«Das enorme Wachstum der Luftfracht geht vergessen»

Alte Flugzeuge und rasant wachsendes Frachtvolumen steigern ­die Umweltbelastung – CO2-Kompensationen werden zum Thema.

Sollen klimafreundlicher sein als Blumen aus Gewächshäusern: Rosen aus Kenia. Foto: Bloomberg via Getty Images

Sollen klimafreundlicher sein als Blumen aus Gewächshäusern: Rosen aus Kenia. Foto: Bloomberg via Getty Images

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Wer fliegt, schadet der Umwelt – das ist inzwischen allen klar, und ein bisschen schlechtes Gewissen gehört spätestens seit den ­Protesten der Klimajugend bei Flugreisen dazu. Doch nicht nur Reisende sind es, die für Emissionen durch Fliegerei sorgen.

«In der Klimadebatte wird der einzelne Flugpassagier als Sündenbock vorgeführt», sagt etwa Tobias Pogorevc, Chef der Schweizer Airline Helvetic Airways. Dabei gehe das enorme Wachstum des Frachtvolumens vergessen. «Amazon & Co setzen ganze Flugzeugflotten in Bewegung. Und das Cargobusiness wird noch weiter wachsen.»

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Nach Schätzungen der Flugzeugbauer Airbus und Boeing wird sich das Frachtvolumen in den nächsten 20 Jahren verdoppeln – und damit die CO2-Emissionen weiter steigern. Nicht nur die steigenden Mengen sind dafür verantwortlich. Die Flotten von Frachtairlines sind meist älter als die von Passagierfluglinien. Oft werden ehemalige Passagierflugzeuge eingesetzt, die mehrere Jahrzehnte alt sind. Und alte Flieger schlucken bedeutend mehr Treibstoff als moderne Jets.

Fair-Trade-Rosen aus Kenia kommen per Flugzeug

Provisorische Daten der Eidgenössischen Zollverwaltung für 2018 zeichnen ein imposantes Bild: Rund 85'000 Tonnen Waren und Güter mit einem Wert von 99 Milliarden Franken wurden in Flugzeugen importiert. Noch belastender für die Luft ist der Export: 837'000 Tonnen Luftfracht im Wert von 150 Milliarden Franken. Davon geht allerdings der grösste Teil auf das Konto von Flugbenzin: Wenn eine Airline ihr Flugzeug in der Schweiz betankt und ins Ausland fliegt, gilt das als Export. Zieht man die Warengruppe Treibstoff ab, wurden 116'475 Tonnen Waren ausgeflogen.

Spitzenreiter sind Maschinen, Apparate und Elektronik made in Switzerland, die hauptsächlich in die USA, nach Japan und China geflogen werden. Produkte der Chemie- und Pharmaindustrie folgen.

Fair-Trade-Rosen werden aus Entwicklungsländern wie Kenia in die Schweiz geflogen.

Bei den Luftfracht-Importen stehen land- und forstwirtschaftliche Produkte an erster Stelle. Dazu gehören auch Blumen. Fair-Trade-Rosen werden aus Entwicklungsländern wie Kenia in die Schweiz geflogen. «Das verursacht Klimagase», gibt die Organisation Max Havelaar zu. Dennoch seien diese Rosen ökologischer als Blumen aus den Niederlanden, die in Gewächshäusern wachsen.

Die Stiftung Myclimate bemüht sich, mit marktwirtschaftlichen Methoden die Treibhausgase zu reduzieren. Wer fliegt, kann einen Betrag an Myclimate zahlen, der dann in Klimaschutzprojekte investiert wird. Sprecher Kai Landwehr sagt: «Bei Medikamentenlieferungen kommt es auf die Zeit an, da kann Luftfracht sinnvoll und lebensrettend sein. Ob dies auch bei Gebrauchsgegenständen im Onlinehandel der Fall ist, kann bezweifelt werden.» Konkret denkt er etwa an Kleider, Schuhe oder Elektronikartikel.

Zahlen die Kunden für CO2-Kompensationen?

Das Thema Kompensation ist auch in der Unternehmenswelt angekommen. Im Februar hat Peter Somaglia, Präsident der Interessengemeinschaft IG Air Cargo, mit einem Partner das Onlineportal Carboncare.org aufgeschaltet. Es richtet sich an alle Personen und Firmen, die Transporte in Auftrag geben oder durchführen und ihre CO2-Emissionen messen wollen.

Carboncare arbeitet eng mit My­climate zusammen: Über die Plattform können Firmen direkt eine Kompensation zahlen. Noch steckt das Start-up in der Pilotphase. Für die Messung der Emissionen brauche man detaillierte Zahlen. Und diese zu erhalten, sei oft schwierig – viele Unternehmen wollen sich nicht in die Karten blicken lassen.

Übersetzt heisst das: Klimaschutz ja – aber nur, wenn man ihn sich gerade leisten kann.

CO2-Kompensation sei auch bei Panalpina ein Thema, erklärt Sprecher Sandro Hofer. Der grösste Luftfrachttransporteur der Schweiz hat eigene Systeme entwickelt, mit denen CO2-Emissionen für jeden einzelnen Transport berechnet werden können.

Panalpina hat die Luftfracht an aussenstehende Airlines ausgelagert und liess 2018 weltweit mehr als eine Million Tonnen Güter mit dem Flugzeug transportieren. Panalpina habe sich verpflichtet, die durch ihre Logistikpartner verursachten CO2-Emissionen bis zum Jahr 2030 um 25 Prozent gegenüber 2017 zu senken.

Ein Kadermann eines anderen grossen Logistikkonzerns sagt: «Wir möchten eine nachhaltige Belieferung betreiben. Wichtig wird aber auch die Wirtschaftslage in den Jahren 2019 und 2020 sein. Sie wird entscheiden, ob die Kunden bereit sind, tatsächlich einen höheren Preis zu bezahlen und so die CO2-Emissionen zu kompensieren.»

Übersetzt heisst das: Klimaschutz ja – aber nur, wenn man ihn sich gerade leisten kann.

Erstellt: 13.04.2019, 20:59 Uhr

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