Lausige Löhne für Mitarbeiter auf Flusskreuzfahrten

Schweizer Anbieter zahlen Matrosen 1470 Euro brutto pro Monat. Viking sackt einen Teil der Trinkgelder ein.

Der deutsche Minimallohn gilt in der Branche als Massstab: Ein Matrose auf einem Kreuzfahrtschiff auf dem Rhein. Foto: Keystone

Der deutsche Minimallohn gilt in der Branche als Massstab: Ein Matrose auf einem Kreuzfahrtschiff auf dem Rhein. Foto: Keystone

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Den Passagieren fehlt es an nichts auf den Schiffen der in Basel beheimateten Reederei Viking River Cruises, die über Rhein, Donau oder Elbe tuckern. In ihren Broschüren wirbt die weltgrösste Anbieterin von Flusskreuzfahrten, die vor zwei Wochen in den tödlichen Unfall in Budapest verwickelt war, mit luxuriösen Suiten, einer Auswahl an Restaurants, Bar und Lounges in elegantem Design, üppigen Mahlzeiten, weitläufigen Sonnendecks und energiesparenden Hybridmotoren, die für eine «bemerkenswert ruhige Fahrt» sorgten.

Was die Passagiere nicht wissen: Die Angestellten, die für ihr Wohl sorgen, erhalten für ihre Arbeit ausgesprochen tiefe Löhne. Zum Beispiel ein ehemaliger Matrose, der Ungar Balázs Horvath*, der von 2012 bis 2018 auf Viking-Schiffen auf dem Rhein und der Donau gearbeitet hat. Er erzählt: «In den ersten drei Jahren erhielt ich pro Monat 2200 Franken brutto. Davon wurden jedoch 450 Franken für Kost und Logis abgezogen.» Immerhin: Wenn er von Budapest nach Amsterdam, Rotterdam oder Basel fliegen musste, zahlte ihm die Firma die Flugkosten.

Doch 2015 gab es einschneidende Änderungen: Am gleichen Tag, an dem die Schweizerische Nationalbank den Euromindestkurs aufhob, informierte Viking ihre Arbeitnehmer darüber, dass die Gehälter für Kapitäne, Schiffsführer und Matrosen fortan in Euro ausbezahlt würden. Für die Angestellten bedeutete das einen Lohnausfall. Horvath etwa erhielt neu 1954 Euro brutto, abzüglich 409 Euro für Verpflegung und Wohnen an Bord. Die Reisekosten zum Arbeitsort wurden von der Firma nicht mehr abgegolten.

Nur wer in Osteuropa lebt, kann von der Arbeit leben

Viking ist mit solch tiefen Löhnen nicht allein, sondern sie sind auf den Flusskreuzfahrtschiffen gang und gäbe. Das bestätigt Daniel Buchmüller, Präsident der Schweizer Branchenvereinigung IG Rivercruise. Er sagt: «Für die Reedereien, egal, ob diese zum Beispiel den Sitz in den Niederlanden, der Schweiz oder in Österreich haben, gilt der deutsche Minimallohn als Massstab.» Dies sei allerdings freiwillig. Tiefere Löhne sind also möglich. Der deutsche Mindestlohn beträgt derzeit 9,19 Euro pro Stunde – brutto, also vor Abzug der gesetzlichen Sozialversicherungen. Bei einem Arbeitstag von acht Stunden, wie ihn etwa Viking in ihren Verträgen festgelegt hat, bedeutet dies einen monatlichen Bruttolohn von 1470 Euro.

Viking zahle mehr, beteuert ein Sprecher der Firma. Der Nettolohn einer ungelernten Hilfskraft liege bei minimal 1700 Euro, «was in den Herkunftsländern der Mitarbeiter ein sehr guter Lohn ist». Zusätzlich werde jedem Mitarbeiter die Krankenkasse bezahlt. Doch die Aussage lässt sich widerlegen, denn Horvath legt Lohnabrechnungen aus mehreren Jahren vor, aus denen hervorgeht, dass er einen deutlich tieferen Lohn erhielt: mal 1400 Euro, mal 1500 Euro – brutto.

1000 Euro Trinkgeld monatlich

Davon können nur Mitarbeiter leben, die aus Ländern mit tiefen Lebenskosten stammen. Darum sind auf den Schiffen praktisch keine Westeuropäer zu finden (vielleicht mit Ausnahme der Kapitäne, die laut Branchenvertreter Daniel Buchmüller 3500 Euro netto erhalten), sondern vorwiegend Osteuropäer. Horvath etwa lebt im Süden von Ungarn, vierzig Kilometer von der serbischen Grenze entfernt. Er brachte mit dem Lohn, den ihm Viking zahlte, seine Familie durch.

Möglich war das aber nur, weil die Passagiere üppige Trinkgelder zahlen, die am Ende der Fahrt auf alle Mitarbeiter aufgeteilt werden. Viking empfiehlt ihren US-Gästen, welche die grösste Passagiergruppe darstellen, 15 Dollar Trinkgeld pro Gast und Tag. Laut Horvath erhielt er nach der einwöchigen Fahrt von Basel nach Amsterdam wie alle anderen Matrosen und Hotelangestellten im Schnitt ein Trinkgeld von 250 Euro – im Monat macht das für einen Vollzeitangestellten 1000 Euro zusätzlich zum Lohn.

Firma behält einen Teil der Trinkgelder ein

Doch das ist Vergangenheit, denn Viking zahlt seit Anfang diesen Jahres den Angestellten die Trinkgelder nicht mehr bar aus. Laut Horvath sehen die Angestellten nichts davon. Die Firma behalte die Trinkgelder für sich. Laut dem St. Galler Arbeitsrechts­professor Thomas Geiser ist das rechtlich nicht zulässig. «Der Kunde bestimmt diese Zuwendung für das Personal und nicht für den Arbeitgeber. Behält dieser das Geld, wird dieses zweckentfremdet und der Kunde getäuscht.»

Viking bestreitet, dass sie die Trinkgelder einsackt, bestätigt jedoch, dass sie diese neu als Lohnbestandteil ausbezahlt. «Wir haben im Mitarbeitervertrag vereinbart, dass Trinkgelder Teil des Bruttogehalts sind», sagt der Sprecher. «Alle Trinkgelder werden zur Finanzierung der Gehaltserhöhungen unserer Crew verwendet.» Um wie viel die Löhne erhöht wurden, sagt er jedoch nicht.

Aufgrund seiner Angabe, dass Viking Nettolöhne von 1700 Euro zahlt, ist ausgeschlossen, dass den Mitarbeitern die entgangenen Trinkgelder von 1000 Euro vollständig über den Lohn abgegolten werden. Piet Dörflinger, Sekretär der Gewerkschaft Nautilus International, bestätigt aufgrund von Gesprächen mit drei Viking-Angestellten, dass ihnen ein Grossteil der Trinkgelder seit diesem Jahr nicht mehr ausbezahlt wird.

Darstellungen bestätigt

Extrem tiefe Löhne wie bei Viking seien auch bei anderen Schweizer Firmen üblich, sagt Dörflinger. «Viking gehört sogar eher zu den ‹Besseren›.» Die Hotel- und Hauswirtschaftsangestellten auf den Schiffen anderer Flusskreuzfahrtgesellschaften bekämen üblicherweise Nettolöhne zwischen 800 und 1200 Euro. «Die Löhne sind ausbeuterisch. Darum wird immer weiter nach Osten rekrutiert.» Wie viel Lohn die beiden grössten Schweizer Flusskreuzfahrtanbieter Twerenbold und Mittelthurgau ihren Mitarbeitern zahlen, bleibt deren Geheimnis. Der Sprecher beider Unternehmen sagt: «Wir kommunizieren die Löhne von unseren Mitarbeitenden in all unseren Unternehmungen nicht.»

Die tiefen Löhne sind das eine, die überhöhten Arbeitszeiten das andere. Vor einer Woche berichtete die SonntagsZeitung über schwere Vorwürfe eines Matrosen, der über Arbeitszeiten von bis zu 16 Stunden pro Tag und die Verletzung der gesetzlichen Ruhezeitbestimmungen berichtete. Balázs Horvath bestätigt diese Darstellung vollumfänglich. «Die Ruhezeiten wurden nie eingehalten. Oft hatten wir nur vier Stunden Schlaf.»

* Name der Redaktion bekannt



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Erstellt: 15.06.2019, 20:02 Uhr

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