LafargeHolcim wehrt sich gegen Vorwurf der Terrorfinanzierung

Der Zementkonzern hat Einsprache gegen die Ermittlungen der französischen Justiz eingereicht– obwohl er Schutz- und Lösegeldzahlungen in Syrien einräumte.

Hat mit Terrorgruppen kollaboriert: Zementfabrik von Lafarge im syrischen Jalabiya. Foto: AFP

Hat mit Terrorgruppen kollaboriert: Zementfabrik von Lafarge im syrischen Jalabiya. Foto: AFP

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Neue Wende in der Affäre rund um Schutz- und Lösegeldzahlungen an terroristische Gruppierungen in Syrien: Der weltgrösste Zementkonzern LafargeHolcim, der 2015 aus der Fusion der französischen Lafarge mit der schweizerischen Holcim hervorging, hat in der letzten Dezemberwoche bei der Untersuchungskammer des Pariser Appellationsgerichts Einsprache gegen das Ermittlungsverfahren der französischen Justizbehörden eingereicht. Das bestätigt Sprecher Eike Christian Meuter: «Wir sind der Auffassung, dass die gegenüber Lafarge SA vorgebrachten Anschuldigungen nicht den Verantwortlichkeiten der Gesellschaft entsprechen, und haben dagegen Ende letzten Jahres Rechtsmittel eingelegt.»

Am 28. Juni 2018 hatten die Justizbehörden in Paris gegen die französische Tochtergesellschaft eine formelle Ermittlung gestartet – mit äusserst schwerwiegenden Anschuldigungen: Ermittelt wird wegen Terrorfinanzierung, Komplizenschaft bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Gefährdung von Leben anderer und Missachtung von EU-Sanktionen gegen islamistische Gruppierungen in Syrien.

Im März 2017 hatte LafargeHolcim erstmals zugegeben, dass die französische Lafarge SA in den Jahren 2013 und 2014 mit islamistischen Terrorgruppen in Syrien kollaboriert hatte. Die örtlichen Verantwortlichen in der syrischen Zementfabrik Jalabiya hatten Wegzölle an bewaffnete Gruppen gezahlt, um sicherzustellen, dass die Mitarbeiter ­ungehindert das Werk betreten und ­verlassen konnten. Zudem zahlte das Unternehmen Schutzzölle, damit Rohstoffe in die Fabrik gebracht und Fertigprodukte ausgeliefert werden konnten. Hauptziel war jedoch der Schutz der Fabrik, die sich Lafarge fast 700 Millionen Dollar hatte kosten lassen. Die Zahlungen beliefen sich gemäss einem Bericht der Anwaltskanzlei Baker McKenzie, die von LafargeHolcim mit einer Untersuchung der Vorfälle beauftragt worden war, auf insgesamt 15 Millionen Dollar. Ein Teil davon ging an die Terrormiliz Islamischer Staat.

Schuld wird erneut auf lokale Verantwortliche abgeschoben

Konzernchef Eric Olsen versuchte schon damals, die Schuld auf die örtlichen Verantwortlichen abzuladen. «Die für Syrien Verantwortlichen» hätten erhebliche Fehleinschätzungen getätigt, die nicht mit dem geltenden Verhaltens­kodex vereinbar waren. Von einer Mitverantwortung der Konzernzentrale in Paris wollte er nicht reden.

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Doch Recherchen der Sonntags­Zeitung zeigten schon damals, dass die Lafarge-Chefs am damaligen Hauptsitz in Paris bestens im Bild waren. Die Untersuchungen bestätigten dies. Vor knapp zwei Jahren kostete der Syrien-Fall schliesslich zwei Spitzenleute den Kopf. Sowohl Bruno Lafont, der erste Verwaltungsratspräsident von LafargeHolcim, als auch der erste Konzernchef Eric Olsen gaben den unfreiwilligen Rücktritt bekannt. Gegen beide ermittelt die französische Justiz seit 2017 ­wegen Terrorfinanzierung, Beihilfe zu Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Nun scheint LafargeHolcim unter Olsens Nachfolger Jan Jenisch die Verantwortung erneut auf die lokalen Verantwortlichen abschieben zu wollen. Sprecher Eike Christian Meuter sagt zwar: «LafargeHolcim bedauert die in Syrien begangenen inakzeptablen Fehler zutiefst.» Doch: «Gleichzeitig ist es wichtig zu betonen, dass das Kontrollsystem der Niederlassung in Syrien dem Konzern nicht erlaubte, Fehlverhalten zu identifizieren. Dieses Fehlverhalten war Folge von Verstössen gegen interne Vorschriften und Compliance-Regeln, für die eine kleine Gruppe Personen verantwortlich war, die das Unternehmen verlassen hat.»

Das Unternehmen widerspricht sich selber

Doch die Aussage, der Konzern habe die Schutz- und Lösegeldzahlungen nicht «identifizieren» können, steht im Widerspruch zu den Untersuchungsergebnissen – und zu einer Medienmitteilung von LafargeHolcim vom 24. April 2017. Damals gab der Verwaltungsrat zu, «dass, obwohl diese Massnahmen vom lokalen und regionalen Management veranlasst wurden, bestimmte Mitglieder des Konzernmanagements Kenntnis von Umständen hatten, die darauf hindeuteten, dass eine Verletzung bestehender Geschäftsgrundsätze von Lafarge stattgefunden hat».

Trotzdem lautet die Verteidigungslinie von LafargeHolcim in ihrer Einsprache von Ende Dezember, die von der Justiz vorgeworfenen Tatbestände beträfen ausschliesslich individuelles Fehlverhalten, das bei Lafarge Cement Syria festgestellt wurde. Die Ermittlungen gegen die damalige Muttergesellschaft Lafarge SA seien deshalb einzustellen.

Der Syrien-Fall wird LafargeHolcim noch lange belasten. Bis das Pariser ­Appellationsgericht die Einsprache ­behandelt, dürften Monate oder sogar Jahre vergehen, befürchtet man am Hauptsitz in Zug.

Erstellt: 23.02.2019, 21:14 Uhr

Konzernchef Jan Jenisch: Der Fall wird seine Firma noch länger belasten. Foto: Salvatore Vinci / 13 Photo

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