«Liebe Frauen, wir sind hier nicht beim Dalai Lama»

FDP-Frauen-Präsidentin Doris Fiala über ihre Kronfavoritin für den Bundesrat, die mangelnde Frauenförderung in ihrer Partei und ihre Freundinnen im Bundeshaus.

«Eine Frau muss den Mut haben und sagen: Ich will, ich kann, ich werde»: FDP-Politikerin Doris Fiala, 61. Bilder: Raphael Moser

«Eine Frau muss den Mut haben und sagen: Ich will, ich kann, ich werde»: FDP-Politikerin Doris Fiala, 61. Bilder: Raphael Moser

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Der Ruf nach mehr Frauen im Bundesrat ist unüberhörbar – jetzt, wo die Sitze von Doris Leuthard und Johann Schneider-Ammann frei werden. Bei den Bürgerlichen ist Nationalrätin Doris Fiala, Präsidentin der FDP-Frauen, die Anführerin bei diesem Thema. Sie forderte bereits ein reines FDP-Frauenticket, lange bevor Schneider-Ammann seinen Rücktritt bestätigte.

Frau Fiala, ist es Ihnen nach wie vor Ernst mit dem Frauenticket?
Es ist mir sehr ernst. Mit einem solchen Ticket hätten wir die grösstmögliche Chance, dass nach 30 Jahren wieder eine FDP-Frau in den Bundesrat einzieht. Abschliessend entscheidet jedoch die Fraktion über das Ticket.

Sie könnten sich doch flexibler geben, jetzt, da es eine Doppelvakanz gibt.
Das käme den Männern gerade recht (lacht). Der Rücktritt von Doris Leuthard ändert gar nichts. Selbst wenn von der FDP und der CVP eine Frau in den Bundesrat gewählt würde, wären die Frauen ja nicht übervertreten.

Ist der Zeitpunkt für ein doppeltes Frauenticket von FDP und CVP gekommen?
Das wäre einmal etwas Neues. Ich hege immer Sympathien für Frauenkandidaturen. Es wäre jedoch arrogant, wenn ich jetzt der CVP empfehlen wollte, wen sie aufstellen sollte. Ich habe mit meinen Frauen genug zu tun.

Warum muss jetzt zwingend eine FDP-Frau in den Bundesrat gewählt werden?
Es braucht eine angemessene Durchmischung der Geschlechter und Regionen. Die FDP schreibt sich auf die Fahne, eine fortschrittliche Partei zu sein. Dabei spielt auch die Genderfrage eine wichtige Rolle.


«Für mich wäre es ein starkes Zeichen, wenn wir Kronfavoritin Keller-Sutter auf ein Einerticket setzten.»

Ämter sollten doch von den fähigsten Personen besetzt werden, unabhängig vom Geschlecht?
Da bin ich total Ihrer Meinung. Sie bringen mich mit Ihrer Frage aber nicht in Verlegenheit. Ständerätin Karin Keller-Sutter, Regierungsrätin Carmen Walker Späh oder Nationalrätin Regine Sauter beispielsweise wären definitiv fähige Bundesrätinnen. Es ist schon interessant, dass ausgerechnet bei Frauenkandidaturen immer betont wird, es sei matchentscheidend, dass sie die Fähigsten seien.

Warum braucht es denn ein Frauenticket? Die FDP-Frauen können es mit jedem Mann aufnehmen.
Die Genderfrage hat nichts mehr mit Feminismus zu tun. Sie ist längst auch in der Wirtschaft angekommen. Ich verweise auf Blackrock, einen der weltweit grössten Finanzinvestoren, der sagt: Wenn die Schweizer Unternehmen jetzt nicht ernsthaft in der Genderfrage vorwärtsmachten, würden sie nicht mehr in diese investieren. Gemischte Teams arbeiten einfach besser. Das gilt nicht nur für einen Verwaltungsrat oder eine Geschäftsleitung, sondern auch für den Bundesrat.

Im Bundesrat gabs bereits eine Frauenmehrheit, wenn auch kurz. Die Frauenfrage ist doch primär ein Problem der FDP.
Das sehe ich differenzierter. Man muss sich erinnern, unter welchen Umständen wir unsere bisher einzige Bundesrätin Elisabeth Kopp verloren. Sie und die Partei haben sich zwar längst versöhnt, in der Seele des Freisinns ist jedoch eine Art «Rest-Trauma» geblieben. Wenn nun eine neue FDP-Bundesrätin gewählt würde, könnte dieses Kapitel endgültig gut geschlossen werden. Es wäre ein so schöner Moment, wenn wir das gemeinsam mit Elisabeth Kopp erleben könnten!

Ist das Frauenticket wirklich der einzige Weg, den es gibt?
Damit eine Frauenkandidatur durchkommt, muss die Strategie überzeugen. Ich habe meine Lehren gezogen. In der Vergangenheit wurde viel gefordert, aber nicht verlässlich gehandelt. Nehmen wir als Beispiel die SP. Sie fordert mehr Frauen im Bundesrat, bei der letzten Vakanz wählte sie jedoch mehrheitlich mit Pierre Maudet einen Mann. Er stand der SP in der Europafrage am nächsten. Bereits Rita Fuhrer von der SVP und Keller-Sutter wurden nicht ausreichend unterstützt.

Die SP ist schuld, dass die FDP lange keine Bundesrätin hatte?
Es geht nicht um die Schuldfrage, sondern um die politische Redlichkeit. Die SP kann nicht ständig etwas fordern und dann das Gegenteil machen. Mit Isabelle Moret hatten wir auch eine Frau auf dem Ticket.

Moret wurde selbst in den eigenen Reihen disqualifiziert.
Ich kann nur für mich persönlich sprechen. Ich habe sie nicht nur verteidigt, sondern auch gewählt. Isabelle Moret war in einer schwierigen Situation. Es gab den Anspruch des Tessins, unser Fraktionschef Ignazio Cassis war der Kronfavorit. Und es war unschön, dass auch noch ihr Privatleben derart zerpflückt wurde.

Werden die Frauen in der FDP vielleicht sogar diskriminiert?
So weit würde ich nicht gehen. Wer eine politische Laufbahn einschlägt, muss sich immer auf Konkurrenz einstellen. Ich wäre selbst gerne Zürcher Stadträtin geworden, zweimal wurde mir ein Mann vorgezogen. Das war nicht gegen die Frauen gerichtet, vielmehr war es eine Frage der Konstellation. Dafür habe ich anderes erreicht und bin immer noch eine sehr motivierte Nationalrätin.

Die FDP gilt immer noch als Männerpartei. Sind die Männer überhaupt bereit für eine Bundesrätin?
Die intellektuelle Einsicht, dass jetzt eine Frau in den Bundesrat gewählt werden sollte, ist bei unseren Männern vorhanden. Einige mögen aber eigene, legitime Ambitionen haben. Ich verstehe, wenn sie sich über mich grämen. Ohne Einsicht der Männer schaffen wir es aber nicht. Der Frauenanteil im Bundeshaus liegt bei unter 30 Prozent. Nur wenn auch die Männer einsehen wollen, dass die Frauen unterrepräsentiert sind, wird sich etwas ändern.

Die FDP hat aber die Förderung der Frauen vernachlässigt.
Es gibt einige Kantone, in denen mir die Frauenförderung tatsächlich Sorgen bereitet. Wenn ich vor der Bundesratswahl gerade einmal auf unsere Ständeratspräsidentin, sieben Nationalrätinnen und einige wenige Regierungsrätinnen zurückgreifen kann, ist die Auswahl nicht komfortabel. Ich kann am Ende nur das promoten, was von unten bis nach oben kommt.

Liegt das an den Männern?
Keineswegs nur, Sie müssen sich auch die Situation vieler Frauen anschauen. Nebst engagiertem Einsatz im Beruf und in der Familie bleibt für sie kaum Zeit für die Knochenarbeit Politik. Hier zeigt sich, dass unser Milizsystem an seine Grenzen stösst. Freisinnige Frauen wollen meist nicht einfach Berufspolitikerinnen sein, wie es heute gerade viele Sozialdemokratinnen leben.

Was kann die FDP dagegen tun?
Wir müssen stark daran arbeiten, dass die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Politik besser gelingt. Das ist längst nicht mit zusätzlichen Krippenplätzen gemacht. Frauen mit kleinen Kindern können nebenbei Politik machen, wenn am Abend die Männer zu Hause sind. Zudem sollten wir es hoffnungsvollen Quereinsteigerinnen vermehrt ermöglichen, auf vorderen Listenplätzen zu kandidieren. Wir haben beispielsweise ETH-Professorin Ursula Keller neu in unseren Reihen. Frauen wie sie sollten gefördert werden, auch wenn sie über 50 sind.

Viele Frauen scheuen jedoch den Wettbewerb.
Wenn Sie an die Spitze gelangen möchten, wird es einmal eng. So ist es in der Wirtschaft und in der Politik, für Männer und Frauen. Aber liebe Frauen, wir sind hier nicht beim Dalai Lama. Eine Frau muss den Mut haben und sagen: Ich will, ich kann, ich werde. Es reicht nicht, sich damit zu begnügen, einmal an einer kommunalen oder kantonalen Wahl teilgenommen zu haben, um Erfahrungen zu sammeln. Nicht der Weg ist das Ziel. Das Ziel ist das Ziel.


Bildstrecke: Wer wird für Schneider-Ammann nachrücken?


Das sind doch alles schöne Worte, und nach den Wahlen ist alles vergessen.
Da kennen Sie mich schlecht. Als Präsidentin der FDP-Frauen ist es nicht nur meine Aufgabe, vor einer Bundesratswahl grosse Worte über die Frauen zu verlieren. Ich muss auch alles dafür tun, um Kandidaturen in den Kantonen aufzubauen. Das Ziel muss sein, dass wir bei künftigen Vakanzen nicht nur qualitativ hochstehende Kandidatinnen haben, sondern auch quantitativ. Vor dieser Knochenarbeit scheue ich mich nicht.

Was machen Sie konkret?
Vor ein paar Wochen trommelte ich zum Beispiel im Engadin, meiner zweiten Heimat, Unternehmerinnen über die Parteigrenzen hinweg zusammen. Ich wollte sie ermutigen, sich in der Politik zu engagieren. Das war ein sehr motivierender, ja grossartiger Anlass. Schon bald werden wir im Engadin eine FDP-Frauen-Gruppe gründen. Wenn die richtigen Frauen zusammen sind und sich gegenseitig stärken, kann das sehr bereichernd sein.

Auch im Bundeshaus?
Ich habe viele politische Kolleginnen und Freundinnen, auch aus anderen Parteien. Tiana Angelina Moser von den Grünliberalen könnte meine Tochter sein, sie ist eine wunderbare Person. Mit ­Alice Glauser von der SVP verstehe ich mich ebenfalls gut. Die Frauen zeigen sich mir gegenüber oft grossherzig und nicht als Konkurrentinnen. Ein männlicher Politiker pflegt wohl Beziehungen anders als wir Frauen.

Sie setzen sich stark für die Frauen ein, wollen aber keine Feministin sein. Ist das kein Widerspruch?
Ich sehe mich als liberale Kämpferin für die Sache der Frau. Der Feminismusbegriff ist leider im politischen Gedankengut links dominiert. Doch die Genderfrage kann man nicht einfach in ein Links-rechts-Schema pressen. Es ist schade, dass man sich als Bürgerliche ständig erklären muss, wenn man sich für Frauenanliegen einsetzt. Wenn sich die FDP liberale Gesellschaftspolitik auf die Fahne schreibt, muss ich das auch mit Inhalten füllen können.

Müsste die FDP vermehrt frauenfreundliche Positionen vertreten?
Es wäre ungerecht, zu sagen, dass sich bei uns nichts bewege. In den Köpfen der freisinnigen Männer ist bereits viel Progressives in Gang gekommen. Nationalrat Philippe Nantermod zum Beispiel ist sogar Mitglied bei den FDP-Frauen, bei uns sind auch Männer willkommen. Die revolutionären Schritte werden ohnehin nicht allein von den Frauen durchgesetzt, sondern von den jungen Männern.

Wie meinen Sie das?
Wir als Mütter und Grossmütter müssen die nächste Generation so weit bringen, dass sie aus freien Stücken entscheiden kann, wie die Rolle von Mann und Frau aufgeteilt werden soll. Wenn ein Mann sich entscheidet, zu Hause bei den Kindern zu bleiben, und die Frau arbeitet, soll das künftig von der Gesellschaft nicht mehr belächelt, sondern völlig wertfrei aufgenommen werden. Doch solche Entscheide haben ihren Preis.

Das müssen Sie erklären.
Alles hat seinen Preis. Verheiratet zu sein und Kinder zu haben, hat seinen Preis. Single zu sein, ebenfalls. Eine emanzipierte Ehe zu führen, in der beide 60 Prozent arbeiten, hat den Preis, dass es wohl keiner in die Geschäftsleitung schafft. Wir kranken in unserem Land daran, dass wir immer Maximalforderungen stellen, aber selten bereit sind, den Preis dafür zu zahlen. Das gilt für alle Themen, von Genderfragen bis hin zur Europapolitik.

Jetzt schweifen Sie ab. Warum bezahlen Sie nicht selbst den Preis und stellen sich als Bundesratskandidatin zur Verfügung?
Ich werde mich sicher nicht ins Spiel bringen. Ich bin 61 Jahre alt und habe als Präsidentin der FDP-Frauen eine andere Rolle. Jetzt braucht es jüngere Kandidatinnen. Und es gibt Geeignetere als mich. Jeder sollte für sich die Analyse schonungslos vornehmen.

Selbst Karin Keller-Sutter zögert. Hätte sie nicht sofort nach dem Rücktritt von Schneider-Ammann ihre Bewerbung verkünden sollen?
Das ist eine berechtigte Frage. Karin Keller-Sutter hat jedoch vor acht Jahren gegen Schneider-Ammann eine schmerzliche Niederlage erfahren. Bevor sie sich jetzt noch einmal ins Rennen stürzt, wird sie wohl genau wissen wollen, wie gut ihre Wahlchancen sind. Das ist kein Zaudern, sondern ein kluges Vorgehen. Ihre wohl stärkste Mitbewerberin, Petra Gössi, hat sich rasch aus dem Rennen genommen. Damit rollt sie Keller-Sutter auch sehr anerkennend den roten Teppich aus. Ich freue mich, wenn sie zeitnah ihre Kandidatur bekannt geben wird.

Wenn sie nicht antritt, fehlt Ihnen eine Spitzenkandidatin.
Ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass wir noch andere fähige Frauen haben, auch wenn die Auswahl nicht mehr gross wäre. Wir wollen jetzt nicht von einem Worst-Case-Szenario sprechen.

Könnte auch ein Einerticket eine Option sein?
Diese Frage treibt mich tatsächlich um. Für mich wäre es ein starkes Zeichen, wenn wir Kronfavoritin Keller-Sutter auf ein Einerticket setzten. Dann müssten die anderen Parteien aber auf Spielchen verzichten. Ich bin daher überzeugt, dass es die bessere Strategie ist, dem Parlament eine Auswahl zu präsentieren. Wählen bedeutet halt auch auswählen können.

Die zweite Frau könnte aber zur Alibikandidatin verkommen.
Das glaube ich nicht. Regine Sauter oder Carmen Walker Späh sind sicherlich keine Alibifrauen. Eine Frau wird sich jedoch verständlicherweise gut überlegen, ob sie wirklich neben Keller-Sutter kandidieren möchte. Wer will schon Winkelried spielen. Wenn sich allerdings zu viele Frauen zurückziehen, beflügelt das primär die Männerkandidaturen.

Was würden Sie vom homosexuellen Nationalrat Hans-Peter Portmann auf dem Ticket halten?
Mein Ziel ist ein doppeltes Frauenticket. Trotzdem finde ich die Idee spannend. Ich engagiere mich seit fast 20 Jahren für die LGBT-Community der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender. Ich finde es daher fortschrittlich und couragiert, dass Portmann als Kandidat vorgeschlagen wird. Er hat meinen vollen Respekt. Das gibt uns auch die Gelegenheit, im Bundeshaus über die oft geforderte Diversity zu diskutieren. Aber wir sollten die Frauen jetzt nicht gegen LGBT ausspielen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 29.09.2018, 21:09 Uhr

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