Türkische Moscheen in der Schweiz verbreiten Kriegspropaganda

Türkisch-islamische Verbände stellen sich hinter Erdogans Invasion in Nordsyrien.

«Hilf unserer heldenhaften Armee»: In der Predigt einer Schweizer Moschee wünscht man sich militärischen Erfolg der türkischen Offensive in Syrien – so wie diese Kinder auch. Foto: Kemal Aslan (Reuters)

«Hilf unserer heldenhaften Armee»: In der Predigt einer Schweizer Moschee wünscht man sich militärischen Erfolg der türkischen Offensive in Syrien – so wie diese Kinder auch. Foto: Kemal Aslan (Reuters)

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Gebetsstätten sind Orte der Besinnung und des Friedens. Diese Meinung wird aber offenbar nicht von allen Moscheeverantwortlichen in der Schweiz geteilt. Auf ihrer Facebook-Seite wünscht zum Beispiel die Türkisch-Islamische Stiftung für die Schweiz (Tiss) den türkischen «Helden» viel Erfolg bei der Invasion der kurdischen Siedlungsgebiete im Norden Syriens. Die Tiss ist der Ableger des türkischen Religionsministeriums Diyanet. Laut ihrer Website repräsentiert sie 46 Moscheen in der Schweiz.

Passend zur ­Heldenverehrung hat die Tiss auf Facebook das Foto einer Panzer-Haubitze aus türkischer Produktion gestellt, bereit zum Feuern auf Ziele in Syrien. Überlagert wird es durch die türkische Nationalflagge mit dem weissen Halbmond auf rotem Grund. Die Tiss gehört zu 13 türki­schen Organisationen in der Schweiz, die in einer ­Stellungnahme den «berechtigten und legitimen Militäreinsatz der Türkei zur Sicherung ihrer Grenzen und des Grenzgebietes vor Terroristen» unterstützen.

In einer Stellungnahme unterstützen 13 türkische Organisationen die Invasion.

Zugleich beklagen die Organisationen – neben der Tiss zum Beispiel auch die rechtsgerichtete Türkenföderation der Schweiz und die nationalistische Schweizerische Islamische Gemeinschaft (SIG) –, dass der Einmarsch unter Präsident Erdogan in den kurdischen Siedlungsgebieten Nordsyriens hierzulande zum Anlass genommen werde, «Hass gegen die türkischstämmige Bevölkerung und die Türkei zu schüren». Dabei behaupten die 13 Organisationen, für «die türkische Gemeinschaft und die türkischstämmige Bevölkerung» in der Schweiz zu sprechen. Das ist natürlich Unsinn, denn diese linientreuen «Dachorganisationen» vertreten in der Schweiz eine Minderheit der türkischstämmigen Diaspora. Diese ist mehrheitlich gegen Erdogan eingestellt, wie Wahlresultate belegen.

Das Thema der Freitagsgebete gibt Ankara vor

Tiss und SIG vertreten etwa 60 Moscheen, also ungefähr ein Fünftel der muslimischen Gotteshäuser in der Schweiz. Die Imame der Tiss-Moscheen werden von der Türkei bezahlt, und das Thema der Freitagsgebete gibt ihnen das Religionsministerium in Ankara vor. Am 11. Oktober, dem Tag, an dem es bei einer antitürkischen Demonstration vor Ankaras Botschaft in Bern zu Ausschreitungen kam, begann die vom Religionsministerium verfasste Freitagspredigt mit dem 20. Vers der 9. Koransure:* «Diejenigen, die glauben und auswandern und den Jihad auf dem Weg Allahs mit ihrem Besitz und Leben führen, sind vor Allah von grossem Rang. Und sie sind diejenigen, die ihre Ziele erreichen werden.»

Die Türkei finanziert 60 Moscheen in der Schweiz, hier eine in Zürich. Foto: PD

Von da wird dann der Bogen zur Operation «Friedensquelle» gespannt, mit einem Bittgebet an Allah: «Hilf unserer heldenhaften Armee, die einen Feldzug gestartet hat, für die Sicherheit unseres Landes, das Wohl unserer Nation, den Frieden und die Rettung unserer Religion! ( . . . ) Mach uns siegreich mit Deiner Kraft und Macht auf diesem Weg, auf den wir uns zur Beseitigung des Terrorismus und der Hetze begeben haben!»

Die SP-Politikerin Emine Seker Güzel war vor Ort

Das ist pure Kriegspropaganda, verbreitet in den von Ankara ferngesteuerten türkischen Gotteshäusern Europas. Es ist allerdings unklar, in wie vielen Tiss-Moscheen in der Schweiz diese Predigt so gehalten wurde wie vom Religionsministerium vorgegeben. Es wirkt jedenfalls mehr als befremdend, wenn Gebetsstätten missbraucht werden, um Erdogans gleichgeschaltete Hetze auch unter den türkischstämmigen Gläubigen in der Schweiz zu verbreiten. Offizielles Ziel der Operation «Friedensquelle» ist es ja, in den eroberten Gebieten Nordsyriens – nachdem man die dort lebenden Kurden vertrieben hat – ein bis zwei Millionen syrisch-arabische Flüchtlinge anzusiedeln, die im Moment noch in der Türkei leben. Die geplanten ethnischen Vertreibungen gepaart mit der demografischen Verschiebung zugunsten der Araber wären ein Kriegsverbrechen.

Die anfangs erwähnte Stellungnahme der türkischen Dachorganisationen wurde auf Türkisch und Deutsch vor der türkischen Botschaft in Bern verlesen. Anwesend waren Vertreter der Moscheeverbände und der türkischstämmigen Diaspora, unter ihnen die Berner SP-Politikerin Emine Seker Güzel. Sie setzt sich nach ihren eigenen Worten für Migranten und gegen Islamophobie und Rassismus ein. Die SonntagsZeitung hätte gern von ihr gewusst, wie sich ethnische Vertreibungen, erzwungene Änderung der Demografie und Überfall auf ein Nachbarland mit den Werten vereinbaren lassen, für welche die Sozialdemokratie gewöhnlich steht. Die SP-Politikerin liess diese Fragen unbeantwortet.

* Übersetzung: türkisches Religionsministerium



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Erstellt: 20.10.2019, 07:10 Uhr

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