«Los ja nid zue, was är seit»

Sie sind Freunde. Und beide Meister des Erzählens. Nun veröffentlichen Martin Suter und Stephan Eicher ihr «Song Book». Eine Begegnung.

«Etwas Schweizerisches, das überhaupt nicht patriotisch ist»: Stephan Eicher (l.) und Martin Suter. Foto: Vera Hartmann

«Etwas Schweizerisches, das überhaupt nicht patriotisch ist»: Stephan Eicher (l.) und Martin Suter. Foto: Vera Hartmann

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Sie lernen sich unter dramatischen Umständen in den Walliser Alpen kennen. Der Nebel ist so dicht, dass Martin Suter feststeckt – und als er sich irgendwann doch weiterbewegt, findet er Stephan Eicher am Rausmeisseln einer Quarzgruppe. Das ist der Beginn ihrer wunderbaren Freundschaft. Zumindest behaupten das die beiden in ihrem «Song Book». Alles Geflunker?

«Nun, diese Geschichte liegt schon ziemlich nahe an der Wahrheit. Geografisch stimmt sie, und das Licht stimmt auch», erzählt Martin Suter im Büro des Diogenes-Verlags in Zürich bei Trauben und Nüssli. Der Schriftsteller und der Liedermacher erscheinen so, wie sie landauf, landab und weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind: Suter in seinem Anzug mitsamt Poschettli, Eicher mit einem Schal, die silbergrau glänzende Löwenfrisur sitzt. «Darf ich ehrlich sein?», wirft der Musiker ein. Und er kommt ins Erzählen, ins Abschweifen und ins freundschaftliche Fabulieren. So, wie sie das im «Song Book», das neue Texte und Songs von Eicher und Suter enthält, auch machen.

Dabei wollten sie doch nur über Literatur reden

«Ich habe Martin damals am Literaturfestival in Leukerbad gesagt, ich muss einfach nochmals rauf auf den Berg. Er blieb unten und trank einen Kaffee. Dann hab ich dir, Martin, von diesen wahnsinnigen Blumen erzählt. Am Abend assen wir einen Fisch im Salzmantel. Später haben wir die Weinflasche gestohlen. Wir erzählen die Geschichte also schon ziemlich so, wie es wirklich gewesen ist, oder?» Der Bestsellerautor übernimmt: «Und dann sind wir überhöcklet in der Bar . . .» Und beide erinnern sich lachend an den aufdringlichen Barmann, der ihnen Tricks mit brennenden Zigaretten zeigte und beinahe ihre Kleider abgefackelt hätte. Dabei wollten sie doch nur über Literatur reden.

Sie besuchen mal die Landbeiz oder einen Kuhkampf

Aus diesem Treffen ist eine nun schon über zehn Jahre währende Künstlerfreundschaft entstanden. Zusammen erfanden sie Songs wie den Hit «Weiss nid, was es isch» (den Text schrieb Suter, als er mit «Fieber im Näscht» gelegen ist), sie schrieben das Singspiel «Geri», das im Schauspielhaus Zürich aufgeführt wurde und veröffentlichen nun das «Song Book». 17 Songs und Liedtexte finden sich im Buch und auf der begleitenden CD. Zusammengehalten werden diese durch fiktive und doch wahrhaftige Kurztexte, die die Entstehungsgeschichte der Songs spiegeln. In den verspielten Textminiaturen aus Suters Hand inszeniert sich das Duo als Schlittenhunderennfahrer, als Ruderolympioniken, als Gourmets. Sie denken über die Liebe nach, über Grosszügigkeit und befinden sich auf Sinnsuche, wenn es heisst: «Beide verstehen die Welt nicht mehr.» Irgendwann geraten sie sich beim Monopoly-Spiel in die Haare. Und sie besuchen mal den Hornusserclub, die Landbeiz oder einen Kuhkampf.

Das «Song Book» funktioniert so auch als eine Art Reise durch die Schweizer Heimat, erfunden von zwei Künstlern, die wie Suter lange im Ausland lebten – oder wie Eicher noch immer in Frankreich leben. Oder doch nicht? «Es hat praktischere Gründe», sagt Suter, der im Doppel mit Eicher den bodenständigeren Part spielt.

«Als wir erstmals gemeinsam auftraten, mussten wir noch meine Rolle auf der Bühne suchen. Das ist nicht meine Stärke. Dann dachte ich mir: Ich könnte ja fiktiv beschreiben, wie ‹Weiss nid, was es isch› entstanden ist. Stephan sagte mir anschliessend: Ja, warum erfindest du nicht zu allen Liedern eine Entstehungsgeschichte? Das habe ich ausprobiert, und ich fand es gut, dass alles in der Schweiz spielt. Also etwas Schweizerisches zu schreiben, das überhaupt nicht patriotisch ist.» Eicher unterbricht: «Los ja nid zue, was är seit. Weil, wenn man von unseren Besuchen bei den Hornussern oder beim Kuhkampf so elegant wie Martin erzählt, dann erhält das eine Dimension, über die ich denke: Endlich, endlich gehören diese Symbole nicht mehr nur ‹denä›.» Und meint mit «denä» die allzu patriotische Heimatfraktion. «Das funktioniert dann ähnlich wie 1991, als ich auf meiner Platte ‹Engelberg› Trichler und Hackbrett eingesetzt habe.»

«Ich liebe die Idee, dass ein Lied nie fertig ist – ausser im Moment, wenn ich es grad singe»

Die «Song Book»-Lieder, die Eicher auf seinem ersten Album seit fünf Jahren anstimmt, sind da reduzierter arrangiert: Oft genügen eine akustische Gitarre, Streicher, Bläser und unauffälliges Schlagzeug. Nur selten brechen die Songs aus, wie das varietéhafte «Gang ned eso» oder ganz am Schluss, wenn das «Aabelied» mit Pauken und Trompeten ausklingt. Ältere Nummern wie «Du» gibts nun mitsamt Chor – es strahle jetzt eine «fast radikale Hübschheit» aus, so Eicher.

Auch «Weiss nid, was es isch» taucht wieder auf, in einer neuen Americana-Version. «Ich liebe die Idee, dass ein Lied nie fertig ist – ausser im Moment, wenn ich es grad singe» – so Eicher. Und spielt den Ball zu Suter zurück, der für ihn die berndeutschen Songtexte geschrieben hat.

Wie denn für ihn das Schreiben von Liedtexten im Unterschied zur Arbeit am Roman sei? «Abgesehen davon, dass Romane nicht gesungen werden, ist der grösste Unterschied jener, dass Lieder gereimt werden. Zumindest die Art Liedtexte, die ich gerne schreibe», sagt Suter. «Der Reim übernimmt sehr schnell das Zepter. Und ich muss mich fragen: Was heisst denn das für den Text, wenn sich dieses Wort auf das reimt? So führen die Versform und der Reim die Hand – es ist etwas sehr Faszinierendes, was dabei entsteht.» War denn Eicher immer zufrieden mit Suters Texten? Ein euphorisch gestimmter Eicher gerät ins Schwärmen: «Einmal musste Martin einen Songtext umschreiben. Die Konzentration, die Aufmerksamkeit, die er diesem Lied in seinem Arbeitszimmer zuwandte, ich konnte sie auch Tausende Kilometer entfernt spüren.» Überhaupt, die Aufmerksamkeit: Es ist das, was Eicher am meisten rührt. Und wenn er sie von Freunden wie Suter oder dem Publikum spürt, dann denkt er sich: «Läck, ha ig äs Glück.»

Texte in Twitterlänge

Als «älter werdende Musketiere, die nicht mehr so elegant aufs Ross steigen, aber dafür oben bleiben», beschreiben sich der 57-jährige Eicher und der 69-jährige Suter einmal. Und beginnen dann, neue Pläne zu schmieden. Eicher schlägt ein Stück in d-Moll, «der Tonart von Gewitterstimmung», vor. Oder ein Filmprojekt, in dem sie die Geschichten, die sie erzählen, dann auch tatsächlich erleben. Oder 20-Sekunden-Lieder, für die Suter Texte in Twitterlänge schreiben könnte.

Zunächst muss Martin Suter aber noch seine Parts auf der Schnuuregiige für die geplanten Konzerte einstudieren. «Wir gehen jetzt noch üben», sagt Stephan Eicher. Und das ist für einmal kein Geflunker.

Erstellt: 22.10.2017, 07:23 Uhr

Für immer

Inre hilbe Summernacht,
Imne liise Zimmer,
Hei mer äs erschts Mal Liebi gmacht.
Säg: Es isch für immer.

Säg mer, Summer,
Säg mer, Nacht,
Säg mer, liises Zimmer:
Säg mer, ischs nur für ei Nacht,
Oder ischs für immer?

Ungerem hälle Aabestärn,
Im schwache Mondesschimmer,
Hesch mr gseit: I ha di gärn.
Hesch nid gseit für immer.

Säg mer, Aabe,
Säg mer, Stärn,
Säg mer, Mondesschimmer:
Isch es nume echli gärn?
Oder ischs für immer?

Aus: Martin Suter, Stephan Eicher, «Song Book», Diogenes, Universal, 101 S. mit CD, 39.90 Fr., ab 27.10.2017 im Handel.

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