Lehrer trotz Übergriffen nicht auf dem Radar

95 Pädagogen stehen auf der schwarzen Liste – fast alle wegen Sexualdelikten. Nicht alle Fälle werden jedoch gemeldet.

Jeder dritte auf der schwarzen Liste verzeichnete Lehrer stammt aus dem Kanton Zürich. Foto: Cortis & Sonderegger

Jeder dritte auf der schwarzen Liste verzeichnete Lehrer stammt aus dem Kanton Zürich. Foto: Cortis & Sonderegger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Früh am Morgen betritt der Primarlehrer den Mädchenschlag im Lagerhaus. Er zieht sich aus, kriecht zwischen die Kinder, onaniert und vergeht sich an einer Zehnjährigen. Zum Teil wachen die Opfer auf. Doch bevor sie im Schock reagieren können, flieht ihr Peiniger. Die Polizei kann ihn später fassen, als er Kinderpornografie kaufen will.

Letzten Dezember erhielt der Mann eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren. Unterrichten soll er nie wieder, die Solothurner Behörden setzten ihn auf die schwarze Liste der Erziehungsdirek­torenkonferenz (EDK). Auf ihr landen alle Lehrer, denen die Berechtigung zum Unterricht entzogen wurde.

Wie viele es sind, blieb seit der Einführung im Jahr 2004 geheim. Viele Kantone erteilten jeweils mit Verweis auf den Datenschutz keine Auskunft. Auch die EDK schwieg. Acht Monate bemühte sich diese Zeitung um Einsicht, stellte – gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz – mehrere Zugangsgesuche. Und erreichte jetzt eine Praxisänderung: Erstmals macht die EDK die Liste anonymisiert zugänglich.

Aktuell sind 95 Personen vermerkt, vom Musik- bis zum Schwimmlehrer. Grundsätzlich sind Einträge wegen Straftaten, Suchtproblemen oder Krankheit möglich. In der Realität ist die Ursache fast immer ein Sexualdelikt: Im Aargau oder im Thurgau sind alle Einträge darauf zurückzuführen. Silvia Steiner, Zürcher Bildungsdirektorin, sagt: «In etwa jedem zweiten Fall geht es bei uns um Kinderpornografie.» Die zweite Hälfte betreffe meist andere Sexualdelikte. «Und sonstige Straftaten, Drogen oder Krankheiten, die aber eher selten sind.» Auffällig sind die enormen Unterschiede zwischen den Kantonen. Jeder dritte verzeichnete Lehrer stammt aus dem Kanton Zürich, 32 haben die Behörden hier auf die Sperrliste gesetzt. St. Gallen veranlasste 15 Einträge, dahinter folgen Bern (14) und ­Luzern (11). Im Gegensatz dazu haben 14 Kantone derzeit keinen einzigen Pädagogen registriert.

Keine Meldungen aus dem Tessin und der Waadt – trotz sexueller Übergriffe

Viele geben an, das sei in den letzten Jahren schlicht nie nötig gewesen. Uri, Schaffhausen und Graubünden argumentieren so. «Seit der Einführung der Liste gab es keinen einzigen Fall, der den Eintrag einer Person erforderte», sagt auch die Kommunikationsverantwortliche des Walliser Bildungsdepartements. Obwohl die Staatsanwaltschaft im letzten Jahr einen Lehrer aus Sitten wegen sexueller Belästigung bestrafte, nachdem sich fünf Schülerinnen beschwert hatten. «Der erwähnte Lehrer unterrichtete Teilzeit und beging keine Straftat, welche einen Eintrag auf der Liste gerechtfertigt hätte», heisst es beim Kanton.

Einen Deliktskatalog gibt es nicht. In der Regel entscheiden die Erziehungsdepartemente nach eigenem Ermessen, wer im Register landet und wer nicht. Einige Kantone beteiligen sich grundsätzlich nicht an der schwarzen Liste. So hat das Tessin keine Person gemeldet. Obwohl es wiederholt zu Übergriffen kam. 2015 flog ein Primarlehrer auf, der Schüler im Intimbereich berührt hatte. 2016 verhaftete die Polizei einen Berufsschullehrer wegen mehrfachen Missbrauchs. 2017 wurde ein Lehrer wegen sexueller Handlungen mit Kindern und harter Pornografie angeklagt. 2018 erfolgte ein Urteil gegen einen Musiklehrer, der sich an sieben Buben und Mädchen vergangen hatte.

Auch aus dem Waadtland findet sich kein Eintrag auf der Liste. Letztes Jahr wurde dort ein Lehrer schuldig gesprochen, der 38 kleine Mädchen filmte, um später zu den Videos zu onanieren. Schon 2013 ging ein vorbestrafter Pädagoge ins Netz, der drei Kinder missbraucht hatte.

Einem Eintrag auf der schwarzen Liste entgingen all diese Täter wegen einer Spitzfindigkeit. Gemäss Definition muss jeder Kanton Lehrer melden, «denen die Unterrichtsberechtigung oder die Berufsausübungsbewilligung entzogen wurde». Nur existiert mancherorts gar kein entsprechendes Zeugnis. «Nach unseren Gesetzen und Reglementen gibt es im Kanton Waadt keine Berufsbewilligung für Lehrer», sagt Julien Schekter, Sprecher des Erziehungsdepartements Waadt. Entsprechend könne man sie auch nicht entziehen. «Bisher gab es daher keine rechtliche Grundlage, diese Liste zu führen oder sie zu aktualisieren.» Auch die Tessiner Behörden geben an, sich nicht an der Liste zu beteiligen.

Beide Kantone verweisen darauf, dass jeder Lehrer den Strafregisterauszug vorweisen müsse, wenn er sich bewerbe. Und einen Sonderprivatauszug, der Berufs- und Kontaktverbote gegen Kinder enthält. «Es ist also unmöglich, dass jemand mit einer entsprechenden Vorstrafe im Kanton beschäftigt wird», sagt Schekter.

«Die Liste funktioniert nur, wenn sich alle Kantone beteiligen»

Allerdings kann ein Täter den Kanton wechseln. Fragt die dortige Schulbehörde die schwarze Liste ab, erscheint sein Name nicht. Beat W. Zemp, Präsident des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, sagt: «Die schwarze Liste ist ein sehr wichtiges Mittel. Sie funktioniert aber nur, wenn sich alle Kantone konsequent beteiligen.»

Auch der Sonderprivatauszug sei hilfreich. «Er gibt aber zum Beispiel keine Auskunft über psychische Krankheiten oder Drogenprobleme.» Wenn Arbeitgeber beide Instrumente konsequent anwendeten, seien sie gut geschützt. «Aber wenn einige auf die Liste setzen und andere auf den Sonderprivatauszug, dann reicht das nicht», sagt Zemp.

Die Waadt hat auf die Recherche dieser Zeitung reagiert. «Die Erziehungsdirektorin Cesla Amarelle entschied, dass sich der Kanton in Zukunft an der Liste beteiligt», sagt Sprecher Schekter. Die Frage der rechtlichen Grundlage sei noch offen, «aber der Wille ist da». Ob man wisse, wo sich der Lehrer befinde, der 38 Mädchen filmte? «Nein», sagt Schekter. «Aber er ist nicht mehr im Kanton Waadt angestellt. Das wäre nicht möglich.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.10.2018, 19:55 Uhr

«Abschreckende ­Wirkung ist zentral»

Silvia Steiner, Zürcher Bildungsdirektorin und Präsidentin der Erziehungsdirektorenkonferenz, über pädophile Pädagogen und die schwarze Liste.

Frau Steiner, 95 Lehrer stehen aktuell auf der schwarzen Liste. Entspricht das den realen Verhältnissen?
Es gibt sicher eine Dunkelziffer. Die Opfer melden sich nicht immer, das ist gerade bei sexueller Gewalt leider oft der Fall. Grundsätzlich ist die Liste kein statistisches Tool. Sie dient dazu, dass jeder Kanton weiss, ob einem Lehrer andernorts die Bewilligung entzogen wurde.

Die Waadt und das Tessin beteiligen sich nicht.
Ich kann mich nicht dazu äussern, wie andere Kantone vorgehen.

Wie macht man es in Zürich?
Die Bildungsdirektion prüft bei jeder Meldung, ob man die Unterrichtsbewilligung entziehen muss. Einen Deliktskatalog haben wir nicht. Bei Sexualdelikten gilt aber Nulltoleranz. Es braucht keine physischen Übergriffe – schon der Besitz von Kinderpornografie führt konsequent zum Eintrag.

Fragen Schulleitungen häufig an, ob ein Bewerber auf der Liste steht oder nicht?
Dazu besteht keine Pflicht. Es gibt aber gewisse Verdachtsmomente. Hat jemand Lücken in seinem Lebenslauf oder oft den Arbeitsort gewechselt, dann ist eine Überprüfung sicher angezeigt. Wie oft die schwarze Liste zu Hilfe genommen wird, ist nicht bekannt. Unser Volksschulamt gleicht aber einmal im Jahr die Daten aller Lehrpersonen mit der schwarzen Liste der EDK ab.

Brachte das denn schon Erfolge?
Ja. In Zürich konnten vereinzelt einschlägig vorbelastete Lehrer, die sich auf eine neue Stelle bewarben, herausgefiltert werden. Ein Abgleich mit der Liste zeigte, dass man ihnen die Unterrichtsbewilligung entzogen hatte. Neben diesen Erfolgen ist auch die abschreckende Wirkung zentral. Lehrer wissen, dass sie in der Regel entlarvt werden, wenn sie auf der Liste stehen, und bewerben sich gar nicht erst.

Kritisiert wurde hingegen, dass es Anfragen zu Lehrern gebe, die immer korrekt arbeiteten.
Es ist wichtig, dass kein Generalverdacht entsteht. Fälle wie jener des Pädagogen Jürg Jegge lösen Emotionen aus und beunruhigen uns. Aber man muss auch die Relationen sehen. Im Kanton Zürich gibt es über 16'000 Lehrpersonen. 32 stehen auf der Liste. Die Häufigkeit von Sexualdelikten zum Nachteil von Kindern dürfte im schulischen Umfeld nicht höher sein als anderswo. Die Lehrpersonen arbeiten sehr pflichtbewusst und korrekt.

So funktioniert die schwarze Liste

Seit dem 1. Januar 2004 führt die EDK die schwarze Liste. Alle Kantone sind dazu verpflichtet, Lehrer zu melden, denen sie die Bewilligung entzogen haben. Eingetragen sind etwa Name, Zeitpunkt und Dauer des Entzugs. Bewirbt sich ein Lehrer auf eine Stelle, können kantonale und kommunale Behörden bei der EDK eine Anfrage stellen. Diese gibt Auskunft, ob die Person auf der Liste ist. Wie oft es zu solchen Abklärungen kommt, ist nicht erfasst. Betroffene können gegen den Eintrag ins Register Rekurs einlegen.

Meiste Entzüge auf Primarstufe

Durch die Offenlegung der schwarzen Liste sind zum ersten Mal auch Aussagen über die Schulstufe möglich, auf der die fehlbaren Lehrkräfte unterrichtet haben. In 43 von insgesamt 95 Fällen wurde einem Primarlehrer die Befugnis entzogen – auf der Sekundarstufe gab es 24 Entscheide. Die restlichen Entzüge lassen sich nicht eindeutig einer Stufe zuordnen. So finden sich Einträge wie «Lehrpatent» oder «Zulassung zum Schuldienst».

Drei Einträge am gleichen Tag wegen Polizeiaktion

Fast immer (in 91 Fällen) sprachen Behörden die Entzüge ohne Ablauffrist aus; sie gelten ein Leben lang. Es sei denn, ein Betroffener kann aufzeigen, dass er etwa nach erfolgreicher Therapie wieder für den Beruf geeignet ist.

Gross sind die jährlichen Schwan­kungen. 2016 verfügten die Kantone 11 Entzüge, was einem Höchstwert entspricht. Im laufenden Jahr gab es hingegen noch keinen einzigen neuen Eintrag. Schon öfters gingen in der Vergangenheit auch an einem Tag mehrere Lehrer ins Netz, was mit Razzien der Polizei zu erklären ist. So setzte das St. Galler Erziehungsdepartement am 17. Februar 2005 gleich 3 Personen auf die schwarze Liste, zwei Primar- und einen Sekundarlehrer. Kurz zuvor hatte die Polizei bei den Operationen Genesis und Falcon über 1000 Personen wegen Besitzes von Kinderpornografie überprüft.

Ihre Namen sind auf der jetzt anonymisiert zugänglich gemachten Liste nicht einsehbar, Alter und Geschlecht der Betroffenen ebenso wenig. In aller Regel betreffen die Entzüge aber Männer, wie einzelne Kantone auf Anfrage angeben. In Zürich ist das aktuell bei allen 32 Eingetragenen der Fall. Auch in Luzern sind alle 11 gemeldeten Lehrpersonen auf der Liste männlich, in St. Gallen 2 von 15 weiblich.

Roland Gamp

Artikel zum Thema

Eine unendliche Geschichte

SonntagsZeitung Die schwarze Liste von Lehrern mit Berufsverbot ergibt nur Sinn, wenn tatsächlich alle Kan­tone mitmachen. Mehr...

Ist Informatik das neue Basteln?

Mamablog Werken in der Schule ist hui, der Computer pfui. Unser Autor fordert weniger Verklärung und mehr Pragmatismus. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Jeder besitzt hier ein Boot: Menschen aus dem «schwimmenden Dorf» auf dem Inle See in Myanmar fahren am frühen Morgen mit ihren Booten über einen Fluss des Dorfes. (18. Februar 2019)
(Bild: Ye Aung THU) Mehr...