Lagerkoller wegen Heimweh

Für viele Kinder wird das Klassenlager zum Albtraum – sogar Oberstufenschüler leiden heute unter dem Elternentzug.

Nicht ohne Mama und Papa: Die Überbehütung von Kindern stellt Lehrer zunehmend vor Probleme. Bild: Getty Images

Nicht ohne Mama und Papa: Die Überbehütung von Kindern stellt Lehrer zunehmend vor Probleme. Bild: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie war schon in vielen Klassenlagern, aber so wie vor zwei Wochen mit den Sechstklässlern war es noch nie. Fünf Tage, vier Übernachtungen, so war es geplant. Aber kaum angekommen, ging es los. «Mehrere Schüler, fünf oder sechs, hatten Heimweh», sagt die Zürcher Primarlehrerin. «So etwas habe ich noch nie erlebt.»

Die Kinder weinten, einige verweigerten das Abendessen, andere wollten nicht ins Bett. Wieder andere lagen zwar im Bett, konnten aber nicht einschlafen. Nachts weckten sie die Lehrerin. Am dritten Tag rief sie die Eltern an, ihr Handy hatte sie mitgenommen, «für den Notfall», sagt sie. «Ich hätte nie gedacht, dass der Notfall so aussieht.» Zwei Kinder wurden schliesslich von den Eltern abgeholt.

Digitale Dauerbehütung erschwert die Abnabelung

Dass Kinder wegen Heimweh abreisen, hat Kurt Willi, Mittelstufenlehrer und Vizepräsident des Zürcher Lehrerverbands, noch nie erlebt. Aber auch er stellt fest: Statt Hochgefühle lösen Klassenlager vermehrt einen Heimwehkoller aus. Früher, sagt er, habe es sich bei den Heimwehkindern um «Einzelfälle» gehandelt, jetzt musste Willi im Klassenlager vor zwei Wochen feststellen, dass gleich «mehrere Kinder Heimwehsymptome zeigten».

Betroffen sind davon zunehmend auch ältere Schüler. In der Praxis von Familientherapeut Henri Guttmann sitzen 12- und 13-Jährige, die ohne Mama und Papa nicht zurechtkommen. «Kürzlich hatte ich einen Sechstklässler, der das Klassenlager nur aushielt, weil er im Zimmer der Französischlehrerin schlafen konnte», sagt Guttmann. «Und damit war er nicht allein. Ein anderer Schüler hat sich ebenfalls bei der Franzlehrerin einquartiert.»

Diese Kinder, so zeigte sich, schliefen auch zu Hause bei den Erwachsenen. Co-Sleeping nennen es Fachleute, wenn die Kinder nicht mehr aus dem Elternschlafzimmer ausziehen. In extremen Fällen dominiert der Filius das ganze Familiengefüge. Bei Guttmann suchte eine Mutter Rat, deren 13-jähriger Sohn noch immer bei ihr im Bett schlief – der Ehemann im Kinderzimmer.

Ein zunehmendes Problem

Der Club der Heimwehkinder hat Zulauf. Das hat laut Erziehungsexperten mit der digitalen Dauerbehütung zu tun. Eltern rüsten ihre Kinder mit Handys aus: ein optimales Aufpassgerät, mit dem sie sich an die Fersen ihres Nachwuchses heften können – mit Anrufen, täglich mehreren Whatsapp-Meldungen und Facetime zwischendurch. Umgekehrt kann der Spross beim kleinsten Problem die Eltern zuschalten. «Das Handy ist wie eine verlängerte Nabelschnur», sagt Guttmann. «Dadurch wird die Abnabelung erschwert oder sogar unmöglich.»

Inzwischen leiden sogar Oberstufenschüler unter Heimweh. «Das ist ein zunehmendes Problem», sagt Alain Pichard, Lehrer auf der Sekundarstufe im Kanton Bern. «Die Schüler haben vermehrt Mühe, auswärts zu übernachten.» Das zeige sich etwa beim jährlichen Sprachaustausch mit der Westschweiz. Ein Ausflug über die Sprachgrenze mit vier Übernachtungen. In früheren Jahren hätten sich jeweils zwei, drei Schüler pro Klasse abgemeldet, sagt Pichard. «Jetzt sind es bis zu 50 Prozent.»

Dafür gebe es verschiedene Gründe, «aber immer häufiger ist die Ursache das Heimweh». Pichard forschte nach und erkundigte sich bei einem Schüler, warum er am Austausch nicht teilnehme. Unverblümt erklärte der Teenager: «Vergessen Sies, ich habe sofort Heimweh, ich kann nicht mal bei meiner Grossmutter übernachten, ohne dass ich nach Hause will.»

«Ich mache mir grosse Sorgen. Er war noch nie so lange von mir getrennt.»Mutter zum Schulleiter

Im Büro von Psychologe Jürg Frick spiegelt sich das Phänomen auf einer anderen Ebene. Er berät Lehrer an der Pädagogischen Hochschule Zürich. «Heimweh im Klassenlager hat zugenommen», sagt Frick. «Aber noch mehr zugenommen hat, dass Eltern ins Lager telefonieren, sich einmischen und übertriebene Besorgnis zeigen.»

Lehrer und Schulleiter kennen die ganze Palette der Helikopter-Eltern, die ihre Kinder mit Fürsorge überschütten. Da ist die Mutter aus einer Zürcher Agglomerationsgemeinde, deren Sohn, ein Sekschüler, ins Klassenlager in den Bergen fährt, Handyempfang gibt es dort nicht. Die Mutter ruft zehnmal den Lehrer an, den die Anrufe im Funkloch nicht erreichen. Dann ruft die aufgelöste Frau den Schulleiter an, sagt unter Tränen, sie könne ihren Sohn nicht erreichen: «Ich mache mir grosse Sorgen. Er war noch nie so lange von mir getrennt.»

Da ist das Mädchen, das sich beim Fussballspielen auf der Wiese vor dem Lagerhaus leicht verletzt und, noch bevor es den Lehrer informiert, seine Mutter zu Hause anruft, die wiederum dem Lehrer telefoniert. Und da ist das Kind, das im letzten Lager von Lehrer Kurt Willi täglich einen Brief von zu Hause erhielt. «Manchmal, sagt er, «haben die Eltern mehr Sehnsucht nach ihrem Kind als umgekehrt.»

Buben sind stärker betroffen als Mädchen

Experten warnen vor den Folgen der Überbehütung. «Diese Eltern sind mit ihren Kindern symbiotisch verbunden, wie es der Entwicklungsphase nicht entspricht», sagt Therapeut Guttmann. «Das schafft emotionale Abhängigkeiten. Im Klassenlager wird das unterbrochen. Die Kinder sind quasi auf Entzug.»

Unter Heimweh leiden nach Guttmanns Erfahrung mehr Buben. Denn Mütter hätten die Tendenz, ihre Jungs mehr zu verwöhnen als ihre Töchter. «Sie sind oft narzisstisch entzückt von ihrem kleinen Prinzchen, da ist Heimweh natürlich die Bestätigung: Mama ist die Tollste!»

Guttmann kennt Mütter, die ihren Sohn auch mit zehn noch anziehen, 13-jährige Teenager am Morgen wecken und ihnen Nutella-Brötchen streichen. Jetzt hat er ein Video auf Youtube hochgeladen – zur Erziehung der Eltern. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.10.2018, 17:49 Uhr

Artikel zum Thema

Albtraum Klassenlager

Mamablog Was tun, wenn Kinder sich davor fürchten, eine Woche ohne die Familie zu sein? Zum Blog

Jeder dritte Schüler leidet an Burn-out-Symptomen

SonntagsZeitung Kindergärtler klagen über Bauchweh, Primarschüler haben regelmässig Kopfschmerzen – viele Volksschüler zeigen Überforderungssymptome. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Wettermacher Der Name der Hose

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Vatikan: Bischöfe während der Heiligsprechung des Papstes Paul VI und des 1980 ermordeten Erzbischofs Oscar Romero aus San Salvador.(14. Oktober 2018)
(Bild: Alessandro Bianch) Mehr...