Kochlöffel statt Skistock

Die Schneesportinitiative will Kinder mit neuen Angeboten auf die Piste locken, dazu gehören auch Berufswahllager. So sollen sie zu treuen Wintergästen werden.

Küchenbesuch als Alternative zum Skifahren: Familien planen ihre Winterferien heute anders.

Küchenbesuch als Alternative zum Skifahren: Familien planen ihre Winterferien heute anders. Bild: Cyril Zingaro/Keystone

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Am Tag wird Ski gefahren, bis die Lifte schliessen, am Abend gibt es Spaghettiplausch und Schul­disco im kiefernholzverkleideten Keller. Das Skilager schafft Erinnerungen fürs Leben. Und dem Schweizer Wintertourismus über Jahrzehnte hinweg treue Gäste, so die Hoffnung der Branche.

Weil im letzten Jahrzehnt die Zahl der Schneesportlager in der Schweiz zurückging und ­Skigebiete insgesamt schlechter besucht werden, geben Bund und Privatwirtschaft Gegensteuer – mit der Schneesportinitiative Schweiz, Go Snow. Das Konzept: Unter der Präsidentschaft der Snowboard-Olympiasiegerin Tanja Frieden bietet die Initiative Schulen zu günstigen Preisen komplett organisierte Schneesportlager an, inklusive Transports, Mietmaterials, Unterkunft und Bergbahntickets.

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Nun weitet die Initiative ihr Angebot aus. Ab nächster Wintersaison werden nicht mehr nur Schneesportlager organisiert, sondern auchSchnee-Projektwochen. «Wir ­gehen mit der Zeit», sagt Tanja Frieden, selbst ausgebildete Primarschullehrerin. «Wir wollen hier kein Mammut beatmen.» Auch ­Familien organisierten ihre Skiferien heutzutage anders und gingen teils nicht mehr von früh bis spät fünf Tage lang auf die Piste, sondern auch einmal Schlitteln, Winterwandern, Schwimmen oder ins Museum.

Geplant sind Bergwochen im Winter, bei denen die Kinder nur noch an ein, zwei Tagen auf den Brettern stehen. «Schon ein Tag Skifahren kann den Funken entfachen», sagt Ole Rauch, Geschäftsführer der Initiative.

Tanja Frieden, Präsidentin der Schneesportinitiative: «Wir wollen hier kein Mammut beatmen.» Foto: Peter Mosimann/Freshfocus

In den Vordergrund rückten bei den Projektwochen Themen wie die Tourismuswirtschaft, der Umweltschutz in den Bergen und die Berufswahl. Der Vorstand der Initiative, zu deren Mitgliedern unter anderem Seilbahnen Schweiz, der Sportfachhandelsverband und der Schweizer Tourismusverband gehören, hat die neuen Angebote bereits beschlossen. Rauch arbeitet nun die Details aus.

Ihm schweben verschiedenste Aktivitäten vor: etwa Treffen der Schüler mit Tourismusdirektoren, Winterwanderungen mit Wildhütern, Erklärungen zu Beschneiungstechnik oder Lawinensicherung. Im Rahmen von Berufswahllagern sollen die Kinder hinter die Kulissen von Hotels und Gastrobetrieben blicken und die Arbeit bei den Bergbahnen kennen lernen. «Warum sollen immer nur die Bergler Bergberufe machen? Es liessen sich auch die Unterländer dafür begeistern», sagt Rauch.

Erschwerte Finanzierung der Sportlager

Die Ausweitung des Angebots hat vor allem zwei Gründe: Die Initiative hat ihr Potenzial noch lange nicht ausgereizt. Zwar verdoppelte sie von Jahr zu Jahr die Zahl der organisierten Lager, und in dieser Wintersaison fuhren mehr als 5000 Schüler über Go Snow in den Schnee. Auch die Teilnehmerzahlen der Jugend + Sport-Schneesportlager haben sich nach deutlichen Rückgängen zwischen 2005 und 2010 wieder etwas stabilisiert. Laut Bundesamt für Sport nahmen 2016 rund 101'000 Kinder teil, in etwa so viele wie 2007. «Aber das Potenzial ist viel grösser, jedes Jahr könnten wohl fast 200'000 Kinder in ein Skilager fahren», sagt Rauch.

Mit den neuen Angeboten will er auch Lehrer, die sich die Begleitung eines Skilagers nicht zutrauen, für eine Winterwoche in den Bergen gewinnen. Ein weiterer Grund ist der Kostenfaktor. Ein Bundesgerichtsurteil hat im Dezember die Finanzierung von Skilagern deutlich erschwert. Das Gericht urteilte, dass Eltern für obligatorische Lager künftig nur rund 16 Franken pro Tag zahlen müssen. Selbst die Go-Snow-Komplett­angebote, die im Schnitt bei 330 Franken pro Kind für eine Lagerwoche liegen, erfordern damit grössere Zuzahlungen von Schulen oder der öffentlichen Hand.

Seitdem wird in Gemeinden, Kantonen und den Schulen gerechnet und über die Kostenverteilung diskutiert – der Königsweg ist noch nicht gefunden. «Das Urteil untergräbt all unsere Bemühungen, viele Lager könnten nun Finanzierungslücken zum Opfer fallen», sagt Rauch. Die Schnee-Projektwochen würden hingegen günstiger, da einige teure Komponenten wie Skitickets und Ausrüstung nicht mehr die Hauptrolle spielten.

Rauch hat einen weiteren Weg gefunden, um die Kosten zu reduzieren: Die Initiative will ab nächstem Winter auch Austauschwochen anbieten, sprich, Schulklassen aus dem Unterland und den Bergen besuchen sich gegenseitig – für klassische Schneesportlager, Schnee-Projektwochen und Berufswahlwochen. Letztere sind auch für den Besuch der Klassen im Flachland geeignet. Auf diese Weise entfallen die Kosten für Unterkünfte und teils auch für die Verpflegung.

Branche hofft auf Schwung für harzige Lehrstellenvermittlung

Bei einem Pilotprojekt mit Sekundarschulen aus Wädenswil ZH und St. Moritz sammelte Go Snow bereits erste Erfahrungen. Das Konzept wird nun auf die ganze Schweiz ausgeweitet. «Der Bergtourismus wird beim Austausch gar noch besser gefördert als bei einem klassischen Lager, da die Kinder über die Gastfamilie einen engen Bezug zur Region entwickeln», ist Sportlehrer Simon Notter überzeugt. Er hat das Austausch­konzept erarbeitet. Allein aus seiner Klasse seien dieses Jahr einige mit den Eltern erstmals nach St. Moritz in die Ferien gefahren.

Die Tourismusbranche begrüsst die neuen Konzepte. «Der Wintertourismus bietet viel mehr als Skifahren, was wieder vermehrt ins Bewusstsein rückt. Es ist daher sinnvoll, den Kindern zu zeigen, was die Berge noch bieten können», sagt Schweiz-Tourismus-Direktor Martin Nydegger. Die Branchenverbände sehen in erster Linie Chancen, ihre Berufe im Rahmen von Berufswahlwochen zu präsentieren und an breiter Front Interesse beim Nachwuchs zu wecken. «Köche sind Künstler, das müssen wir den Jungen nur vermitteln», sagt Gastrosuisse-Präsident Casimir Platzer. Auch Hotelleriesuisse-Präsident Andreas Züllig sieht eine Möglichkeit, mehr Schwung in die harzige Lehrstellenvermittlung in der Hotellerie zu bringen.

Seilbahnen Schweiz, ein Mitglied von Go Snow, will Berufsbilder präsentieren, die bislang eher selten sind, etwa das des Seilbahnmechatronikers. Vielfach biete sich aber auch der Wissenstransfer an, sagt Sprecher Andreas Keller. Themen wie die Beschneiung und deren Umweltbilanz etwa. «Oder um die Kosten von Bergbahnen aufzuzeigen.» So könnten Kinder nachvollziehen, warum Skifahren einfach seinen Preis hat.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 24.02.2018, 20:43 Uhr

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