Lenins Schlaganfall

Wie plötzlich man zum Hypochonder werden kann. Eine Kolumne.

Der einbalsamierte Lenin. Foto: Keystone

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Mein neues Stück an der Berliner Schaubühne heisst «Lenin» und dreht sich um den gleichnamigen russischen Revolutionsführer: Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin. Von einigen Abweichungen abgesehen – etwa der Tatsache, dass mein Lenin von einer Frau, nämlich Ursina Lardi, gespielt wird – bleiben wir ziemlich nahe an den Tatsachen. Oder eher: an diesem Mann, der vor hundert Jahren wie kein anderer jenen Moment erkannte, der reif war für die Revolution.

Ich fokussiere in «Lenin» aber nicht auf die grossartigen, sondern auf die düsteren Sequenzen seines Lebens: auf Lenins durch mehrere Schlaganfälle sowie Partei-Intrigen bestimmtes Abtreten von der Politbühne. 1924 verstarb Lenin nach zwei Jahren Krankheit. Nachdem man seinem Leichnam das Hirn herausoperiert und ihn mumifiziert hatte, wurde er im Anzug auf dem Roten Platz ausgestellt. Sein Hirn sei von den wiederholten Schlägen hart wie Stein gewesen, heisst es in einem Bericht der Ärzte.

«Nur leichter Kater oder die Vorboten eines Schläglis?»

Wie oft bei Proben, so zog ich auch diesmal eine Spezialistin bei. Wie kommt es zu einem Schlaganfall? Antwort: Wer zu viel arbeitet, regelmässig zu viel trinkt, raucht und das Pech hat, ein Mann zu sein, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit früher oder später von einem Schlaganfall ereilt. Die Anzeichen für einen Schlaganfall jedoch gleichen der Erschöpfung: leichter Taumel, Druck im Kopf, unscharfes Sehen, Taubheit in den Armen, Desorientierung, Vergesslichkeit. So kam es, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben hypochondrisch wurde. Denn wem wäre nicht mal schwindlig, wer vergässe nicht mal was? Während ich Ursina beobachtete, wie sie Lenins Schlaganfall spielte, forschte ich innerlich nach Anzeichen für einen eigenen. War das noch meine normale Kurzsichtigkeit oder bereits der «einseitige Ausfall des Gesichtsfelds»? Und das Rumoren hinterm linken Ohr: nur leichter Kater oder die Vorboten eines Schläglis?

Am schlimmsten wirkte sich aber meine Vergesslichkeit aus. Seit meiner Kindheit entfallen mir Namen und Fremdwörter, manchmal verwechsle ich sogar die Namen meiner Töchter. Oft bin ich so in Gedanken, dass ich mich auf dem Weg von meiner Berliner Wohnung in den Probenraum mit dem Velo verfahre – so wie früher auf dem Weg zum Handballtraining. An all das habe ich mich eigentlich längst gewöhnt, nun wurde es natürlich zum Quell der Verzweiflung.

Als ich gestern nach Probenende diese Kolumne schreiben wollte, um mich ein wenig über mich selbst lustig zu machen, entfiel mir das Wort «Hypochondrie». Ich konnte es einfach nicht mehr finden. Mein Kopf war leer. Und war mein linker Arm nicht plötzlich seltsam taub? Da legte ich mich verzweifelt auf der Bühne in ­Lenins Bett und wartete aufs Ende. Gut, dass ich am Dienstag an den Heilort aller westlichen Hypochondrien fahre: in den Ostkongo. In den Minenstädten präsentieren wir den Mitwirkenden meinen neuen Film «Das Kongo Tribunal». Falls mir dort schwindlig werden sollte, dann gibt es immerhin einen Grund. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.07.2017, 21:59 Uhr

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