Gemeinden kämpfen mit Rentnern und Geldspritzen gegen das Aus

Wie Kleinstgemeinden in der Schweiz das langsame Ausbluten verhindern wollen.

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Zürich Den Rekord hielt bisher Corippo. Eine Mini-Gemeinde mit 13 Einwohnern, deren Steinhäuser an einem steilen Hang des Tessiner Valle Verzasca kleben. Vor zwei Wochen entschied das Dorf geschlossen, mit anderen Gemeinden zu fusionieren. Jetzt ist Kammersrohr im Kanton Solothurn neu die kleinste Gemeinde der Schweiz: 28 Erwachsene, ein Baby, null Schulkinder.

Wo 4535 Kammersrohr anfängt und wieder aufhört, ist nicht leicht zu erkennen. Der Ort am Jurasüdhang besteht aus verstreuten Anwesen. Im Dorf gibt es kein Schulhaus, keine Kirche, nicht mal Strassenlaternen. Auch kein Gemeindehaus. Die Gemeindeversammlungen werden in der Wohnstube eines Einfamilienhauses abgehalten. Infrastrukturkosten fallen hier praktisch keine an. Der Steuerfuss ist der tiefste im Kanton.

Doch das ländliche Idyll hat ein Problem: Junge sind weggezogen, neue Bürger anzulocken, ist praktisch unmöglich. Kammersrohr ist umzingelt von Landwirtschaftszone, auf der nicht gebaut werden darf. «Früher gab es bei uns viele Kinder», sagt Gemeindeschreiberin Alissa Vessaz. «Als sie erwachsen waren, sind sie weggezogen, weil wir keine freien Häuser oder Wohnungen haben.»

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So geht es vielen Gemeinden. Junge Familien sind zur Mangelware geworden, die Dörfer überaltern. Oft suchen sie ihr Heil in Fusionen, um zu überleben und die Schrumpfkur abzuwehren.

Allein im letzten Jahr sind laut Bundesamt für Statistik (BFS) 33 Gemeinden verschwunden. In den letzten zehn Jahren sank die Zahl um rund 500 – das sind rund 50 pro Jahr.

Jetzt zeigen neue BFS-Daten: Die Fusionswelle reisst nicht ab. Gemäss dem «Amtlichen Gemeindeverzeichnis der Schweiz» haben aktuell weitere 145 Gemeinden Fusionsabsichten angekündigt. Bei 18 Gemeinden sind die Zusammenschlüsse bereits beschlossen respektive genehmigt.

An vielen Orten werden die Schulen geschlossen

Quer durch die Schweiz kämpfen kleine Gemeinden ums Überleben. Vor allem in den Bergregionen habe «das Tempo der Abwanderung wieder zugenommen», sagt Reto Lindegger, Direktor des Schweizerischen Gemeindeverbands. «Die Sorge wird grösser, dass es sich um eine unumkehrbare Entwicklung handeln könnte.»

Aber nicht nur in den Bergen erodieren die Gemeinden. Das Dorf Schelten BE muss diesen Monat seine 200-jährige Gesamtschule schliessen – wegen Schülermangel. In der 35-Seelen-Gemeinde leben nur noch vier Kinder.

Einige Dörfer haben in wenigen Jahren einen grossen Teil ihrer Bevölkerung verloren. Wie die Gemeinde Lohn im Kanton Graubünden. Dort lebten einst über 100 Menschen. Jetzt sind es noch 41. Das Dorf liegt an einer Bergkante hoch über dem Talboden, nur erreichbar über eine schmale, kurvige Strasse. Steil ragt der Kirchturm in den Himmel, hinter dem kleinen Gotteshaus gibt es 23 sauber geputzte Gräber. Denkmalgeschützte Bauernhäuser und Scheunen stehen im Ortszentrum, auf der Strasse liegt Kuhmist.

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Die Dorfschule musste Lohn schon lange schliessen. Im ehemaligen Klassenzimmer tagt jetzt der Gemeindevorstand. Zwei Primarschulkinder gibt es hier noch. Für den Unterricht fahren sie mit dem Postauto in die Nachbargemeinde Donat. Die Kosten muss die Gemeinde tragen. «Wir zahlen pro Schulkind und Jahr rund 30 000 Franken», sagt Gemeindepräsident Peter Baumann, 66, ein zugezogener ETH-Agronom.

Gegen die Landflucht setzt das Bündner Dorf auf eine überraschende Strategie: Man will Rentner ansiedeln. «Pensionierte kosten nichts, sie bringen über die Steuern sogar Geld», sagt Baumann. «Und sie machen etwas für das Dorfleben. Pensionierte haben Zeit.»

Bereits haben Neuzuzüger erste Parzellen Bauland erworben. Ein Lehrer aus Zug ist in das Nachbarhaus des Gemeindepräsidenten gezogen. «Er ist Aktuar und kümmert sich um den Friedhof», sagt Baumann. Auch ein pensionierter Ingenieur und ein holländisches Paar, das kurz vor der Rente steht, haben Land gekauft.

So wie Lohn wehren sich auch andere Gemeinden gegen das langsame Ausbluten. Einige werden erfinderisch, um die Abwanderung zu stoppen. Albinen im Wallis lockt mit Geldspritzen neue Bürger an. Ein Paar mit zwei Kindern bekommt 70'000 Franken, um hier ein Eigenheim zu bauen. Eine Aargauer Familie hat bereits zugeschlagen, jetzt sei «ein zweites Gesuch bewilligt» worden, sagt Gemeindepräsidetn Beat Jost. «Es handelt sich um eine Einzelperson aus dem Dorf.» Geld gibt es also sogar fürs Bleiben. Die Walliser Gemeinde Varen zieht nach. Wer im Dorf baut oder renoviert, dem winken bis zu 30'000 Franken. So will man den Dorfkern vor dem Verfall bewahren. Andere Gemeinden wie Safiental GR oder Inden VS buhlen mit Gratis-GAs, Beiträgen an die Krankenkassenprämien, kostenlosen Parkplätzen und Rabatten im Dorfladen um neue Bürger.

An eine grosse Trendwende glaubt kaum noch jemand

Edwin Zeiter, 69, glaubt nicht an die nachhaltige Wirkung solcher Lockangebote . Er ist Präsident von Bister VS, der zweitkleinsten Gemeinde der Schweiz, und mit 42 Dienstjahren der amtsälteste Gemeindepräsident der Schweiz. Seine Überlebensstrategie: «Lean Management». Zeiter erledigt im Dorf alles selber, wechselt defekte Glühbirnen in den Strassenlaternen aus und leert die Hundekotkästen – um Kosten zu sparen.

Nach Bister führt eine einspurige Strasse, die sich den steilen Hang hinaufwindet, vorbei an Alpweiden, Ziegen und Häusern aus dunklem Holz. Handgestickte Vorhänge mit Eichhörnchen verzieren winzige, viereckige Fenster. Die Strasse wurde erst 1972 gebaut. «Damals glaubte ich, dass das Dorf jetzt einen Aufschwung erlebt», sagt Zeiter. «Aber er ist ausgeblieben. Die Jungen sind abgewandert.»

Inzwischen glaubt er nicht mehr an die grosse Trendwende – aber eigenständig soll sein Dorf auch weiterhin sein, «sonst geraten wir in die Mühlen dieses unglaublich komplizierten Staatsapparats», sagt Zeiter. Doch das wird schwierig. «Sobald ich das Amt abgebe, kommt die Fusion mit anderen Gemeinden», sagt er. «Wir hätten zwar genügend Leute im Dorf, die das Amt übernehmen könnten. Aber keiner will sich das antun.»

Gemeindewappen auf die Schulter tätowiert

Auch im bündnerische Lohn sind die Tage der Selbstständigkeit wegen Personalengpässen gezählt. Fünf Leute braucht es für den Gemeindevorstand, zwei für die Geschäftsprüfungskommission. Dabei darf es per Gesetz keine Verwandtschaften geben. «Wir haben das jetzt gerade nochmals geschafft», sagt Gemeindepräsident Peter Baumann. «Aber ewig wird das nicht möglich sein.»

Vor drei Jahren warb das solothurnische Kammersrohr ebenfalls um Fusionspartner, darunter die Gemeinde Feldbrunnen – die grenzt zwar nicht mal an Kammersrohr, ist aber die zweite Steueroase des Kantons. Also eigentlich ideal, finanziell betrachtet. Doch das Projekt scheiterte. Jetzt will man es allein schaffen. «Wir werden weiter als eine der kleinsten Gemeinden unsere Selbstständigkeit wahren», sagt die Gemeindeschreiberin.

Die Lokalpatrioten von Kammersrohr seien stolz auf ihr Dorf und auf ihre Eigenständigkeit, sagt der Spross einer alteingesessenen Familie – er liess sich das Gemeindewappen von Kammersrohr auf die Schulter tätowieren.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 24.06.2018, 10:07 Uhr

«Identifikation mit Gemeinde nimmt ab»

Ökonom Reto Steiner über die Zukunft der Gemeinden.

Kleine Schweizer Gemeinden kämpfen ums Überleben. Sie schliessen sich mit anderen zusammen. Wird das immer so weitergehen?
In den letzten Jahren gab es in der Schweiz eine starke Fusionsbewegung. Seit 2000 sind 700 Gemeinden verschwunden. Ich gehe davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzen wird. In den nächsten Jahren werden nochmals mehrere Hundert Gemeinden verschwinden.

Ist diese Entwicklung auf die Schweiz beschränkt?
Auch in anderen Ländern Europas gab es eine deutliche Reduktion der Gemeinden. Aber diese Fusionen waren fast immer von oben herab verordnet. In der Schweiz erfolgten fast alle freiwillig.

Was bringt ein ­Zusammenschluss?
Die Leistungsqualität steigt, und die Gemeindeautonomie wird gestärkt.

Die Selbstständigkeit aufgeben für mehr Autonomie – wie soll das gehen?
Die Aufgaben der Gemeinden sind komplexer geworden. Das versucht man oft damit zu lösen, dass man die Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden ausbaut oder Aufgabenbereiche an die übergeordnete Staatsebene abgibt. Das fing beim Zivilschutz an, dann kamen die Zivilstandsämter, aktuell gilt das auch für die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden. Dadurch werden zentrale Aufgaben den Gemeinden weggenommen.

Reto Steiner, Ökonomieprofessor und Direktor an der ZHAW

Gemeinden sind nur noch auf dem Papier autonom?
Ja. Das ist eine problematische Entwicklung, weil die Gemeinden eine relevante Ebene sind, um staatliche Leistungen zu erbringen.

Wo gab es bislang am meisten Zusammenschlüsse?
Im ländlichen Raum mit kleinen Gemeinden, also in den Kantonen Graubünden, Freiburg und Wallis. Und natürlich Glarus, wo 25 Gemeinden auf 3 reduziert wurden.

Welche Rolle spielt die Gemeinde heute noch für die Identifikation?
Im Sorgenbarometer, das die ­Credit Suisse mit dem Marktforschungsunternehmen GFS erstellt, zeigt sich, dass die Identifikation mit der Gemeinde deutlich abgenommen hat. Die Leute denken und handeln heute mehr über die Gemeindegrenzen hinaus, sie arbeiten an einem anderen Ort, für das Kulturangebot gehen sie nochmals woanders hin. Mit dieser zunehmenden Mobilität ist die Verbundenheit mit der Gemeinde zurückgegangen.

Einst gab es mehr als 3000 Gemeinden. Wie viele werden es in 20 Jahren noch sein?
Ich schätze 1500. Aber europaweit gesehen gibt es immer noch sehr kleine Gemeinden, in denen man sich kennt. Diese Nähe zu den Bürgern ist ein wichtiger Wert.

Mit Reto Steiner sprach Nadja Pastega

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