noviziat wurde den angehenden Nonnen dieses Idealbild vermittelt.» Die Priorin wehrt sich dagegen. Durch die Taufe seien Frauen gleich- und vollwertige Mitglieder der Kirche. «Das Machtgefüge in der katholischen Kirche, das Machtgefälle zwischen Frauen und Männern, muss aufgelöst werden.»

Dies verlangte kürzlich auch Simone Buchs, die oberste Ordensschwester der Deutschschweiz. Die Benediktinerin wagte auszusprechen, was viele Glaubensschwestern nur denken: «Es sollte ein Nebeneinander von Priesterinnen und Priestern geben.»

Widerstand gegen die patriarchalen Strukturen und die Allmacht von Priestern formiert sich auf verschiedenen Ebenen. In Deutschland haben Katholikinnen dazu aufgerufen, nächste Woche in Kirchenstreik zu treten. Priorin Irene wählt einen anderen Weg. Um die Zeit der Veränderung zu begleiten, lädt sie wöchentlich zum «Gebet am Donnerstag».

Im Bistum Basel sieht man das Ganze als «Bewährungsprobe»

Doch: Kommt die Kirche je wieder aus der Krise heraus? «Nicht nur die Kirchenaustritte nehmen zu. Die Gläubigen haben sich auch emanzipiert. Sie sind heute distanzierter, kritischer gegenüber der Kirche», sagt Eva Baumann-­Neuhaus vom Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut (SPI). So ist die Zahl der kirchlichen Heiraten innerhalb von 20 Jahren um 50 Prozent eingebrochen, und auch die Taufen sind um ein Drittel zurückgegangen.

Im Bistum Basel ist man trotzdem zuversichtlich. «Es ist eine Bewährungsprobe, die mit den notwendigen Veränderungen zu schaffen ist», sagt Generalvikar Markus Thürig. Kathrin Winzeler von der Allianz «Es reicht!» sagt hingegen: «Ohne echte Gleichberechtigung auf allen Ebenen und in allen Ämtern geht es nicht.» Auch müsse die Kirche endlich die Ursachen für die Verbrechen anerkennen und anpacken. «Neben der kirchlichen Sexualmoral und dem Zölibat sollte die Allmachtstellung von Priestern fallen.»

Noch zählt die katholische Kirche in der Schweiz drei Millionen Mitglieder. Anders als die reformierte konnte sie stark von der Zuwanderung pro­fitieren. Trotz der hohen Zahl der Gläubigen bezweifelt Baumann-­Neuhaus vom SPI, dass die Institution Kirche, wie es sie heute gibt, überleben wird. «Es rumpelt kräftig», sagt die Religionswissenschaftlerin.

Erstellt: 09.03.2019, 23:40 Uhr

Artikel zum Thema

Vielleicht ist es schon zu spät

Leitartikel Mit dem Missbrauchsgipfel will Franziskus die Glaubwürdigkeit der Kirche wiederherstellen. Kann das gelingen? Mehr...

«Priester, der Kinder missbraucht, wird zum Werkzeug Satans»

In seiner Abschlussrede der Missbrauchskonferenz macht Papst Franziskus Versprechungen ohne konkreten Inhalt. Bei Opfern und Experten löst die Rede Empörung aus. Mehr...

«Ihr seid zu den Mördern des Glaubens geworden»

Dutzende Missbrauchsopfer sind zur historischen Konferenz im Vatikan gereist. Der Papst fordert «konkrete Massnahmen». Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...