Löhne 2019: Wer am meisten drauf kriegt

Wir haben bei 340 Arbeitgebern nachgefragt. Klar ist: Viele dürften leer ausgehen.

Sie haben vergleichsweise gute Aussichten auf eine Lohnerhöhung: Beschäftigte in der Pharmaindustrie. Bild: Stefan Bohrer

Sie haben vergleichsweise gute Aussichten auf eine Lohnerhöhung: Beschäftigte in der Pharmaindustrie. Bild: Stefan Bohrer

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Bis zu 2 Prozent mehr Lohn – mit dieser Forderung steigt Travailsuisse in die Lohnverhandlungen mit den Arbeitgebern ein. Voraussichtlich wird sich der Gewerkschaftsdachverband mit der Hälfte zufriedengeben müssen. Darauf deutet eine erste Umfrage, die das auf Lohnerhebungen spezialisierte Portal Lohntendenzen.ch im August bei den Personalchefs von rund 340 Unternehmen durchgeführt hat. Diese beschäftigen insgesamt 550'000 Mitarbeiter. Für 2019 zeichnet sich demnach eine durchschnittliche Lohnerhöhung von 0,9 Prozent ab. Die Industrie liegt etwas darüber, der Dienstleistungssektor leicht darunter.

Nur ein rundes Dutzend der befragten Arbeitgeber konnte bereits mit definitiven Verhandlungsergebnissen aufwarten. Hingegen erwarten gut 30 Prozent der Firmen, dass sie die Löhne um 0,75 bis 1 Prozent anheben werden. Knapp ein weiteres Drittel ist optimistischer und geht von Erhöhungen von 1 bis 1,75 Prozent aus. Etwa gleich gross ist die Zahl der Firmen, die mit Erhöhungen von lediglich 0 bis 0,75 Prozent rechnen. Fast jeder zehnte Arbeitgeber will die Löhne gar nicht erhöhen.

Laut Andreas Kühn, Geschäftsführer von Lohntendenzen.ch, lassen sich in drei Branchen «verlässliche Mittelwerte» für die erwarteten Lohnsteigerungen ableiten. Das gilt für den Gross- und Detailhandel, die Banken und Versicherungen sowie den Maschinen- und Fahrzeugbau – hier wird mit einem Plus von 1 bis 1,1 Prozent gerechnet. Die stärksten Erhöhungen von mehr als 2 Prozent zeichnen sich einmal mehr für die Beschäftigten in der Informatikbranche ab.

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Die alljährlich durchgeführte Umfrage hat in den vergangenen Jahren das tatsächliche Ergebnis der Lohnrunde ziemlich präzise vorweggenommen. Sollte sich die Lohnrunde tatsächlich im Rahmen von plus 0,9 Prozent bewegen, wäre dies eine herbe Enttäuschung für die Arbeitnehmerseite. Trotz eines starken und breit abgestützten Konjunkturauftriebs würde ihre Kaufkraft damit erneut stagnieren, denn Konjunkturbeobachter gehen für das laufende Jahr überwiegend von einer Teuerung von knapp 1 Prozent aus.

«Wir erwarten, dass nicht nur die Teuerung für alle Mitarbeitenden ausgeglichen wird», sagt Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik bei Travailsuisse. «Vielmehr sollen mit Reallohnerhöhungen für die meisten Mitarbeitenden auch die Arbeitnehmenden an der positiven Wirtschaftsentwicklung beteiligt werden.» Fischer ist jedenfalls «verhalten optimistisch», dass sich die jetzigen Ergebnisse von Lohntendenzen.ch im Nachhinein als zu tief herausstellen werden.

Lampart: «Es muss zu einer Wende kommen»

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund wird seine Lohnforderungen morgen Montag bekannt geben. «Der Teuerungsausgleich wird in diesem Herbst definitiv ein Thema sein, zumal wir nun wieder nennenswerte Preissteigerungen haben», sagt Chefökonom Daniel Lampart. Hinzu komme, dass die Reallöhne bereits im vergangenen Jahr stagniert hätten und dies voraussichtlich auch 2018 der Fall sein werde.

Die Arbeitnehmervertreter haben noch ein weiteres dringliches Anliegen: Zuletzt hat nur jedes vierte Unternehmen die Löhne für alle Beschäftigten erhöht, womit laut Lampart ein Tiefstand erreicht wurde. Vor der Finanzkrise, so der Gewerkschaftsvertreter, hätten rund zwei Drittel der Arbeitgeber generelle Lohnerhöhungen vorgenommen. «Da muss es jetzt zu einer Wende kommen», sagt Lampart. Er denkt dabei namentlich an die Maschinen- und Elektroindustrie, die sich mitten in einem Aufschwung befindet: «Diese Branche muss dieses Jahr etwas geben, und sie wird es wohl auch.»

Hans Hess, Präsident des Branchenverbands Swissmem, sagt dazu: «Ich gehe davon aus, dass viele Unternehmen die verbesserte Geschäftssituation bei den Lohnverhandlungen für 2019 berücksichtigen werden.» Doch Hess schränkt – ganz in taktischer Manier – auch ein: Die Branche blicke auf «sehr schwierige Jahre» zurück. «Der Spielraum für grössere Lohnanpassungen dürfte deshalb bei vielen Firmen eher gering sein.» Was den Teuerungsausgleich betrifft, gibt es laut Hess keinen Automatismus. Einzig in den Unternehmen, die dem Gesamtarbeitsvertrag unterstehen, würden die Mindestlöhne basierend auf dem Landesindex der Konsumentenpreise angepasst – «die übrigen Löhne jedoch nicht».

Informatik- und Pharmaindustrie rechnen mit gutem Geschäftsgang

Gemäss der Lohnumfrage beabsichtigen 29 Prozent der Unternehmen, die Löhne im kommenden Jahr bei allen Mitarbeitern anzuheben. Am häufigsten ist die Bereitschaft hierzu im Gastgewerbe: Zwei Drittel der befragten Restaurants und Hotels planen generelle Lohnerhöhungen. Insgesamt dürften die Arbeitgeber jedoch lediglich 0,1 Prozent der Lohnsumme für generelle Erhöhungen bereitstellen. Sechs- mal höher ist die Lohnsumme, die für individuelle Erhöhungen geplant ist.

Die Unternehmen werden von Lohntendenzen.ch auch danach befragt, wie sie Wirtschafts- und Beschäftigungsentwicklung im kommenden Jahr einschätzen. Zwei Branchen ragen mit ihrem Optimismus klar heraus: Die Informatikbranche und die Pharmaindustrie rechnen überwiegend mit einem guten Geschäftsgang, was sich auch in einem weiteren Beschäftigungsaufbau widerspiegelt.

Dahinter folgt ein breites Mittelfeld, dem unter anderem die Hersteller von Uhren, optischen und elektronischen Erzeugnissen, der Fahrzeug- und Maschinenbau sowie der Gross- und Detailhandel angehören. Höchst pessimistisch blicken dagegen die Medien- und die Kommunikationsbranche in die nähere Zukunft – wobei die Zahl der antwortenden Firmen mit vier eine wenig verlässliche Grundlage darstellt.

Teuerungsausgleich sei «politisch motiviert»

«Es sind denn diese Faktoren – also Nachfrage und Angebot auf dem Arbeitsmarkt und ob die Firmen die nötigen Mittel erwirtschaften –, die für Umfang und Ausmass von Lohnerhöhungen massgeblich sind», sagt Andreas Kühn. Die ­Forderung nach einem Teuerungsausgleich hält der Chef von Lohntendenzen.ch dagegen für ein «primär politisches Argument» der ­Gewerkschaften.

Zum einen, so Kühn, sei die Teuerungsrate ein sehr grobes Mass, «und wenn sie von 0,8 auf 1,1 Prozent steigt, hat sich im Grunde kaum etwas verändert». Zum andern gebe es bei den jetzigen Preissteigerungen von gut 1 Prozent neben teureren Produkten immer auch solche, die billiger würden. «Somit können Privathaushalte ihren Konsum teilweise so steuern, dass die Teuerung weniger aufs Budget drückt.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.09.2018, 21:38 Uhr

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