Matterhorn soll gesperrt werden

Der Permafrost taut in immer höheren Lagen und lässt die Felsen bröckeln. Jetzt fordern Bergführer Massnahmen zum Schutz der Alpinisten.

Felssturz am Piz Trovat GR: Aufgrund von Steinschlaggefahr hatten die Verantwortlichen die Klettersteige geschlossen. Video: Andrea Matossi

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Die Forderung ist extrem und spaltet die Bergwelt in zwei Lager: Nach dem tödlichen Absturz eines Bergführers und seines Gasts am Matterhorn vor zwei Wochen verlangen Bergsteiger, dass das Horu zum Sperrgebiet erklärt werde. Wie erste Erkenntnisse zeigen, hatte ein abgebrochener Fels ein Fixseil mitgerissen, worauf die Zweierseilschaft in die Ostflanke stürzte. Weil an der Unglücksstelle ein hohes Steinschlagrisiko herrschte, waren auch die Retter Gefahren ausgesetzt, als sie die Verunfallten bargen.

Routinierte Bergführer, die sich am Matterhorn bestens auskennen, aber nicht namentlich genannt werden wollen, argumentieren: «Der Berg ist inzwischen zu instabil und deshalb zu gefährlich, um als Touristenattraktion herzuhalten, an der täglich zig Menschen hochsteigen.» Schon Anfang Juni riss ein Felsblock einen britischen Alpinisten in die Tiefe – ebenfalls in der Ostflanke. Der Mann fand den Tod.

Instabil und damit gefährlich wirds im gesamten Alpenraum: Kletterer auf der ­Göscheneralp. Foto: Robert Bösch

Insgesamt verloren dieses Jahr bisher sechs Bergsteiger am Matterhorn ihr Leben, vergangene Saison waren es elf. Deshalb solle der Aufstieg auf den berühmtesten Schweizer Viertausender künftig verboten werden, so wie es im Sommer 2003 nach einem mächtigen Felssturz aus Sicherheitsgründen bereits der Fall war.

«Sie müssen sich über die lokalen Verhältnisse informieren, zum Beispiel bei Hüttenwarten.»Hans-Rudolf Keusen, Geologe und Experte für Naturgefahren

«Das ist lächerlich», sagt ­Raphaël Mayoraz, Sektionschef Naturgefahren des Kantons Wallis. Das Hochgebirge dürfe nicht abgeriegelt werden, schliesslich sei Alpinismus eine «private Aktivität». Für Mayoraz steht deshalb fest: «Die Gemeinden sollen sich damit begnügen, die Berggänger präventiv über Risiken zu informieren.»

Noch ist unklar, weshalb sich die Felsen am Matterhorn lösten und die Bergsteiger in die Tiefe rissen. Für Hans-Rudolf Keusen, Geologe und Experte für Naturgefahren beim Schweizer Alpen-Club (SAC), ist die Hitze aber «mit hoher Wahrscheinlichkeit» mitverantwortlich: «In immer höheren Lagen taut der Permafrost.»

Das belegen die jüngsten Messungen von Wissenschaftlern. Sie haben festgestellt, dass Gesteinsschichten, die einst ständig vereist waren, heute auftauen. Tatsächlich war diese sogenannte Auftauschicht noch nie so dick wie 2018. «Deshalb kommt es über 2500 Metern über Meer und vor allem in nördlich exponierten Felswänden immer häufiger zu Steinschlag und Felsstürzen», sagt SAC-Experte Keusen. Diese Entwicklung beobachtet er längst nicht nur am Horu, sondern auch auf klassischen Routen am Eiger oder am Schreckhorn. Keusen weiss von Bergführern, die risikoreiche Touren an diesen Orten nur noch im Winter anbieten. «Im Sommer ist es ihnen schlicht zu gefährlich», sagt er.

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Trotzdem ist Keusen ein Gegner von Sperrungen von Bergen und appelliert an die Eigenverantwortung jener, die sie besteigen. «Sie müssen sich über die lokalen Verhältnisse informieren, zum Beispiel bei Hüttenwarten.»

Etwa bei Hans Hostettler. Er ist bei Kandersteg BE auf 2840 Metern über Meer Gastgeber in der Blüemlisalp-Hütte und muss sich mit den jüngsten Entwicklungen im Gelände arrangieren: Immer häufiger packe er an und verbaue Stangen oder Seile, um die Wege um seine SAC-Hütte sicherer zu machen. «Auf dem Weg zum Blüem­lisalphorn und zur Weissen Frau hat es viel mehr Steinschlag als noch vor einigen Jahren», sagt er. Und während die Wilde Frau mit einer Höhe von rund 3200 Metern früher von allen Seiten zugänglich war, sei heute nur noch ein Weg sicher genug. Der Hüttenwart ist auch Bergführer und spricht sich gegen grundsätzliche Sperrungen aus. «Man muss aber unbedingt auf die Gefahren hinweisen.»

Auch Bergbahnstationen und Wanderwege sind betroffen

Einfach ist dies allerdings nicht, denn anders als Lawinen sind Felsstürze und Steinschläge extrem unberechenbar. Laut Hans-Rudolf Keusen funktioniere die Faustregel «Früh los und bis am Mittag zurück sein», mit der Bergsteiger früher Touren planten, heute nicht mehr. «Der Untergrund gefriert in der Nacht häufig nicht mehr und bleibt daher unbeständig.»

Von der wachsenden Instabilität in höheren Lagen betroffen sei der gesamte Alpenraum, sagt der SAC-Geologe. Und damit sowohl Stationen von Bergbahnen als auch viele Wander- und Bergsteigrouten. So wie zwei Klettersteige am Piz Trovat bei Pontresina im Bündnerland. Dort hat sich am vergangenen Donnerstag eine beachtliche Menge Fels gelöst und ist in die Tiefe gedonnert. Wegen der drohenden Gefahr hatten die Verantwortlichen die beiden Steige wenige Tage zuvor gesperrt, es kam deshalb niemand zu Schaden.

Wie Christian Wilhelm vom Amt für Wald und Naturgefahren des Kantons Graubünden auf Anfrage sagt, sind auch der Weg zum Lagh da Caralin im Puschlav und ein Zustieg zum Biancograt des Piz Bernina gesperrt. «Der Schaffberg in Pontresina steht zudem unter Beobachtung», sagt Wilhelm. Für ihn steht fest, dass künftig den geologischen Veränderungen mit «einer gewissen Flexibilität» begegnet werden müsse. «Wanderwege, Kletterrouten aber auch SAC-Hütten müssen allenfalls verlegt werden.»

Am Matterhorn kam es Ende Juli zu einem Felsausbruch, bei dem Fixseile ausgerissen wurden. Eine Zweierseilschaft stürzte daraufhin ab. Beide Männer kamen ums Leben. Foto: Alex Skimo/Gipfelbuch.ch

Das ist im Bergell bereits der Fall, nachdem sich im August 2017 einer der grössten Bergstürze der vergangenen 100 Jahre ereignet hat: Rund drei Millionen Kubikmeter Gestein stürzten vom Piz Cengalo zu Tal. Durch Wasser mobilisiert, entstand daraus ein Murgang, der sich bis ins Dorf Bondo wälzte. Experten gehen davon aus, dass diese Naturkatastrophe vom tauenden Permafrost provoziert worden ist. «Bis auf weiteres ist der Weg in die Sciora-Hütte im Bondasca-Tal zu gefährlich und gesperrt», sagt Geologe Keusen. Er arbeitet derzeit an einer Verlegung dieses Zustiegs und hat der Gemeinde einen Vorschlag unterbreitet. «Auf den viereinhalb Kilometern sind sehr tiefe Schluchten zu überwinden, dazu müssen Seilbrücken errichtet werden.» Das gehe ins Geld. Keusen geht von einem sechsstelligen Betrag aus. Ob die Gemeinde bereit ist, dafür aufzukommen, ist noch unklar.

Keusen präsidiert beim SAC auch die Hüttenkommission und weiss, dass der Alpen-Club auf die veränderten Gegebenheiten in den Bergen mit Investitionen reagiert: «Die Kosten für die Instandstellung, Verlegung und Sicherung der Wege und Zustiege in die Hütten nehmen stetig zu.» Doch nicht nur das. Wie Rolf Sägesser, Fachleiter Ausbildung und Sicherheit Sommer, auf Anfrage mitteilt, werde auch die Ausbildung von Tourenleitern wo möglich angepasst: «Zwar spielte die Sicherheit schon immer eine wichtige Rolle. Wir legen heute aber noch mehr Wert darauf und weisen in den Kursen eingehend auf diese Phänomene hin», sagt er. Den angehenden Leitern werde beispielsweise nahegelegt, auf gewisse Touren insbesondere mit Gruppen zu verzichten, weil sie «risikoreicher» geworden seien. Laut Sägesser, der selbst seit 35 Jahren Bergführer ist, seien «je länger, je mehr» ein professionelles Risikomanagement und eine eingehende Planung gefragt.

Zudem empfehle der SAC den Tourenleitern, die Teilnehmer ­bereits über die Ausschreibung zu selektionieren, um das Risiko von Unfällen zu senken. Denn: «Bei anspruchsvollen Touren ist ein zügiges, technisch versiertes Vorwärtskommen unabdingbar», sagt Sägesser. Treffe man unvorhergesehen auf Gefahrenzonen mit instabilen Felsen, müssten diese umgangen oder schnellstmöglich durchstiegen werden. «Das wiederum bedingt eine gewisse Fitness wie auch technisches Können von den Teilnehmern.»



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Erstellt: 04.08.2019, 07:45 Uhr

«Die Oberfläche des Bodens war so warm wie nie»

Messungen von Geologen in den Alpen haben ­mehrere Rekorde ergeben.

Mit Experten verschiedener Universitäten erforscht das Schweizer Permafrost-Messnetz Permos die geologischen Veränderungen in den Schweizer Alpen. Die Fachleute, darunter Cécile Pellet, beo­bachten Permafrost mittels Bohrlöchern an über 15 Standorten in allen Bergregionen der Schweiz. Kürzlich haben sie ihren Bericht zu den vergangenen vier Jahren publiziert – und im Juni neue Rekorde verzeichnet.

Was haben Sie festgestellt?
In der Zeitspanne von 2014 bis 2018 sind in der Schweiz die bisher wärmsten Lufttemperaturen gemessen worden. Unser Bericht umfasst die wärmste hydrologische Vierjahresperiode seit 1864. Das hat sich auch auf den Untergrund ausgewirkt. Die Temperatur, die wir Ende Juni an der Bodenoberfläche gemessen haben, war so hoch wie noch nie.

Wo genau war das?
Beispielsweise beim Blockgletscher Murtel Corvatsch in Graubünden, da haben wir 16,1 Grad Celsius registriert. Das sind mehr als 3 Grad mehr als jemals zuvor in dieser Periode.

Gab es noch weitere Höchstwerte?
Ja. Im Sommer der Jahre 2015 und 2018 haben wir bei den meisten Bohrlöchern bezüglich Dicke der Auftauschicht neue Rekorde verzeichnet.

Und das bedeutet?
Dass die Schicht, die auftaut und dann wieder gefriert, grösser wird. Das kann Gestein instabiler machen – zum Beispiel, wenn gefrierendes Wasser in Spalten Steine sprengt, oder weil Geröll nicht mehr zusammenhält.

Fallen diese Rekorde dieses Jahr erneut?
Das wird sich erst weisen, denn in der Regel ist diese Auftauschicht erst gegen Anfang Oktober am grössten.

Wie sehen Ihre Prognosen aus?
Unsere verschiedenen Beobachtungen weisen seit 2009 auf eine kontinuierliche Erwärmung des Permafrosts hin, und damit verbunden ist ein anhaltender Verlust von Untergrundeis. Zwar wird es auch künftig jährliche Schwankungen geben. Wir rechnen aber damit, dass die Auftauschicht weiterhin dicker wird und die Erwärmung des Permafrosts anhält.

Steigt dadurch die Gefahr für Wanderer und Bergsteiger?
Wir sind nicht für die Analyse von Gefahren zuständig. Fest steht aber, dass in Hochgebirgsregionen die Instabilität des Gesteins weiter zunehmen wird.

Gibt es Karten, auf denen ein Hobby-Alpinist erkennen kann, wo sich der Permafrost verändert?
Nein, denn Permafrost ist grundsätzlich nicht sichtbar. Das bestehende Material gibt Berechnungen und Schätzungen wider, aber keine lokalen Spezifikationen.

Interview: Pia Wertheimer

In Zahlen

342'902
Übernachtungen zählte der SAC im Jahr 2018. Das sind 13,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahlen der Übernachtungen im Winter sind rückläufig, jene im Sommer nehmen stark zu.

5
Prozent – dieser Anteil der Landesfläche der Schweiz weist Permafrost auf, typischerweise in Höhen über 2500 Metern über Meer.

1863
entstand am Fuss des Tödis GL die erste SAC-Hütte. Heute betreibt der Schweizer Alpen-Club 153 Hütten.

4,3
Millionen Franken gab der SAC 2018 für Hüttenbauten und deren Unterhalt sowie jenen der Wege aus.

66'477
Kilometer umfasst das Wanderwegnetz der Schweiz. Sie werden durch den Verband Schweizer
Wanderwege unterhalten. 1500 Freiwillige sind dafür im Einsatz.

800
Franken im Jahr kostet der Unterhalt eines Wanderweg-Kilometers durchschnittlich.

Je heisser es ist, desto dicker wird die Auftauschicht, die CO2 freisetzt

Permafrost ist grundsätzlich nicht sichtbar und existiert in Böden, deren Temperatur ständig unter 0 Grad Celsius liegt. Typischerweise kommt er in der Schweiz in hochgelegenen Schutthalden sowie Felswänden alpiner Regionen über 2500 Meter über Meer vor. Diese Höhe hängt unter anderem von der geografischen Ausrichtung ab, denn Permafrost bildet sich an nach Norden exponierten Flanken häufiger als in einem Gelände, das nach Süden ausgerichtet ist.

Laut der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft ist für den Erhalt des Permafrosts die Temperatur an der Bodenoberfläche entscheidend. Diese hängt stark von der Sonneneinstrahlung sowie von der Dicke und der Dauer der Schneedecke im Winter ab. Die Schicht des Bodens oberhalb des Permafrosts, die im Sommer jeweils die Nullgradgrenze übersteigt, wird als Auftauschicht bezeichnet.

Permafrost hat einen bedeutenden Einfluss auf die Stabilität des alpinen Untergrunds. Einerseits wirkt er stabilisierend, da das Eis das Gestein zusammenhält und so den Kollaps instabiler Felspartien verhindert. Gleichzeitig kann Permafrost eine destabilisierende Wirkung haben: Das Eis verhindert das Abfliessen von Wasser, dieses gefriert bei sinkenden Temperaturen in Hohlräumen wieder ein. Die damit verbundene Ausdehnung begünstigt die Sprengung von Fels. Aufgrund der klimatischen Veränderungen steigt die Permafrostgrenze an, was in den Bergen zu Steinschlägen, Fels- oder Bergstürzen führen kann. Im Permafrost lagern zudem beachtliche Mengen an Kohlenstoff. Taut die Schicht auf, wird dieser in Form von Kohlenstoffdioxid (Treibhausgas) freigesetzt. (pia)

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