Sion 2026 viel teurer als behauptet

Noch ist Sion 2026 ein Traum der Befürworter. Die Gegner fürchten jetzt schon ein böses Erwachen für die öffentliche Hand.

Die Olympischen Ringe für 2026 bleiben vorerst im Keller
Foto: dpa/Keystone

Die Olympischen Ringe für 2026 bleiben vorerst im Keller Foto: dpa/Keystone

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Die Olympiapläne von Sportminister Guy Parmelin haben in der heutigen Form kaum Chancen im Parlament. In einer Umfrage der SonntagsZeitung bei allen ­National- und Ständeräten sagten 43 von 80 Parlamentariern Nein. Nur 21 Volksvertreter sind dafür. Praktisch geschlossen dagegen sind die Vertreter aus SP, den Grünen und der SVP. Das deutet auf eine satte Nein-Mehrheit gegen das ­Ansinnen, die Olympischen Winterspiele Sion 2026 mit einer Milliarde Franken und zusätzlichen Sicherheitsdienstleistungen in der Höhe von weiteren 300 Millionen zu unterstützen.

Die hohen und womöglich noch höher werdenden Kosten für den Bund sind der Hauptgrund für die Skepsis. Und die gibt es selbst im Unterwallis, wo Olympia-Jubel schon fast politische Pflicht ist. SVP-Nationalrat Jean-Luc Addor aus dem Olympiaort Sion sagt: «Die Spiele werden Schulden hinterlassen, die von der Öffentlichkeit bezahlt werden müssen.»

Das Sportparlament von Swiss Olympic gibt grünes Licht für die Kandidatur von Sitten für die Olympischen Winterspiele 2026.

Tatsächlich gibt es gute Gründe für diese Befürchtungen. Wie Recherchen zeigen, sind Kosten und Haftung des Bundes längst nicht so eindeutig und kontrollierbar, wie Parmelin erklärt hat. ­Insbesondere die 300 Millionen ­Franken, mit denen der Bund die ­Sicherheit während der Spiele ­garantieren will, halten Experten – selbst solche, die sich wie Benedikt Weibel im Dienst des Bundes mit Sportgrossanlässen befassen – für «blauäugig». Der einstige SBB-Chef war Delegierter des Bundes bei der Fussball-EM 2008 und eruierte später für den Kanton Genf Kosten und Machbarkeit von Olympischen Spielen. Er sagt: «Die Erfahrungen mit der Euro 08 und die Beispiele anderer Winterspiele zeigen klar: Die 300 Millionen sind eine völlig unrealistische Schätzung und viel zu tief.»

Weibel geht von einem Mehrfachen aus und verweist auf das mit Sion vergleichbare Vancouver. Dort war man anfangs von 200 Millionen Franken ausgegangen und musste am Ende je nach Lesart zwischen 600 Millionen und 1 Milliarde alleine für die Sicherheit aufwenden. Man habe in den Stadien Zustände wie auf Flughäfen gehabt, das werde auch in Sion so sein, prophezeit Weibel.

Schönwetterschätzungen aus dem Jahr 2008?

Wie der Bund auf 300 Millionen kommt, ist nicht klar. Er spricht ­lediglich von Expertenschätzungen. Möglicherweise diente der ­Sicherheitsaufwand bei der EM als Basis. Gemäss einem damaligen Mitglied hat die Projektorganisation Euro 08 des Bundes damals im Auftrag des Bundesrates eine informelle Schätzung der Sicherheitskosten für eine Winterolympiade vorgenommen und ist dabei auf 300 bis 400 Millionen ­Franken gekommen. «Das war eine Schönwetterschätzung aus einer Zeit, in der die Welt ruhig und der IS noch ein Fremdwort war», kommentiert der damals verantwortliche Sicherheitsexperte. Das habe aber nichts mit der heutigen Realität zu tun.

Auch die direkten Bundesbeiträge an das Olympiabudget sind nicht wirklich auf eine Milliarde limitiert, wie es der Sportminister erklärt hat. Im VBS und im zuständigen Bundesamt für Sport (Baspo) bestätigt man inzwischen, dass es in der Vorlage keinen Mechanismus gebe, der verhindere, dass Budgetüberschreitungen über die vom Bund garantierte Milliarde hinaus nicht doch von der ­öffentlichen Hand übernommen werden müssten. Man spricht ­lediglich von «Massnahmen», die ein grösseres Defizit verhindern ­sollen, wie Budgetreserven und Controlling durch den Bund.

Dass die Defizitgarantie in Tat und Wahrheit nicht limitiert ist, weiss auch das VBS und schreibt: Man sei «beauftragt, abzuklären, wie die Limitierung dieser Defizitgarantie sichergestellt wird». Die SP-Nationalrätin und Olympia­kritikerin Silva ­Semadeni sieht deshalb «weit und breit keine ­Limitierung der Defizitgarantie». Ihre Kollegin Susanne Leutenegger Oberholzer befürchtet gar einen «Versuch der Irreführung des Volkes, indem im Stillen mit Nachtragskrediten gerechnet wird».

Manche sprechen schon von Steuergeschenken

Und weil die Limitierung in den Sternen steht, verlangt die SVP jetzt Übernahmegarantien durch das Internationale Olympische ­Komitee (IOK). Fraktionschef ­Adrian Amstutz macht klar: «Olympische Spiele können nur diskutiert werden, wenn klare Verträge mit dem IOK garantieren, dass ein allfälliges Defizit, das über die Bundesgarantie hinausgeht, vom IOK getragen wird und nicht von der öffentlichen Hand.» Von solchen Garantien hat man im Bundeshaus aber keine Kenntnis.

Und ob ein Defizit und damit zusätzliche Bundesgelder wirklich verhindert werden können, vermag in Bundesbern keiner zu garantieren. Denn abgesehen von den Sicherheitskosten scheint auch das eigentliche Olympiabudget nicht so stabil wie prognostiziert. Zwar gibt es in den Plänen für Sion 2026 praktisch keine Neubauten, die sich bei vergangenen Spielen als Kostentreiber erwiesen. Unsicherheiten gibt es aber im Bereich Steuern und Abgaben. Inzwischen bestätigt man im zuständigen Baspo, dass die «Steuerfolgen für die Budgets in den bisherigen Berechnungen noch nicht berücksichtigt» wurden. Der Verein Sion 2026 kläre zurzeit die mit dem Projekt verbundenen steuerlichen Auswirkungen ab. Es geht um die Belastung durch Mehrwertsteuer, Zölle und direkte Steuern.

Über Zahlen spricht derzeit noch niemand. Ein Finanzexperte des Bundes meint immerhin, dass es um Summen im dreistelligen Millionenbereich gehen könnte, die das Projekt und dann den Bund zusätzlich belasten würden. Denkbar sei auch ein Steuerruling, in dem der Bund Steuern erlasse und so indirekt mitzahle.

Angesichts dieser Unsicherheiten sind auch jene Parlamentarier, die eigentlich gerne Olympische Spiele hätten, verunsichert. FDP-Nationalrat Hans-Ulrich Bigler sagt: «Beim Kosten-Nutzen-Verhältnis gibt es zumindest Fragezeichen. Hier müssen gute Argumente geliefert werden.»

Erstellt: 22.10.2017, 07:17 Uhr

SP-Ständerat Hans Stöckli: «Nationale Abstimmung käme zu spät»

Experten sagen, die Sicherheitskosten für Sion 2026 seien viel zu tief budgetiert worden. Was sagen Sie als Vizepräsident des Komitees zu diesem Vorwurf?
Die Sicherheitskosten wurden von den gleichen Spezialisten berechnet, welche das schon für die Euro 08 gemacht haben. Damals wurde das Sicherheitsbudget erfreulicherweise unterschritten. Unsere Experten gingen von der heutigen Bedrohungslage aus, machten aber einen ­Sicherheitszuschlag von 30 Prozent. Zurzeit werden diese Kosten noch von der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren für die einzelnen Kantone überprüft.

Die Defizitgarantie des Bundes ist nicht limitiert, wie dies behauptet wurde. Was tun Sie, damit am Ende nicht doch der Staat zahlen muss?
Es gibt sehr wohl eine limitierte ­Deckelung der Bundesgarantien für das Betriebsbudget. Ausserdem sind in Sotschi und Vancouver die Kosten für die Infrastrukturen aus dem Ruder gelaufen, nicht die Betriebsbudgets. Mit unserem Konzept der bestehenden Anlagen dürfte es kaum Probleme geben.

Können Sie mit dem IOK die Übernahme des Defizits vereinbaren, wie das Adrian Amstutz fordert?
Die Verhandlungen mit dem IOK werden spätestens Anfang 2019 abgeschlossen sein. Wir können davon ausgehen, dass der Beitrag des IOK, welcher in unserem Budget auf 525 Millionen Franken eingestellt wurde, wesentlich höher sein wird. Wir spüren, dass das IOK an einer Bewerbung der Schweiz äusserst interessiert ist.

Sie lehnen eine nationale Abstimmung ab, weil diese zu spät stattfinde. Ist das statthaft?
Bei der Erstellung unseres Fahrplanes sind wir von der heute geltenden Verfassung und Gesetzgebung ausgegangen. Diese sieht kein ­Finanzreferendum vor. Wenn nun die Spielregeln während des Spiels geändert werden, könnten wir die zeitlichen Vorgaben des IOK nicht mehr einhalten. Für die Vergabe der Winterspiele im Oktober 2019 müssen die Verträge mit dem IOK bis spätestens 15. Januar 2019 unterzeichnet sein. Das geht ohne den limitierten Bundesbeitrag nicht. Eine Volksabstimmung könnte erst im Sommer 2019 stattfinden. Das wäre auch bei einem positiven Ausgang zu spät.

Soll nach dem Wallis auch in den anderen beteiligten Kantonen Bern, Waadt und Freiburg das Volk das letzte Wort haben?
Ob in weiteren Kantonen Abstimmungen nötig sind, hängt von der Verteilung der Sicherheitskosten ab, weil in keinem dieser Kantone Beiträge an das Betriebsbudget und an die Sportanlagen nötig sind. Diese Verteilung wird jetzt vor­genommen.

Mit Hans Stöckli sprach Hannes Weber

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