Leichenteile von ­fragwürdigem Händler

Das FBI machte eine Razzia bei einem Anbieter in den USA. Dessen Präparate kamen auch in Schweizer Spitäler.

Schulthess-Klinik: Kurse mit Leichenpräparaten aus den USA. Bild: Anne Fröhlich, Schulthess-Klinik, Flickr

Schulthess-Klinik: Kurse mit Leichenpräparaten aus den USA. Bild: Anne Fröhlich, Schulthess-Klinik, Flickr

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Beim Fortbildungskurs an der Schulthess-Klinik in Zürich geht es um «Die Arthrose des Daumens». Am Morgen gibt es Vorträge für die Besucher, am Nachmittag stehen «Surgical Demonstrations» an. Wie üblich nutzen die Chirurgen dabei anatomische Präparate, um neue Techniken zu erlernen. An jenem 3. November im Jahr 2017 sind es ein Vorderarm sowie fünf Vorder­arme inklusive Ellbogen.

Wie Recherchen jetzt zeigen, stammen diese Leichenteile vom US-Unternehmen Medcure. Dabei handelt es sich um einen der grössten Body-Broker der Welt – mit einem Verkaufsvolumen von jährlich 10'000 Leichenteilen. Im November 2017 stürmten Beamte des FBI den Hauptsitz des Konzerns. Laut einem Reuters-Bericht nehmen die Agenten die Exportpraxis unter die Lupe. Offenbar wurden Leichenteile versendet, die mit gefährlichen Erregern wie dem multiresistenten Keim MRSA ­infiziert waren. Zudem beklagten sich Angehörige von Spendern in den USA, sie hätten nicht gewusst, dass die Körper exportiert würden.

Ein Anwalt von Medcure weist sämtliche Vorwürfe zurück.

Köpfe und Beine aus den USA

Wie rege die Exporte von Med­cure oder anderen US-Unternehmen in die Schweiz sind, ist kaum feststellbar. Bei der Eidgenössischen Zollverwaltung heisst es, Leichenteile seien «Nichthandelswaren, die von der Aussenhandelsstatistik ausgeschlossen sind».

Auch das Bundesamt für Gesundheit erfasst keine Importe. Gemäss einer Sprecherin können Leichenteile wie Schultergelenke «ohne Auflagen in die Schweiz importiert werden, sofern sie zu Weiterbildungs- beziehungsweise Unterrichtzwecken vorgesehen sind». Die Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) schreiben lediglich vor, dass bei Importen eine «ausführliche schriftliche Erklärung» vorliegen müsse, aus der «hervorgeht, dass die Spender auch mit einem Export ins Ausland einverstanden waren».

Ein Schweizer Arzt, der für Chirurgen und Spitäler jahrelang Leichenteile aus den USA – auch von Medcure – beschafft hat, spricht von «sicher 10 bis 15 Importen pro Jahr». Das Problem sei, dass es in der Schweiz zu wenig Leichen­teile gebe. Die anatomischen Institute der Universitäten würden die gespendeten Körper für die Ausbildung der Studenten nutzen. «Für die Weiterbildung von Ärzten aber fehlen Präparate.»

Lieferant unbekannt

Tatsächlich ist die Schulthess-Klinik nicht allein. Zwischen 2015 und 2017 gab es am Unispital in Lausanne ähnliche Fälle. Einmal wurden in den USA Köpfe bestellt, ein andermal Beine. Das bestätigt der zuständige Professor Jean-Pierre Hornung. Die Präparate wurden für chirurgische Weiterbildungskurse genutzt. Von welchem Unternehmen in den USA die Leichenteile geliefert wurden, kann er nicht sagen.

Hornung betont, dass jeweils die Einverständniserklärung der Verstorbenen und die notwen­digen Tests auf Infektionen «zur Verfügung gestellt wurden». Auch ein Sprecher der Schulthess-Klinik sagt, alle nötigen Dokumente seien bei der Lieferung von Medcure vorhanden gewesen.

Möglich ist der Import von Leichenteilen auch für die Forschung. Die Zürcher Ethikkommission verzeichnete seit 2016 bei «universitären Kliniken» drei bewilligte Fälle. Unter anderem wurden Wirbelsäulenpräparate aus den USA bestellt – jedoch nicht bei Medcure.

Ein Arm oder ein Bein kostet ca. 1000 Franken

Der Import zu Forschungszwecken ist streng geregelt. Im Gesetz gibt es ein Kommerzialisierungsverbot. Erlaubt sind einzig Entgelte für Aufbereitung und Transport. Ethiker sind der Meinung, die Regel müsse sinngemäss auch für den Import von Leichenteilen für die Aus- und Weiterbildung gelten. Das sagt Susanne Driessen, Präsidentin von Swissethics, der Dachorganisation der kantonalen Ethikkommissionen. Denn verdient ein Lieferant wie Medcure mit Leichen viel Geld, sind den Behörden die Hände gebunden, um dies zumindest in der Schweiz zu stoppen.

Die Schulthess-Klinik zahlte für die sechs Arme inclusive Transport 3600 Franken. Laut einem Insider kostet bei US-Lieferungen ein Arm oder ein Bein um die 1000 Franken. Schwer zu sagen, ob bei diesen Preisen eine Marge drinliegt. Für die Bestellungen aus Lausanne gibt es keine detaillierten Zahlen. So oder so will Professor Hornung künftig aber nur noch Leichen­teile aus der Schweiz nutzen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 17.02.2018, 20:12 Uhr

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