Kühe kämpfen ohne Hörner öfter

Kühe benutzen Hörner, um einander zu drohen. Fehlen diese, müssen sie häufiger zustossen, es kommt zu Hämatomen und Rippenbrüchen.

Hornkuh-Initiative: Der Mehrheit der Tiere werden die Hörner als Kälber entfernt. Bild: Keystone

Hornkuh-Initiative: Der Mehrheit der Tiere werden die Hörner als Kälber entfernt. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bauer Armin Capaul hat es immer gesagt: «Kühe brauchen Hörner, um zu kommunizieren.» Jetzt bestätigen Wissenschaftler von Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung, wofür der 67-Jährige aus dem Juragebirge kämpft: die Tatsache, dass Hörner das Sozialverhalten des Viehs beeinflussen.

Über mehrere Jahre hat ein Team von Biologen die Bedeutung des Hornstatus bei Milchkühen untersucht. Erste Resultate liegen nun der SonntagsZeitung vor und belegen, dass sich das Enthornen von Kühen vor allem auf die Art der Auseinandersetzungen zwischen den Herdenmitgliedern auswirkt.

«Kühe mit Hörnern lösen Konflikte und Rivalitäten mehrheitlich ohne Körperkontakt», sagt Eva van Beek von Agroscope. Oft reiche ein Drohen mit den Hörnern, und das rangniedrigere Tier weiche aus. Anders verlaufen hingegen Streitereien unter enthornten Kühen. Deutlich häufiger kommt es dann zu Kopfstössen. In der Folge haben die Kühe zwar keine klaffenden Wunden, dafür etwa Hämatome oder gar Rippenbrüche.

Volk stimmt über Direktzahlungen für Hornkühe ab

Denn das Drohen ohne Hörner ist nur schwer möglich, also sind Stosskämpfe das Mittel, um die Rangordnung in der Herde auszumachen. Gerade bei den enthornten Kühen aus den mittleren Rängen kommt es zu deutlich mehr Konflikten als bei Behornten.

Obwohl auf fast jeder Postkarte oder Milchpackung eine Kuh mit Hörnern prangt, ist heute der Grossteil der Kühe in der Schweiz enthornt. Bergbauer Capaul will dies ändern. Praktisch im Alleingang hat er genügend Unterschriften für die Hornkuh-Initiative gesammelt. Am 25. November stimmt nun die Schweiz darüber ab, ob Landwirte für Kühe mit Hörnern mehr Direktzahlungen erhalten sollen. Pro Kuh wären es jährlich 190 Franken mehr und pro Ziege 38 Franken.

Ausbrennen der Hörner schmerzt die Kühe nachhaltig

«Mir geht es um die Frage: Was ist uns die Würde der Kuh wert?», sagt Capaul. Das Horn sei warm, durchblutet und mit Nerven versorgt. «Woher nimmt sich der Mensch das Recht, das Tier zu verstümmeln?» Im Alter von wenigen Wochen brennt man den Kälbern die Hornansätze mit einem auf 700 Grad erhitzten Eisen aus. 200 000 Tiere sind jährlich davon betroffen. Trotz lokaler Narkose eine schmerzhafte Prozedur. So leiden praktisch alle Kälber 24 Stunden nach dem Eingriff an Schmerzen, wie eine eben erschienene Studie der Vetsuisse-Fakultät Bern zeigt. «Die Kühe können sich nicht wehren, also gebe ich ihnen eine Stimme», sagt Kuhflüsterer Capaul.

Der Hintergrund der Enthornung ist paradox. Dem Tierschutz zuliebe wechselten die Bauern vor rund 40 Jahren vom Anbinde- zum Laufstall. Dafür mussten die Hörner weg. Die Rechnung ist einfach: Die Kühe brauchen so weniger Platz, was den Ertrag pro Quadratmeter Stall steigert. Mit Horn hat das Vieh 8,4 Quadratmeter Auslauf, ohne 5,6 Quadratmeter.

Für Capaul ist klar: «Durch die Enthornung wurde das Tier ans Haltungssystem angepasst.» Das sieht auch Tanja Kutzer, Co-Geschäftsführerin von KAGfreiland so. Die Organisation setzt sich für ein gutes Leben der Nutztiere ein. «Dieses Zurechtstutzen der Kühe ist ein massiver Eingriff in die Ganzheitlichkeit des Tieres und daher mit einer ethischen Frage verknüpft: Wollen wir das?»

«Wie wir haben auch Kühe eine Individualdistanz – einen Abstand, den sie gewahrt haben möchten.»Tanja Kutzer, Agronomin

Horn-Kritiker argumentieren, dass es auch zum Schutz der Bauern nötig sei. Doch Unfallstatistiken zu Verletzungen durch Hornstösse fehlen. Zu einem friedlichen Umgang trägt jedoch genügend Platz bei. Je mehr Freiraum ein Laufstall bietet, desto geringer ist die Verletzungsgefahr für Mensch und Tier. Ebenfalls ist das Vieh ruhiger und weniger gestresst, wenn es reichlich Ausweichmöglichkeit hat.

Agronomin Kutzer sagt: «Wie wir haben auch Kühe eine Individualdistanz – einen Abstand, den sie gewahrt haben möchten.» Überschreite eine Artgenossin diese Distanz, könne eine Kuh aggressiv reagieren und sich mit Kopf- respektive Hornstössen den nötigen Raum verschaffen.

«Könnten die Tiere wählen, hätten sie Hörner.»Armin Capaul, Bauer

Bergbauer Capaul plädiert deshalb für ein Drittel mehr Platz für die Kühe in der Schweiz. Doch die Zuchtverbände wollen davon nichts wissen und sehen stattdessen in hornlosen Zuchtbullen eine Lösung. Allerdings kommt die Milchleistung von deren Nachkommen noch nicht an die von behornten Stieren heran.

«Könnten die Tiere wählen, hätten sie Hörner», ist sich Capaul sicher. Für einen Teil der Studie banden die Agroscope-Forscher den hornlosen Kühen Halfter mit Hörnerattrappen um. Dabei zeigte sich, dass diese den Kopf höher trugen als solche ohne. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.10.2018, 15:50 Uhr

Artikel zum Thema

Schweizer Kühe sind zu dick und zu gross

Breite Hintern, riesiger Appetit: Die Schweizer Kühe werden immer grefrässiger und grösser. Dieser Trend muss gestoppt werden, sagen Experten. Mehr...

«Mir gefallen Kühe mit Hörnern auch besser»

Die Hornkuh-Initiative erntet viel Sympathie. Doch das reicht im Nationalrat nicht für die Unterstützung des Anliegens. Mehr...

GPS-Tracker kontrolliert Freilaufkühe

Die Schweiz gilt nicht als Musterland der Digitalisierung. Doch einige Bundesämter arbeiten an Projekten wie dem smarten Bauernhof oder der Zollabfertigung von LKWs während der Fahrt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...