Jeder fünfte Priester stammt aus dem Ausland

Die katholische Kirche holt Geistliche aus Polen, Nigeria und Indien in die Schweiz. Das bremst Reformen wie die Aufhebung des Zölibats.

Unter der Woche im Kloster, am Wochenende in der Kirche: Der Kapzuziner George Francis Xavier kam 2010 aus Indien in die Schweiz.

Unter der Woche im Kloster, am Wochenende in der Kirche: Der Kapzuziner George Francis Xavier kam 2010 aus Indien in die Schweiz. Bild: Stefano Schröter

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine kastanienbraune Kutte mit einer spitzen Kapuze wollte er tragen und um die Hüften eine weisse Kordel. Denn Bruder George Francis Xavier aus dem indischen Kerala wollte nichts anderes als Kapuziner werden. Dass ihn seine Berufung bis nach Luzern führt, hätte sich der 41-Jährige nie erträumt.

Bruder George ist kein Einzelfall. Ausländische Gottesmänner sind gefragt, denn in der Schweiz mangelt es an Nachwuchs. Noch rund 1000 katholische Priester gehören einem Bistum an – vor 25 Jahren waren es über 2000. Und die Zukunft sieht düster aus. Die meisten Kirchenmänner sind zwischen 70 und 80 Jahre alt. Das zeigen neue Untersuchungen des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) in St. Gallen.

Die katholische Kirche reagiert auf diese Entwicklung wie ein Wirtschaftsunternehmen: Sie importiert Fachkräfte. Auf der Welt gibt es etliche Länder, in denen der katholische Glaube lebendiger ist als in der Schweiz. Länder, in denen es zu viele Geistliche gibt statt zu wenige. Polen ist so ein Land, Nigeria, vor allem aber: Indien.

Ohne Hilfe scheitert die Zusammenarbeit

Als Bruder George 2010 von Kerala ins beschauliche Kloster Wesemlin kam, war das für ihn ein Schock. «In Indien war alles anders – ausserhalb und innerhalb der Kirche», sagt er. Doch der Kapuziner hatte Glück. Er ist ein Ordensmann. Seine Mitbrüder nahmen ihn unter ihre Fittiche. Er verbrachte die erste Zeit oft im Konvent. Probierte Fondue, las von Wilhelm Tell, lernte Pünktlichkeit. Und Abfall zu trennen.

Die katholische Kirche ist eine Weltkirche, internationaler Austausch gehörte immer zu ihr. Doch ist dieser «liturgische Tourismus», wie er kirchenintern genannt wird, sinnvoll? Jeder fünfte Priester in der Schweiz stammt heute bereits aus dem Ausland. Insgesamt 290 Gastarbeiter Gottes kämpfen hierzulande gegen die Säkularisierung an. Nur: Können sie das? Sind die kulturellen Gräben nicht zu tief? Funktioniert die Kommunikation?

«Wir lehnen mehr Interessenten ab, als wir aufnehmen.»Guido Scherrer, Generalvikar Bistum St. Gallen

Ein Pfarrer ist weit mehr als der Zeremonienmeister am Sonntag. Er ist auch Seelsorger, eine Vertrauensperson für Menschen in Not. Er ist Zuhörer, Therapeut, Trostspender. Im Bistum St. Gallen beispielsweise wird deshalb lange nicht jeder Bewerber aus dem Ausland angestellt. «Wir lehnen mehr Interessenten ab, als wir aufnehmen», sagt Generalvikar Guido Scherrer.

Wichtigste Voraussetzung für eine Einstellung: die Sprache. «Ein Priester muss nicht nur die Messe feiern können. Für die Arbeit in den Gemeinden braucht es weit mehr.» Das Niveau C1 – fachkundige Sprachkenntnisse – sei zwingend. Ebenfalls durchlaufen alle eine zweijährige Einführung in die hiesigen Sitten, Bräuche, Kulturen – je nach Vorkenntnissen dauert diese zwischen 3 und 16 Kurswochen. Vieles ist fremd, manches ungewohnt. Das duale Kirchensystem, der Wohlstand, die flache Hierarchie in den Gemeinden, die Stellung der Frau. Und besonders: Ein Kirchenmann ist in der Schweiz längst kein Halbgott mehr.

Integration geglückt: Bruder George gehört seit zwei Jahren offiziell den Schweizer Kapuzinern an.

Bruder George lebt bescheiden und ist wissbegierig. In Luzern absolviert er ein Zweitstudium in Kultur- und Sozialwissenschaften. Ausserdem besuchte der Kapuziner Vorlesungen zum Schweizer Politiksystem, zur Demokratie, zu Genderthemen. Heute ist er überzeugt: «Das müsste für alle Geistlichen aus dem Ausland Pflicht sein.»

Nur noch ein kleiner Akzent lässt auf seine Herkunft schliessen und natürlich sein Erscheinungsbild: langes, schwarzes Haar, am Nacken zusammengeknotet, jugendliches Lachen. Bruder George gehört seit zwei Jahren offiziell den Schweizer Kapuzinern an, ist der jüngste Ordensbruder. Die Integration ist bei ihm geglückt.

Das gelingt aber längst nicht allen. In einer Gemeinde in Solothurn herrscht derzeit Stunk, weil der nigerianische Pfarrer angeblich zu oft Spenden für seine Heimat sammelte, und im Kanton Glarus beschweren sich Gläubige, weil sie den Kirchenmann aus ­Indien nur mit Mühe verstünden.

Der Import von Priestern löst das Problem nicht

Hansruedi Huber vom Bistum Basel kennt solche Schwierigkeiten. «Klappt die Inkulturation nicht, scheitert die Zusammenarbeit», sagt Huber. Im Alltag würden sich nur wenige ausländische Priester für Leitungsaufgaben eignen. Zu diesem Schluss kommt auch Bruder George – trotz seiner Herkunft, oder vielleicht gerade deshalb. Er hat sogar seine Masterarbeit zum Thema geschrieben. Sie ist soeben erschienen und trägt den Titel «Ausländische Priester und ihre Tätigkeit in der Schweiz: Liturgie-Tourismus oder Rück-Missionierung?» Das Fazit: Ihr Einsatz angesichts des Priestermangels ist «Pflästerli-Politik». «Es ist kein Zukunftsmodell, sondern eine Notlösung», schreibt Bruder George.

Zu häufig sei das Geld die Motivation oder die Wieder-Missionierung. Ganz nach dem Motto: Früher habt ihr uns den Glauben gebracht, heute bringen wir ihn euch zurück. «Das funktioniert aber nicht», sagt der Kapuziner. Im schlimmsten Fall, wenn der ausländische Priester zu konservativ sei, würden sich die Gläubigen von der Kirche abwenden. Die Hardliner unter den hiesigen Katholiken schreckt dies nicht ab. Im Gegenteil. Sie machen sich die Geistlichen aus dem Ausland zunutze. Denn: Wo sie eingesetzt werden, verlangsamen sich Reformen. Die Frage nach der Frauenweihe oder der Aufhebung des Zölibats wird ausgebremst.

Bruno Strassmann, Präsident des kirchlichen Reformvereins Tagsatzung, wehrt sich dagegen. «Die Kirche kann nicht ewiggestrig bleiben. Es braucht strukturelle Reformen», sagt Strassmann. Sonst werde die Kirche zu einem kleinen Verein mit einer «heiligen Ideologie». Längst überholt sei die Unterscheidung zwischen Klerus und Laie. Insbesondere da heute nicht geweihte Theologen, Diakone und Pastoralmitarbeiter mehr als 40 Prozent aller Seelsorger stellen. Nur dank ihnen sind noch immer gleich viele Leute im Dienst Gottes wie vor fünfzig Jahren, zu den Hochzeiten des Katholizismus.

«Die Kirche kann nicht ewiggestrig bleiben.»Bruno Strassmann, Reformverein Tagsatzung

Eine Organisation, die Priester für einen Aufenthalt in der Schweiz holt, ist die Steyler Mission. Provinzial Stephan Dähler sieht die ausländischen Geistlichen, wenn sie gut eingeführt werden, auch als Chance. «Sie bringen oft eine ungewohnte Art des Feierns, Betens und der Freude am Glauben mit», sagt Dähler. Sie würden die Begegnung mit Menschen meistens höher werten als Sitzungen und Organisieren. «Das ist etwas, das unsere Gemeinde befruchten und Mut machen kann.»

Unter der Woche ist Bruder George im Kloster. An den Sonntagen hilft er in den Kirchen rund um Luzern aus. Anfeindungen oder Diskriminierung erlebt er selten. Lediglich ab und zu ­erhält er einen Brief oder eine E-Mail eines Gläubigen, in dem er gebeten wird, sich doch bitte stärker ans Messbuch zu halten. «Aber ich spreche halt gern frei», sagt er und schmunzelt.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.06.2018, 11:05 Uhr

Artikel zum Thema

Papst in Genf: Priester verteilen Einzahlungsscheine an Gläubige

Die Messe des Oberhauptes der römisch-katholischen Kirche am 21. Juni in den Genfer Palexpo-Hallen ist bereits ausverkauft. Doch der Anlass ist teuer. Mehr...

Zürcher Kirche überdenkt Immo-Strategie

Der Plan, sich künftig mit dem Vermieten ihrer Häuser zu finanzieren, brachte der Kirche viel Kritik ein. Nun buchstabiert sie zurück. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Auf Muschelsuche
Michèle & Friends 4 Tipps für Fitness mit 40

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Täuschung: Der Roboterandroid Totto ist der japanischen TV Ikone Tetsuko Kuroyanagi nachempfunden. Er wurde im Rahmen des Weltroboterkongresses in Tokio präsentiert. (17.Oktober 2018)
(Bild: Kim Kyung-Hoon) Mehr...