Kirchenbrände kosten jedes Jahr eine Million Franken

Die Feuerwehr rückte 2018 so oft aus wie noch nie. Oft brennt es in Kirchen – wegen Kerzen, aber auch wegen Brandstiftern.

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Fast wäre der Brand noch verheerender ausgefallen. «15 Minuten länger, und das Gebäude wäre verloren gewesen», teilte der französische Staatssekretär im Innenministerium nach der Katastrophe in der Kathedrale Notre-Dame de Paris mit. Zwei Sicherheitsbeamte hatten den Brand rechtzeitig gemeldet, kaum hatte der Feueralarm eingesetzt.

Solche Systeme können Leben retten und Sachschäden verhindern. Doch in der Schweiz besteht keine Pflicht, sie zu installieren – weder für Kirchen noch für Wohnhäuser. Die Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen (VKF) setzt stattdessen auf Eigenverantwortung. «Ein Obligatorium von Brandmeldern würde eine grosse Bürokratie und beträchtliche Mehrkosten für Gebäudeeigentümer und Mieter mit sich bringen, ohne den Schutz von Mensch und Tier signifikant zu erhöhen», sagt Mediensprecher Rolf Meier.

Die Strategie scheint aufzugehen. Laut dem Verband der Errichter von Sicherheitsanlagen wurden noch nie so viele Brandmelder ausgeliefert wie 2018. Entsprechend oft schlagen sie Alarm. Feuerwehrleute haben mehr denn je zu tun, wie die neue nationale Statistik belegt. Zwar sinkt die Zahl der Miliz-Feuerwehrleute seit langem, zuletzt auf knapp 84'000. Gleichzeitig musste man im letzten Jahr über 77'000-mal ausrücken, was Rekord bedeutet.

Wie oft Kirchen betroffen waren, ist nicht erfasst. Eine Auswertung der VKF über zehn Jahre zeigt aber, dass Gotteshäuser relativ häufig Flammen zum Opfer fallen. Die Sakralbauten machten von 2008 bis 2017 zwar nur ein halbes Prozent aller erfassten Gebäudeschäden aus. Aber zusammen ergab dies über zehn Millionen Franken.

Es gibt Gründe, warum Kirchen so oft betroffen sind.

Enthalten sind in der Statistik zudem nur Daten der 18 Mitglieder-Kantone. Genf zum Beispiel ist nicht vertreten. Dort wütete letzten Sommer aus bisher unbekannten Gründen ein Brand in der katholischen Kirche Sacré-Cœur. Drei Stockwerke stürzten ein. Die Pfarrei rechnet aktuell mit bis zu 10 Millionen Franken für die gesamte Restaurierung.

In mindestens vier weiteren Schweizer Kirchen kam es 2018 zu einem Brand. Es gibt Gründe, warum Kirchen so oft betroffen sind. Ihre Türen stehen immer offen – auch Brandstiftern, die mit wenig Aufwand extremen Schaden anrichten können.

Ein Mann, der sich vom Staat missverstanden fühlte, steckte vor einigen Jahren die Kathedrale von Solothurn in Brand, um auf seine Probleme aufmerksam zu machen. Der Schaden lag zwischen drei und fünf Millionen Franken. «Ursprünglich hatte ich ein heftigeres Feuer geplant», gab er später an.

Brandschutznorm sieht Ausnahme für Kerzen vor

Ein Schrei nach Aufmerksamkeit war wohl auch das Feuer, das 2016 in der evangelischen Kirche Flawil SG loderte. Zwei Mädchen hatten es entfacht, indem sie ein Polster anzündeten. Die beiden 14-Jährigen gestanden danach, schon in einer anderen Kirche gezeuselt zu haben. Unklar bleiben die Motive eines Somaliers. Er sei verwirrt gewesen, gab die Polizei an, nachdem er letztes Jahr in Pfäfers SG Kirchentücher anzündete und den Altar verwüstete.

Doch nicht immer kommt die Gefahr von aussen. Ein Problem können auch Kerzen sein, die in etlichen Formen in den Sakralbauten brennen, ob am Christbaum oder zur Taufe, auf dem Altar oder in einer stillen Ecke als Trauerlichter. Unbeaufsichtigt sind sie eine Gefahr. Im St. Galler Dom brannte 2016 der Beichtstuhl, weil ein Vorhang durch eine Kerze Feuer gefangen hatte. Zwei Touristen konnten das Feuer mit dem Weihwasser rasch löschen.

Teuer endete ein Unfall in der Kirche Lignon GE. Zwei Kinder spielten in der Nähe der Orgel mit den aufgestellten Kerzen. Dabei fing das Gebäude Feuer. Die jungen Verursacher konnten fliehen, doch die Flammen zerstörten die interkonfessionell genutzte Kirche. 4,6 Millionen Franken kostete der Wiederaufbau.

Dass in Kirchen überhaupt Kerzen brennen dürfen, liegt an einer Sonderregel. In der offiziellen Brandschutznorm steht: «In Räumen mit grosser Personenbelegung ist offenes Feuer nicht und auf Bühnen nur beschränkt zulässig. Als Dekoration aufgestellte Kerzen sind davon ausgenommen.»

Einige Kantone machen mittlerweile Einschränkungen. Laut der Berner Gebäudeversicherung sind in Kirchen «brennende Kerzen an Weihnachtsbäumen nicht gestattet». Und in Zürich dürfen «nur frisch geschlagene Bäume» mit Kerzen versehen werden, weil diese nicht so leicht Feuer fangen.

Einzelne Kirchgemeinden stellen zudem von sich aus auf elektrische Kerzen ohne echte Flamme um. Was die Feuerversicherungen begrüssen. «Wir möchten Kerzen nicht verbannen», sagt VKF-Mediensprecher Rolf Meier. «Wünschenswert ist aber, dass sie zumindest beaufsichtigt sind. Wenn niemand in der Nähe ist und sie unkontrolliert brennen, dann besteht immer ein gewisses Risiko.»



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Erstellt: 20.04.2019, 23:22 Uhr

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