Leere Gänge statt voller Kassen

Die Betreiber der Mall of Switzerland planen bereits eine Umnutzung – obwohl das Einkaufszentrum erst im Herbst eröffnet wurde.

Da kamen noch viele Besucher: Bilder des Eröffnungstags der Mall of Switzerland im luzernischen Ebikon. (Video: Nicolas Fäs)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Kleine hat ihre helle Freude an der Wand mit dem aufgemalten Piano. Drückt sie auf die Tasten, erklingt ein Ton. «Wir sind oft hier. Das ist praktisch für uns. Unsere Tochter stolpert hier niemandem vor die Füsse, da die Mall kaum je voll ist», sagt die Mutter des Mädchens.

Es ist Mittwochnachmittag, und von einem dichten Besucherstrom in der Mall of Switzerland in Ebikon bei Luzern kann keine Rede sein. Einzig im ersten Stock des Einkaufscenters herrscht etwas Leben. Ein Dutzend Jungs kicken WM-Bälle auf dem eigens ausgelegten Kunstrasen, auf dem auch das Public Viewing stattfindet. Zwei Mädchen im Teeniealter fläzen auf den Ledersesseln. «Wir kommen oft hierher. Es gibt coole Läden und wenig Leute.»

Statt ein brummender Konsumtempel scheint die Mall of Switzerland derzeit eher der teuerste Spielplatz der Schweiz zu sein. 450 Millionen Franken haben die Inves­toren aus dem Emirat Abu Dhabi ins Projekt investiert. Acht Mo­nate nach der Eröffnung kämpft die Mall mit erheblichen Ertragsproblemen. Wie Recherchen zeigen, sind die Umsätze des 65'000 Quadratmeter grossen Shoppingcenters nicht mal ansatzweise dort, wo man sie erwartet hatte. «Das Management ist extrem nervös», weiss ein Gewährsmann.

«Wenn wir den Jahresumsatz mit den aktuellen Zahlen hochrechnen, erzielen wir nicht mal ein Viertel der Einnahmen, die wir budgetiert haben.»Vertreter eines der grösseren Filialgeschäfte

Das erstaunt nicht, denn bei den in der Mall eingemieteten Geschäften rumort es: «Wenn wir den Jahresumsatz mit den aktuellen Zahlen hochrechnen, erzielen wir nicht mal ein Viertel der Einnahmen, die wir budgetiert haben», sagt ein hochrangiger Vertreter eines der grösseren Filialgeschäfte. Es laufe «katastrophal», sagt er kurz und bündig. Ein anderer, kleinerer Mieter, sagt: «Am Anfang lief es besser, aber jetzt haben die Frequenzen abgenommen. Ich bin froh, dass ich nicht nur von der Mall abhängig bin, sondern auch online verkaufe.» Halbwegs zufrieden zeigen sich am ehesten Geschäfte an den besten Standorten, bei den Rolltreppen im ersten Stock oder neben der Migros im Erdgeschoss. Die Betreiber meldeten nach sechs Monaten zwei Millionen Besucher. Damit hinkte die Mall trotz des positiven Eröffnungseffekts bereits dem Jahresziel von fünf Millionen Gästen hinterher. Paradox: Das nahegelegene und deutlich kleinere Emmen-Center hat seit der Eröffnung der Konkurrenz-Mall mehr Besucher als zuvor.

Viel zu wenig los: Public Viewing in der Mall of Switzerland in Ebikon. Bild: Stefano Schröter

Der Druck ist inzwischen so gross, dass sich nun eine Projektgruppe mit der Zukunft des Zentralschweizer Prestigebaus befasst. Die Eigentümer der Mall of Switzerland aus Abu Dhabi haben offenbar darauf gepocht. Im Zentrum der Gespräche ist die Frage, wie die Ladenflächen im Attika­geschoss, die noch zur Hälfte unvermietet sind, künftig genutzt werden können. Es geht um rund 3000 Quadratmeter.

Grafik vergrössern

Dabei wird auch über Vermietungsmöglichkeiten ausserhalb des Detailhandels gesprochen. «Für die Ladenflächen im Attika­geschoss werden aktuell Konzeptanpassungen erarbeitet», bestätigt Mall-Chef Jan Wengeler. Parallel dazu führe man Gespräche mit potenziellen Interessenten. Ebenfalls prüfe man eine «interessante Zwischennutzung». An welche Umnutzung er denkt, sagt er nicht. Wohnungen werden aufgrund der Architektur kaum möglich sein – denkbar sind eher Büros oder Freizeiteinrichtungen. Auch auf den anderen Etagen sind noch längst nicht alle Flächen vermietet, wenngleich die Zentrumsleitung über «alle Verkaufsflächen gerechnet» von einer Vermietungsquote von 80 Prozent spricht.

Zu gross, am falschen Ort, zu wenig innovativ

Gut ein halbes Jahr nach der Eröffnung schon Umnutzungs­pläne: Damit erhalten die Skeptiker recht, welche die Probleme bei dem 2005 lancierten gigantischen Projekt von Anfang an haben kommen sehen: Die Mall of Switzerland ist zu gross, der Standort in Ebikon ist für solche Dimensionen der falsche, und dem Ladenmix fehlt es an Strahlkraft. Marken wie Topshop, Uniqlo oder Primark, die in der Schweiz noch nicht anwesend sind, könnten Kundinnen und Kunden anziehen. Der grosse Wurf jedoch blieb aus, da die inter­nationalen Topmarken in der Regel die grossen Städte vorziehen. Kommt hinzu, dass sich die Lage im Schweizer Detailhandel in den drei Jahren vor der Eröffnung der Mall drastisch geändert hat: Während die Gesamtumsätze der Branche rückläufig waren, legte der Onlinehandel zu – allein im vergangenen Jahr um 8,7 Prozent auf 8,6 Milliarden Franken. Diese Verlagerung des Geschäfts ins Internet bekommen nun auch die Shoppingcenter schmerzhaft zu spüren. Die Mall of Switzerland in diesem Umfeld zur Erfolgsstory zu machen, wäre ein Herkulesakt.

Betreiber gewähren Mietern deutliche Mietzinssenkungen

Es wäre nicht das erste Einkaufszentrum, das die Marschrichtung ändern muss. Das Stücki-Center in Basel startete als gehobenes Shoppingcenter. Die Umsätze blieben aus. Heute heisst es: «Wir sind kein Shoppingcenter mehr.» Aus dem Stücki-Center wird der Stücki-Park. Bis 2023 soll dieser ein Zentrum für Arbeit, Gesundheit, Erlebnis und Einkaufen werden. Dafür wird der Ladenbereich um zwei Drittel verkleinert. Noch sind solche Extremszenarien in Ebikon nicht geplant, doch von der Projektgruppe werden mehr als kleine Kurskorrekturen erwartet.

Grafik vergrössern

Am 13. September wird nun endlich die schon lange erwartete Indoor-Surfwelle im Center eröffnet. «Wir haben eine hervorra­gende Betreiberin gefunden», sagt Jan Wengeler. Der deutsche Unternehmer Jochen Schweizer, der ursprünglich dabei war, ist nicht mehr mit im Boot. Auch erste Pop-up-Stores, die sich in der Mall eingemietet hatten, haben die Segel gestrichen, wie das Management bestätigt. Dazu gehört beispielsweise Tesla. Der US-Hersteller von Elektroautos blieb immerhin länger als ursprünglich geplant und profi­tierte von den noch hohen Besucherzahlen zum Start und während des Weihnachtsgeschäfts.

Umnutzung mit weiteren Kosten verbunden

Auch der Kinderladen «Mutterparadies» ist ausgezogen. «Eine Verlängerung kam für uns nicht infrage, es hat sich einfach nicht gerechnet», sagt Mitgründerin Isabel Rodriguez. «Die Mall hat zu viel Fläche, mindestens eine Etage zu viel.»

Umfrage

Waren Sie bereits im Mall of Switzerland einkaufen?





Das Management argumentiert, die Pop-up-Stores seien ohne­hin befristet geplant gewesen. Wie unter Mietern zu hören ist, bemüht sich das Center jedoch jeweils, die Geschäfte zum Bleiben zu über­reden. Die fest eingemieteten Geschäfte profitieren offenbar von deutlichen Mietzinssenkungen, die ihnen noch im Vorfeld der Eröffnung angeboten wurden. Das hilft, die schwachen Einnahmen abzufedern. Doch für das Shoppingcenter ist das natürlich alles andere als positiv. Und eine allfällige Umnutzung hätte weitere Kosten zur Folge.

Ob die Investoren noch einmal in die Kasse greifen, ist unklar. Den Scheichs geht es womöglich vor allem darum, ihr Geld in der Schweiz zu parkieren. Eine Umnutzung auch nur einer Teilfläche ist zudem nicht so einfach. Die erste leer stehende Schweizer Mall in Chiasso hätte zum Bürohaus umfunktioniert werden sollen – der Plan scheiterte.

Bilder und Eindrücke vom Eröffnungstag

* Dieser Artikel erschien erstmals am 8. Juli in der SonntagsZeitung. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.07.2018, 10:15 Uhr

Artikel zum Thema

Mall of Switzerland: Evakuierung am Eröffnungstag

Die Mall of Switzerland musste bereits am ersten Tag evakuiert werden. Die Entwarnung kam wenig später. Mehr...

Hauptattraktion: Indoor-Surfwelle hat Verzögerung

Warum der geplante Wasser-Plausch von Erlebnis-Unternehmer Jochen Schweizer in Ebikon erst 2018 kommt. Mehr...

Die grössten Shoppingcenter der Schweiz

Mit 65'000 Quadratmetern Fläche ist die Mall of Switzerland nur das zweitgrösste Einkaufszentrum des Landes – eine Übersicht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...