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König Bhumibols letzter grosser Auftritt

70 Jahre stand König Bhumibol an Thailands Spitze. Nun könnte das Ende der Trauerperiode – trotz pompöser Abschiedszeremonie – neue Unruhe in das politisch turbulente Land bringen.

Wird Ende November wieder abgerissen: Bhumibols letzte Ruhestätte in Bangkok.
Wird Ende November wieder abgerissen: Bhumibols letzte Ruhestätte in Bangkok.
AFP
Regiert auch vom Starnberger See aus: Bhumibols Sohn und Nachfolger Maha Vajiralongkorn.
Regiert auch vom Starnberger See aus: Bhumibols Sohn und Nachfolger Maha Vajiralongkorn.
Keystone
Schwarz und lang: Die Kleidervorschriften für das Begräbnis.
Schwarz und lang: Die Kleidervorschriften für das Begräbnis.
«Bangkok Post»
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Das pompöse Krematorium für Thailands König Bhumibol strahlt golden in der Bangkoker Altstadt. Für die Regierung ist es aber nicht perfekt genug. «Noch steht das Baugerüst», sagt die Frau vom Kulturministerium zu einer Gruppe von Diplomaten, die sich wenige Tage vor der Bestattung des Monarchen die Vorbereitungen ansehen dürfen. «Machen Sie deshalb besser keine Fotos», fügt sie hinzu, während sich die Besucher vor dem 50 Meter hohen Prunkbau aufstellen, der das Zentrum einer fünftägigen Einäscherungszeremonie werden soll. Der Hinweis wird überhört. Mehrere Botschafter machen Selfies wie Touristen vor dem Eiffelturm. Der Drang, den historischen Augenblick festzuhalten, ist zu gross.

Die Feuerbestattung von Bhumibol Adulyadej in der kommenden Woche ist für Thailand kein gewöhnliches Staatsbegräbnis. Der vor einem Jahr verstorbene König stand 70 Jahre lang an der Spitze seines Staates. In einem politisch turbulenten Land, das während seiner Regentschaft zehn Machtübernahmen des Militärs erlebte und mehr als ein Dutzend Mal die Verfassung änderte, war Bhumibol die einzige Konstante. Mit seiner Einäscherung und dem Ende einer zwölfmonatigen Trauerperiode beginnt für das südostasiatische Land eine neue Ära.

Die politische Zukunft des Landes ist von grosser Unsicherheit geprägt. «Das Königreich bricht in unbekannte Gewässer auf», sagt der Thailand-Analyst und Autor Benjamin Zawacki. «Das Ende der Trauerperiode setzt einen Schlussstrich unter sieben Jahrzehnte, die wie der verstorbene König wohl einmalig bleiben werden.»

Schon vor seinem Tod waren Porträtbilder von Bhumibol, der ausserordentlich beliebt war, in Bangkok allgegenwärtig. Alle grossen Fernsehsender strahlen jeden Abend um 20 Uhr eine Nachrichtensendung aus, die ausschliesslich über die Aktivitäten der königlichen Familie informiert.

Die Fotojournalisten müssen jedes Mal salutieren

Kurz vor der Einäscherung hat die Präsenz der Monarchie noch einmal deutlich zugenommen: Einkaufszentren bieten ihren Besuchern Ausstellungen über das Leben Bhumibols, auf den riesigen digitalen Werbetafeln erstrahlt über den Bangkoker Strassen anstatt Reklame das Konterfei des Königs. Die TV-Stationen haben die Farben in ihrem Programm nahezu auf Schwarzweiss reduziert.

Auch Touristen bekommen vor allem im Nachtleben die besondere Situation zu spüren. Die berühmte «Full Moon Party» im Süden des Landes wurde als Zeichen des Respekts abgesagt, einige Lokale schenken keinen Alkohol aus, Clubs schliessen für einige Tage. Am 26. Oktober, dem Tag der Einäscherung, machen sogar die 24-Stunden-Supermärkte von 7-Eleven, die sonst niemals schliessen, für einen halben Tag Pause.

Die Zeremonie, die auf einem Platz vor dem Königspalast stattfindet, werden Millionen Thailänder auf Grossbildleinwänden und im Fernsehen ansehen. Zehntausende schwarzgekleidete Trauergäste werden direkt vor dem Palast erwartet. Wer die Kremation am Donnerstag dort verfolgen möchte, muss bereits 36 Stunden vorher seinen Platz einnehmen. Bei der aufwendigen Inszenierung, die in ihren Dimensionen an das Begräbnis von Lady Di vor 20 Jahren erinnert, versuchen Thailands Behörden jedes Detail zu regeln – inklusive strikter Vorschriften für die Presse: Laut offiziellen Regularien müssen Fotojournalisten jedes Mal salutieren, bevor und nachdem sie ein Mitglied der königlichen Familie fotografieren. Verboten sind Fotos der Royals beim Essen und wenn sie Treppen hinauf- oder herabsteigen. Männliche Reporter sind zudem nur zugelassen, wenn sie kurze Haare und keinen Bart tragen.

Ein 14'000 Kilo schwerer Triumphwagen aus Teakholz

Schätzungen zufolge wird die Veranstaltung rund eine Milliarde Baht kosten, umgerechnet rund 30 Millionen Franken. Das mit mehr als 500 Tierstatuen aufwendig verzierte Krematorium wurde eigens für diesen Anlass errichtet. Es soll an den mythologischen Berg Meru erinnern, der das Zentrum des Universums symbolisiert. «Wer die Zeremonie komplett verstehen will, muss sich sowohl mit der buddhistischen Kosmologie, dem Hinduismus als auch in den thailändischen Traditionen auskennen», sagt Chakrarot Chitrabongs, früherer Staatssekretär im thailändischen Kulturministerium.

1949 erlebte Chakrarot als vierjähriger Junge die bisher letzte königliche Bestattung in Bangkok – damals wurde Bhumibols älterer Bruder beigesetzt, der vor ihm König war, jedoch im Alter von 20 Jahren bei einem Unfall starb. Chakrarot wurde später zum Palastfotografen und machte die offiziellen Aufnahmen bei der Einäscherung von Bhumibols Mutter.

Nun ist er erneut zum Sanam Luang gekommen, der Grünfläche in der Bangkoker Altstadt, die für die letzte Reise der Königsfamilie reserviert ist. Im angrenzenden Nationalmuseum begutachtet er den vergoldeten 14'000 Kilo schweren Teakholz-Triumphwagen aus dem 18. Jahrhundert, der die Urne transportieren wird. Traditionell wurden Thailands Könige darin bis zur Einäscherung aufrecht einbalsamiert. Im Fall von Bhumibol kommt der Urne eher symbolische Bedeutung zu: Er entschied sich, wie bereits seine Mutter, liegend in einem Sarg aufgebahrt zu werden. «Vielleicht wollte er damit seine Bescheidenheit zum Ausdruck bringen», sagt Chakrarot.

Vermögenswerte von mindestens 30 Milliarden Dollar

Unter Bhumibol wurde Thailands Monarchie zu einer der wohlhabendsten der Welt. Die Vermögenswerte, zu denen grosse Grundstücke in Bangkok und Beteiligungen an thailändischen Konzernen gehören, belaufen sich Schätzungen zufolge auf mindestens 30 Milliarden Dollar. Der Monarch führte trotz der Reichtümer ein vergleichsweise genügsames Leben. Ob sein Sohn, Thailands neuer König Maha Vajiralongkorn, dem Beispiel folgen wird, ist noch nicht bekannt.

Im Juli gab die dem Königshaus nahestehende Militärregierung Vajiralongkorn mit einer Gesetzesänderung die volle Kontrolle über die Palastfinanzen. Den Vorsitz der Vermögensverwaltung hatte früher der jeweilige Finanzminister inne. Nun kann der König die Vergabe des Postens selbst bestimmen. Erste Finanzentscheidungen traf er bereits: Laut einer Mitteilung an die Wertpapieraufsicht liess er Anteile an der Bangkoker Bank SCB im Wert von einer halben Milliarde Dollar an ein nicht näher genanntes Ziel transferieren. Öffentlich diskutiert wurde die Transaktion in Thailand nicht. Das Königshaus wird von einem der strengsten Majestätsbeleidigungsgesetze der Welt vor Kritik geschützt. Auf Verstösse drohen bis zu 15 Jahre Gefängnis.

Auch internationale Journalisten müssen sich selbst zensieren, um in Thailand arbeiten zu können. Die Strafverfolgung nach dem Gesetz hat seit 2014, als sich eine Militärjunta an die Macht putschte, stark zugenommen. Mehr als 80 Personen wurden laut der Aktivistengruppe iLaw seitdem wegen Majestätsbeleidigung angeklagt. Tabu ist es in Thailand auch, Details über das Leben des neuen Königs Vajiralongkorn zu verbreiten, der drei gescheiterte Ehen hinter sich hat.

Aktivist zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteil

Der Studentenaktivist Jatupat Boonpattararaksa wurde im August zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, weil er auf Facebook einen Link zu Vajiralongkorns BBC-Biografie teilte. Beobachter attestierten Vajiralongkorn zuletzt eine hohe Durchsetzungsfähigkeit. So verlangte er Änderungen an einer neuen Verfassung, über die bereits zuvor in einem Referendum abgestimmt worden war. Die Paragrafen, die er überarbeiten liess, bezogen sich auf seine eigenen Machtbefugnisse. Vajiralongkorn erreichte dadurch, dass er bei Auslandaufenthalten wie beispielsweise in seiner Villa am Starnberger See keinen Regenten als seinen Stellvertreter ernennen muss – er kann stattdessen selbst auch aus der Ferne regieren.

Offiziell ist Thailand eine konstitutionelle Monarchie, in der der König vorwiegend repräsentative Aufgaben hat. Die absolute Herrschaft von Thailands Monarchen endete 1932. Die Erinnerung daran ist aber in den vergangenen Monaten zum Politikum geworden. Unter mysteriösen Umständen verschwand eine Gedenktafel in der Nähe des Palastes, die an das Ereignis erinnerte. Demokratieaktivisten sahen darin den Versuch, Thailands Geschichte symbolisch umzuschreiben.

Nachbildungen in jeder der 76 Provinzen

Die Demokratiebefürworter haben es in Thailand gerade schwer: Mögliche Wahlen verschoben die Generäle bereits mehrmals. Aktuell peilen sie einen Termin im November 2018 an. Politische Beobachter erwarten, dass der Konflikt zwischen den verfeindeten Gruppen aus der Bangkoker Oberschicht und dem vergleichsweise armen Nordosten bis dahin wieder neu ausbrechen könnte. Politische Auseinandersetzungen wurden zuletzt nicht nur vom Militär unterdrückt, sondern von beiden Seiten während der Trauerperiode als nicht angemessen betrachtet.

Die Bestattung von Bhumibol könnte für Thailand damit für lange Zeit einer der letzten grossen Momente der nationalen Geschlossenheit werden. Erwartet werden Trauergäste nicht nur vor dem Palast in Bangkok, sondern auch vor Nachbildungen des Krematoriums in jeder der 76 Provinzen. Doch die Symbole des Zusammenhalts werden schon bald verschwinden. Der Bestattungskomplex in Bangkok soll nur noch bis November stehen und anschliessend abgebaut werden. Auch das stehe in der buddhistischen Tradition, erklärt Palastkenner Chakrarot: «Alles, was existiert, findet irgendwann sein Ende.»

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