Juden üben Kritik an Holocaust-Ausstellung

Die Schau «The Last Swiss Holocaust Survivors» gehe «unredlich» mit dem Thema um. Auch von «Täuschung» ist die Rede.

Nina Weil: Die Holocaust-Überlebende kam Ende der 60er in die Schweiz.

Nina Weil: Die Holocaust-Überlebende kam Ende der 60er in die Schweiz.

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Am Montag lädt die israelische Botschaft ein zum Holocaust-Gedenktag. Als Redner mit dabei sind der israelische Botschafter sowie Dominique de Buman, Präsident des Nationalrats, und Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG).

Die Erinnerung aufrechtzuerhalten, das ist seit ein paar Jahren auch die Mission von Anita Winter, der Frau des SIG-Präsidenten. Sie hat 2014 die Stiftung Gamaraal gegründet, die für Schweizer Holocaust-Überlebende Geld sammelt und, zusammen mit der Kommunikationsagentur Furrer Hugi, eine Fotoausstellung mit dem Titel «The Last Swiss Holocaust Survivors» konzipiert hat. Im Stiftungsrat sitzen Winter und ihre vier Kinder.

Sowohl an der Stiftung wie auch an der Ausstellung gibt es massive innerjüdische Kritik. Warum? Der Titel der Ausstellung ist gleich in dreierlei Hinsicht falsch. Gezeigt werden erstens nicht Schweizer Holocaust-Opfer, sondern es geht um Leute, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in die Schweiz eingewandert sind. Zweitens sind einige der abgebildeten Leute nicht Opfer, sondern Zeugen, einer ist sogar erst nach dem 2. Weltkrieg geboren. Drittens sind es nicht die letzten Überlebenden des Holocausts, es gibt noch viele andere.

«Es gibt im Prinzip keine Schweizer Holocaust-Überlebenden.»Yves Kugelmann, «Tachles»-Chefredaktor

Nina Weil, die auf dem Titelfoto zur Ausstellung zu sehen ist (siehe Foto), wurde 1932 in Klattau im heutigen Tschechien geboren. Sie lebte in Prag und wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert. Später kam sie nach Auschwitz. Sie überstand eine Selektion durch den KZ-Arzt Josef Mengele und überlebte. In die Schweiz kam sie erst nach der Niederschlagung des Prager Frühlings. Der ebenfalls porträtierte Daniel Gerson ist erst 1963 geboren. «Die Ausstellung will aufzeigen, dass eben auch die Second Generation oftmals stark von den Erfahrungen ihrer Eltern geprägt ist», sagt Anita Winter.

Im Magazin «Tachles» übt der jüdische Publizist Gabriel Heim harte Kritik. Er spricht von einem «unredlichen Umgang mit ernsten Themen», einem Trompe-lŒil (einer «Täuschung»), im Editorial ist von «Geschichtsklitterung» die Rede. «Tachles»-Chefredaktor Yves Kugelmann sagt: «Es gibt im Prinzip keine Schweizer Holocaust-Überlebenden und schon gar nicht unter den dargestellten Biografien.» Scharf kritisiert Kugelmann auch die PR-Agentur Furrer Hugi: «Es ist erstaunlich, dass eine Berner Agentur ohne jegliche Expertise im Bereich Holocaust-Education eine Ausstellung verantwortet.»

Was das Hilfswerk betrifft, so muss man wissen, dass sich der Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen (VSJF) seit Jahrzehnten um Holocaust-Überlebende in der Schweiz kümmert. Die Verteilung der Gelder läuft fast ausschliesslich über den VSJF, weil nur er die Adressliste hat. Von der Gamaraal-Stiftung stammen 42'000 Franken oder 1,5 Prozent des VSJF-Budgets, wie aus der Jahresrechnung hervorgeht. Verteilt wird das Geld an den drei höchsten jüdischen Feiertagen an 83 Personen, also je 180 Franken. Von anderen kommt aber viel mehr. «Der grösste Teil an Unterstützungsgeldern stammt von der Claims Conference, die weltweit die Gelder des deutschen Staates an die Überlebenden verteilt», sagt Gabrielle Rosenstein, Präsidentin des VSJF. Die meisten der Begünstigten sind nicht etwa arm, sondern «weitgehend gut betreut», wie Kugelmann sagt. Einige haben das Geld aus dem Gamaraal-Topf empört zurückgewiesen.

Bedürftigen erhalten nur wenig der Gelder

«Innerhalb wesentlicher Teile der jüdischen Gemeinschaft und gerade auch bei Holocaust-betroffenen Familien hat die Art und Weise, wie eine Agentur den Holocaust darstellt und wie sie Stiftungen und Donatoren angeht, für Irritationen gesorgt», sagt Kugelmann.

Umstritten ist insbesondere das Verhältnis zwischen den Ausgaben für die PR-Agentur und die Ausstellung und den Zuwendungen an die Holocaust-Überlebenden. Winter spricht von einem Verhältnis von 40 (für Holocaust-Überlebende) zu 60 (für die Ausstellungen). Aber das Budget für die Ausstellungen, das der SonntagsZeitung vorliegt, beträgt 571'000 Franken. Demnach flössen über 90 Prozent in die Ausstellung. Davon gehen gemäss Winter 30 Prozent an Furrer Hugi, also 171'300 Franken – das wäre viermal mehr als an die Bedürftigen. Winter spricht da von einem Missverständnis, da die Verteilaktion über mehrere Jahre laufe und sich so das Verhältnis wieder ausgleiche. Ob das wirklich im Zeichen der Donatoren ist – mit der ETH und dem Lotteriefonds ist teilweise auch die öffentliche Hand dabei –, wird sich zeigen.

Bild-Copyright: Gamaraal Foundation

Stellungnahme der Gamaraal Stiftung zum Artikel. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.01.2018, 23:20 Uhr

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