Liebes, teures Tier

Wenn Büsi oder Bello erkranken, geht das schnell ins Geld – Tierhalter sind zunehmend überfordert.

Eine krebs­kranke Katze wird im ­Tierspital Zürich bestrahlt: Die Behandlungs­kosten können schmerzen Foto: Michele Limina

Eine krebs­kranke Katze wird im ­Tierspital Zürich bestrahlt: Die Behandlungs­kosten können schmerzen Foto: Michele Limina

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Vor ihr in der Kantine steht ein Tupperware mit Aufgewärmtem; das Mittagsmenu à knapp 10 Franken liege im Moment nicht drin, sagt Leonie Schmid* und meint das nur halb als Witz. Der Grund ist Moritz, ihr sechsjähriger Kater. Es begann mit schwerem Durchfall, der Veterinär diagnostizierte einen Parasiten. Kosten: rund 200 Franken. Dann der Verdacht auf eine Blasenentzündung. Wieder ein Check, wieder Medikamente: rund 100 Franken.

Dann ein Abszess am Bein; vermutlich war Moritz von der Nachbarskatze gebissen worden. Notoperation: 250 Franken. Dazu Nachkontrollen und Medikamente. Macht total über 1000 Franken Behandlungskosten in wenigen Wochen. Zahlbar innert 30 Tagen. Viel Geld für Schmid. Aber was will man machen?

«In solchen Momenten macht man keine Kostenrechnung», sagt Andi Enzler*. Als er seine Katze Simbi eines Abends in die Tierklinik fahren musste, weil sie panisch zu hecheln begann, wurde sie ins Sauerstoffzelt gebracht und Enzler zugleich zur Kasse gebeten: die paar Hundert Franken Vorschuss zahlte er sofort, den Rest, als er sein Büsi zehn Tage später aus der «Hightech-Klinik» wieder abholte. Diagnose: unklar. Und das für total 1500 Franken. Eine finanzielle Schmerzgrenze habe er bei seinen Katzen nicht, sagt Enzler, sie gehörten quasi zur Familie, natürlich tue er alles für sie.

Kranke Haustiere werden nicht mehr einfach «entsorgt»

«Viele sind sich nicht bewusst, wie viel ein gesundes Tier kostet, geschweige denn ein krankes», sagt Monika Wasenegger, Geschäftsleiterin von Pro Tier, der Stiftung für Tierschutz und Ethik. Bei Hunden sind es je nach Rechner zwischen 1500 und 2500 Franken jährlich, bei Katzen um die 1300. Was bei einem Unfall oder einer Krankheit anfällt, rechnet Comparis vor. Zahninfektion: 500 bis 1000 Franken, Knochenbrüche: 2700 Franken. Verschluckte Fremdkörper: 1000 bis 2000 Franken.

Aber nur weil man knapp bei Kasse ist, soll man das geliebte Haustier einschläfern lassen? «Das ist für viele unvorstellbar», weiss Wasenegger. Dass Menschen anfingen, ethische Verantwortung für Tiere zu übernehmen und sie nicht mehr als Sache betrachteten, die man bei einem Defekt einfach entsorge, sei eine positive Entwicklung.

Aber: Ein höherer Status bedeutet auch höhere Kosten. «Tierhalter sind zunehmend bereit, mehr für umfassende Behandlungen zu bezahlen», sagt die Sprecherin von der Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST). Das zeigen auch Zahlen des Zürcher Tierspitals: In den letzten zehn Jahren stiegen die Umsätze bei der Behandlung von Hunden jedes Jahr im Mittel um über 4 Prozent an, bei den Katzen um über 3 Prozent: Die Besitzer bringen ihr Tier öfter ins Spital oder beanspruchen teurere Behandlungen.

Soll ein 15-jähriger Hund noch bestrahlt werden?

Rund 750 Tierkliniken gibt es in der Schweiz und vermehrt grosse Praxen, wo Vierbeiner teilstationär behandelt werden. Wer heutzutage eine solche betritt, merkt sofort: Hier wird Spitzenmedizin betrieben. Kardiologie, Onkologie, Intensivmedizin – alles Gebiete, die sich in den letzten Jahren entwickelt haben, vieles ist von der Humanmedizin beeinflusst. Der Einsatz von Ultraschallgeräten und Endoskopien ist zur Routine geworden, von CT und MRI ebenfalls. Dazu Akupunktur, Physiotherapie oder Osteopathie.

Die Frage ist: Übertreiben wir es mit der Tierliebe? Wo ist die Grenze? Soll man einen 15-jährigen Hund, der an Krebs erkrankt ist, tatsächlich noch bestrahlen und palliativ begleiten? «Solange man ihm eine gute Lebensqualität ermöglichen kann: Wieso nicht? Es ist ja auch nicht ausgeschlossen, einem 90-Jährigen ein neues Hüftgelenk zu implantieren», sagt Jean-Michel Hatt, Klinikdirektor am Tierspital der Universität Zürich. Wozu Halter bereit seien, sei letztlich eine Frage des emotionalen und nicht des finanziellen Wertes. Aber ja: «Je mehr Leistungen angeboten werden, desto mehr werden sie auch genutzt.»

Das ist heikel: Hier der Halter, der alles tun würde, dort die Medizin, die fast alles möglich macht. «Es ist nicht so, dass wir bei jedem Hund ein MRI machen, nur weil wir ein solches Gerät haben», sagt Hatt. Im Gegensatz zu Menschen müssten sie dafür ja narkotisiert werden, das überlege man sich zweimal – zum Wohl des Tieres. «Aber natürlich ist der wirtschaftliche Druck, die teuren Apparaturen mit Behandlungen zu amortisieren, für private Kliniken grösser als für uns. Wir haben ja noch einen Lehr- und Forschungsauftrag.»

Parallel zur seriösen Spitzenmedizin sind auch zweifelhafte Angebote entstanden, Tierkommunikatorinnen versetzen sich für teures Geld telepathisch ins vom Dach gestürzte Büsi und diagnostizieren einen Suizidversuch. Vereinzelt bieten gar Tierärztinnen solche Dienste an. «Grundsätzlich heisst es, ‹wer heilt, hat recht›, aber manchmal bin ich skeptisch. Solche Behandlungen sind derzeit fern der herkömmlichen Veterinärausbildung», sagt Franck Forterre, künftiger Leiter der Kleintierklinik der Universität Bern. Mit der Gutgläubigkeit der Halter ein Geschäft zu machen, ­widerspreche der Berufsethik.

Auch der Hundesalon ist nun in die Praxis integriert

Klar ist: Es steckt viel Geld im Bereich der Veterinärbehandlungen. Wohin das führen kann, zeigt die Entwicklung in Deutschland. Dort gehört ein Grossteil von Tierkliniken bereits ausländischen Ketten; der Profit steht im Vordergrund. Eine Kommerzialisierung ist auch bei uns zu beobachten. Die Tierklinik-Gruppe Vettrust kauft Praxen auf, die keine Nachfolger finden, investiert ins Ambiente für das luxuriöse Erlebnis und schafft umgekehrt flexible Teilzeitarbeitsstellen.

Erst kürzlich wurde in Basel «eine hochmoderne 24-Stunden-Notfall- und Spezialistenklinik» eröffnet – für rund vier Millionen Franken. Halter können in den schicken Praxen auch Futter und Accessoires beziehen, natürlich nur das Beste und nicht das Günstigste. Und im integrierten Hundesalon gibts für Bello eine neue Frisur.

«Das ist der Lauf der Zeit, man kann es nicht ändern», sagt Forterre. Dass sich die Tiermedizin der Humanmedizin annähert, auch nicht. Preise inklusive. Ein Röntgenbild für einen Hund kostet rund 60 bis 70 Franken, eine Durchleuchtung mit CT oder MRI bis zu 900 Franken, also genauso viel wie bei den Menschen. «Der Unterschied: Im Gegensatz zu Tierbehandlungen zahlt bei uns die Krankenkasse.»

Monika Wasenegger von Pro Tier bereitet die Kommerzialisierung Sorgen. «Viele Veterinäre drücken heute ein Auge zu und behandeln Tiere günstiger, wenn die Besitzer knapp bei Kasse sind.» Laut GST verzichten sie auf fünfstellige Beträge pro Jahr. Kommerzielle Kette dürften da weniger entgegenkommend sein. Wasenegger sieht nur eine Lösung: «Eine obligatorische, notfalls subventionierte Krankenversicherung für Tiere. Aber bis wir so weit sind, muss die Situation wohl zuerst eskalieren.»

Per Crowdfunding wird Geld für kranke Tiere gesammelt

Zu Jahresprämien zwischen 125 und 755 Franken kann man seinen Liebling freiwillig versichern lassen. «Seit vier Jahren stellen wir ein Wachstum von 30 Prozent pro Jahr fest. Unsere Umsatzzahlen für Hunde und Katzen haben sich verdoppelt», sagt Olivier Grangier von der Versicherung Epona, die einen Umsatz von etwa 8 Millionen Franken erzielt. Auch Konkurrentin Animalia stellt eine wachsende Nachfrage fest.

Für Menschen am Existenzminimum, die sich die medizinische Behandlung ihres Haustiers nicht leisten können, bieten heute fast nur Stiftungen Hilfe. Man findet sie aber nicht einfach so im Internet, die Adressen werden meist unter der Hand weitergereicht. Sie würden sonst von Gesuchen überhäuft – wie Pro Tier. «Wir hatten 2018 schon doppelt so viele Anfragen für Unterstützung wie noch vor drei Jahren, und in der Weihnachtszeit steigt die Zahl sicher noch an.» Der Fonds sei inzwischen fast aufgebraucht. «Es hat ein Ausmass angenommen, das wir nicht mehr tragen können.»

Rechnungen über Tausende Franken können aber auch Normalverdienende ans Limit bringen. Manche versuchen, per Crowd­funding Geld zu beschaffen. Auf Leetchi.com wird etwa für die Bulldogge Mio gesammelt. Er sei an Lymphdrüsenkrebs erkrankt, steht im Aufruf, der seit Frühling läuft, seine Behandlung verschlinge über 4500 Franken. 33 Spender hatten bereits Erbarmen und steuerten fast 2500 Franken bei. Kürzlich ist Mio trotzdem gestorben, wie sein Frauchen im letzten Update auf der Plattform schreibt. Die offenen Rechnungen bleiben.

* Namen geändert (SonntagsZeitung)

Erstellt: 16.12.2018, 20:15 Uhr

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