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Kohl und die Frauen

Warum Merkel und May die besseren Vorbilder sind. Eine Kolumne von Andreas Kunz.

MeinungAndreas Kunz
Familienidylle am Wolfgangsee: Helmut Kohl mit Frau Hannelore und den Söhnen Walter und Peter. Foto: dpa
Familienidylle am Wolfgangsee: Helmut Kohl mit Frau Hannelore und den Söhnen Walter und Peter. Foto: dpa

Ein besonderes Merkmal der Schweiz ist, dass die familiären Verhältnisse von Politikern keine Rolle spielen. Egal, ob sie Männer lieben oder Frauen, ob sie treu sind oder polyamourös: Das Privatleben hat in der öffentlichen Debatte nichts zu suchen. Und auch die Medien halten sich vornehm zurück – obwohl es über den einen oder die andere Abenteuerliches zu erzählen gäbe. Es kam also fast einem kleinen Tabubruch gleich, als letzte Woche darüber diskutiert wurde, dass nach dem Rücktritt von Didier Burkhalter erstmals eine Mehrheit im Bundesrat kinderlos sein könnte.

Tatsächlich gibt es Familiengeschichten, die ­interessanter sind als so manches politische Geschäft und auch die Privatsphäre der Politiker nicht über Gebühr verletzen. Ein besonders gelungenes Beispiel dafür lieferte letzte Woche die deutsche TAZ. In einem «Kurzrequiem auf eine Lebensform» schrieb die Zeitung, dass niemand das Bild der heilen Familie mehr beschädigt habe als der verstorbene Helmut Kohl. Ausgerechnet der Bundeskanzler, der zu Beginn seiner Amtszeit eine «geistig-moralische Wende» zurück zu den bürgerlichen Tugenden gefordert habe, sei der «prominenteste Bigottling der christdemokratischen Szene» gewesen. «Was für ein Gescheiterter, was für ein Nicht-Vorbild!», rief die linke TAZ durchaus schadenfreudig.

«Es wäre sicher spannend zu erfahren, wie Partnerschaften funktionieren, bei denen die Frau an den Hebeln der Macht sitzt»

Trotzdem war die Story gelungen, weil die ­Argumentation sass. Und weil Kohl es selber gewesen war, der seine Familie ins Schaufenster der Öffentlichkeit gestellt hatte. In die Ferien am österreichischen Wolfgangsee lud er regelmässig Fotografen und Reporter ein, um zu Wahlkampfzwecken das Bild der heilen Familie zu zelebrieren. Wie es hinter der Fassade aussah, zeigte sich erst nach ­seiner Abwahl. Ehefrau Hannelore, die an der Seite des Politmaniacs zunehmend vereinsamt war, nahm sich das ­Leben. Und seine beiden Söhne klagten in ihren Biografien über einen Vater, der nie für sie Zeit gehabt hatte. Kohl rächte sich, indem er den Kontakt vollständig abbrach. Von seinem Ab­leben erfuhren die Söhne aus dem Radio. Der ­Zugang zum Totenbett wurde ihnen verwehrt. Was die TAZ als «Desaster» bezeichnete, war also gewiss nicht übertrieben.

Fragwürdig war daran höchstens, aus einem schlechten Beispiel gleich einen Abgesang auf ein ganzes Familienmodell zu inszenieren. Und leider berichtete die Zeitung, die sich dem Feminismus und dem Kampf für die Gleichberechtigung verschrieben hat, nie zuvor ebenso prominent über ihre beiden besten Role-Models: ­ ­Angela Merkel und Theresa May, die weiblichen Staatsoberhäupter Deutschlands und Grossbritanniens. Der Grund dafür ist wohl, dass beide Frauen Konservative sind. Das von der TAZ propagierte Gesellschaftsmodell wird in der europäischen Spitzenpolitik also ausgerechnet vom politischen Feind vorgelebt – während es die angeblich so modernen Linken noch nie geschafft ­ ­haben, eine Frau auch nur in die Nähe eines wichtigen Regierungssitzes zu bringen.

Schade bloss, dass sowohl May wie Merkel ihr Privatleben vor der Presse abschotten. Es wäre sicher spannend zu erfahren, wie Partnerschaften funktionieren, bei denen die Frau an den Hebeln der Macht sitzt. Wie ihre ­Männer sie dabei unterstützen und warum sie damit kein Problem haben. Wahrscheinlich hätte eine solche Geschichte mehr Wirkung als jede Gleichstellungskampagne.

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