Lebenslänglich im Gefängnis der Angst

Das Opfer eines Serientäters rechnet mit dem Schlimmsten: Der Angreifer wird nach 20 Jahren Haft freigelassen.

Die Polizei empfiehlt Daniel Tanner Pfefferspray zum Schutz vor T. W.. Foto: Stefano Schröter

Die Polizei empfiehlt Daniel Tanner Pfefferspray zum Schutz vor T. W.. Foto: Stefano Schröter

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Noch immer quälen ihn die Erinnerungen. Von der Gewalttat hat sich Daniel Tanner (Name geändert) bis heute nicht erholt. Sein Peiniger wird im Sommer nach langer Haft in die Freiheit entlassen – er, Tanner, bleibt gefangen in seiner Angst: «Ich habe lebenslänglich.»

Die Tat kam nicht aus heiterem Himmel, sie kam mit Ansage.

Als sich Daniel Tanner an jenem trüben Tag im November 1997 hinter das Steuer seines weissen Kleinwagens setzt, ahnt er nicht, dass sich kurze Zeit später sein Leben für immer verändern wird. Gegen Mittag fährt er durch das luzernische Malters, als ihn ein Motorradfahrer überholt, von rechts donnert gleichzeitig ein Lastwagen heran. Tanner geht brüsk auf die Bremsen, schert leicht aus, um einen Zusammenstoss zu verhindern. Auf dem ­Motorrad sitzt T. W. (Name der ­Redaktion bekannt), ein ehemaliger Schweizer Meister im Bodybuilding und noch immer ein Muskelpaket. Er fühlt sich von Tanners Fahrstil provoziert, wartet an der nächsten Kreuzung. Sofort entbrennt ein Streit, T. W. spuckt in den Wagen, hämmert mit seinem Helm auf die Kühlerhaube. Als Tanner aussteigt, rammt er ihm die Faust in den Magen. Droht: Wenn du mich anzeigst, werde ich dich suchen, finden und umbringen – darin habe ich genug Erfahrung.

«Ein Opfer, das sich wehrt, hat immer zwei gegen sich»

Was Tanner nicht weiss: Sein Angreifer ist erst vor kurzem aus dem Gefängnis gekommen. Das Luzerner Kriminalgericht verurteilte T. W. 1994 wegen mehrfachen Raubs zu fünf Jahren Zuchthaus. In mehreren Kantonen hatte er ­bewaffnete Überfälle auf Restaurants und Tankstellen verübt, vollgepumpt mit Anabolika, die er sich ins Gesäss spritzte. Bei einem dieser Raubzüge schoss er eine Ladung Schrot in den Boden, verletzte zwei Küchengehilfen. Nun, kurz nach seiner Haftentlassung, sind Polizei und Justizbehörden bereits wieder mit ihm beschäftigt. Mehrere Strafanzeigen sind gegen ihn hängig, unter anderem wegen Vergewaltigung und Körperverletzung.

Von alldem ahnt Daniel ­Tanner nichts, als er gegen T. W. Anzeige erstattet.

Was dann geschieht, schildert der heute 48-jährige Elektromonteur so: Der Amtsstatthalter in Luzern empfiehlt ihm, seine Anzeige zurückzuziehen, die Tat lasse sich nicht beweisen, eine Gegenanzeige sei nicht ausgeschlossen, das könne teuer werden. «Ein Opfer, das sich wehrt, hat immer zwei gegen sich», sagt Tanner, «die Justiz und den Täter».

Tanner zögert zunächst, zieht dann seine Anzeige zurück. Damit ist die Sache für die Behörden ­erledigt. Nicht aber für T. W: Er macht seine Drohung wahr.

Sein Opfer zu finden, ist nicht schwer. Die Adresse stand auf der Anzeige. Und Tanner ist als Einwohnerrat eine öffentliche Person. Seine Arbeitsstelle hat Tanner wenige Wochen nach der Attacke in Malters verloren, er ist traumatisiert, kann die Leistung nicht mehr bringen. Jetzt, ein Jahr später, ist er ­gerade dabei, einen kleinen Reparaturbetrieb für Elektrogeräte aufzubauen. Er arbeitet von zu Hause aus, die Kunden können ihre defekten Geräte auch nach Feierabend vorbeibringen.

«Blick»-Ausriss vom Herbst 2011.

Eines Abends ruft ein Mann an, der sich Claudio nennt. Sein Videogerät sei kaputt, ob er vorbeikommen könne? Gegen 20.30 Uhr klingelt es an Tanners Tür. «Dann ging alles blitzschnell», sagt er. «Ich hatte keine Chance.» T. W. ist nicht allein, ein maskierter Komplize begleitet ihn. «Als ich die Tür öffnete, sprühte er mir Pfefferspray in die Augen, nahm mich in den Schwitzkasten, schlug mich auf den Kopf, ich ging zu Boden», erinnert sich Tanner. «Ich habe mich gewehrt, mit allem, was ich hatte.» Erst als Nachbarn herbeieilen, alarmiert durch den Krach, lassen die Täter von ihm ab und flüchten.

Den Justizbehörden ist zu diesem Zeitpunkt längst bekannt, dass es sich bei T. W. um einen gefährlichen Intensivtäter handelt. Die Anatomie seiner Delinquenz erschliesst sich aus den Ermittlungen der Polizei, Zeugenaussagen und Dokumenten. Sie erzählen die Vorgeschichte.

Sie beginnt, als T. W. 19 Jahre alt ist. Er wird ein erstes Mal verurteilt, wegen Hehlerei. Dann begeht er Verkehrs- und Eigentumsdelikte. 1994, T. W. ist 26, folgt die Verurteilung wegen mehrfachen bewaffneten Raubs. Drei Jahre später ist er wieder draussen.

Im September 1997 vergewaltigt er in seiner Wohnung eine junge Frau. Um sie gefügig zu machen, hält er ihr eine Softgun-Pistole an den Kopf, dann zückt er ein Messer mit langer gezackter Klinge. In den folgenden Wochen und Monaten hinterlässt er eine Spur der Verwüstung: Er demoliert einen Videoladen, droht seiner Ex-Frau, sie und ihren Freund umzubringen. Er prügelt einen Bus-Chauffeur der Luzerner Verkehrsbetriebe spitalreif, raubt einen IV-Rentner mehrmals aus, schlägt auf offener Strasse einen spanischen Touristen zusammen und bedroht einen Motorradhändler, dem er Geld schuldet, mit dem Tod.

Bei einer Befragung auf dem Polizeiposten kündigt T. W. an, er hole eine Waffe, damit «endlich ­etwas geht». Auf der Polizeiwache werden die Sicherheitsmassnahmen erhöht.

Ein Gutachter beurteilt T. W. als schwer behandelbar

Die Verfahren zu all diesen Taten laufen, doch T. W. bleibt auf freiem Fuss. Nur zehn Tage nach dem Ausraster auf der Polizeiwache ­attackiert er Daniel Tanner in dessen Wohnung. Dieser zeigt ihn zum zweiten Mal an, kurz darauf wird T. W. verhaftet.

Was seit dem Angriff bleibt, ist diese ungeheure Wut. Wut auf den Täter. Wut auf die Justizbehörden, die sein Leben aus Spiel setzten.

Das Kriminalgericht Luzern verurteilt T. W. 1999 zu fünf Jahren und zehn Monaten Zuchthaus. Die Delikte: Vergewaltigung, mehrfacher Raub, mehrfache einfache Körperverletzung, mehrfache Drohung, mehrfache Gewalt und Drohung gegen Beamte, Unterlassung der Nothilfe, mehrfacher Hausfriedensbruch. Die Richter ordnen eine Therapie während des Strafvollzugs an.

Ein Gutachter diagnostiziert bei T. W. eine «dissoziale Persönlichkeitsstörung», er beurteilt ihn als gefährlich, schwer behandelbar und kaum kooperativ. Auf Weisung des Bundesgerichts wird T. W. 2003 verwahrt. Als 2007 das neue Strafgesetzbuch in Kraft trifft, hebt das Luzerner Obergericht die Verwahrung wieder auf und ordnet stattdessen eine stationäre Massnahme an. Zweimal wird sie verlängert, T. W. gilt weiter als gefährlich.

2017 zieht er vor Bundesgericht, um ­seine sofortige Freilassung durchzusetzen. Es liege keine schwere psychische Störung mehr vor, argumentiert seine Anwältin, die stationäre therapeutische Massnahme sei weder wirksam noch verhältnismässig. Zudem dauere die Haft bereits 20 Jahre, T. W. habe seine vom Gericht verhängte Strafe damit viermal so lange abgesessen.

Dagegen hält ein neues psychiatrisches Gutachten fest: Die über lange Jahre durchgeführte Psychotherapie habe zwar positive Wirkungen gezeigt, dennoch liege nach wie vor «eine dissoziale Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen Persönlichkeitszügen» vor. Dass T. W. nach seiner Entlassung Tötungshandlungen begehe, sei «weniger wahrscheinlich», aber im Konfliktfall seien «aus der Situation heraus entstehende und der Durchsetzung der eigenen Position dienende punktuelle Gewalthandlungen zu erwarten».

800 Franken von der Opferhilfe, aber keinen Waffenschein

Dennoch empfiehlt der Gutachter die baldige Entlassung – mit der Begründung, dass T. W. eine stationäre Behandlung «kategorisch ablehne». Sie weiterzuführen, bringe daher wenig, Vollzugslockerungen und eine Begleitung von T. W. «im Sinne der Förderung von konstruktiven Konfliktlösungsstrategien» seien erfolgversprechender, was die Legalprognose, also das Rückfallrisiko betreffe. Das Bundesgericht legt den Tag der Entlassung fest: 13. August 2019.

Seither fürchtet Daniel Tanner um sein Leben. Er hat Angst vor dem Mann, den er angezeigt hat. Er lebt heute von einer bescheidenen IV-Rente, leidet unter Schlafstörungen, Asthma, Kreislaufproblemen, die Haare fallen ihm aus.

Von der Opferhilfe hat Tanner 800 Franken bekommen. «Die reichten nicht mal, um den Anwalt zu bezahlen, der eine verwaltungsrechtliche Beschwerde prüfen sollte.» Der Jurist hatte schriftlich beim Luzerner Vollzugsdienst angefragt, ob es ein Sicherheitskonzept für Tanner gebe und welche Massnahmen zum Schutz gegen Gewalt, Drohung oder Nachstellungen ergriffen wurden. Auskunft haben die Behörden dazu nie erteilt.

Zur Selbstverteidigung wollte sich Tanner einen Teleskopschlagstock zulegen. Dazu brauche er eine Waffentragbewilligung, hiess es bei der Polizei, diese könne aber nicht erteilt werden, da keine tatsächliche Gefährdung vorliege. Man empfiehlt ihm Pfefferspray.

Noch heute quält ihn jeden Morgen nach dem Aufwachen der Gedanke, was er noch tun könnte, damit der Albtraum endet. Ende Januar hat Tanner beim Luzerner Statthalteramt eine Petition eingereicht. Mehr als 300 Menschen, sagt er, hätten unterschrieben. Die Petition fordert: «Schluss mit den Experimenten», T. W. solle lebenslang verwahrt werden.

«Zweimal musste ich für die ­Behörden Versuchskaninchen spielen und wurde das Opfer von ­Gewalt, weil ihm die Justiz immer wieder eine Chance gab», beschreibt Daniel Tanner seine Situation. «Ein drittes Mal werde ich das vielleicht nicht überleben.»

Erstellt: 28.02.2019, 21:42 Uhr

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