Lyon setzt auf smarten Tourismus

Die Stadt möchte zur Top-Destination aufsteigen, ohne Opfer des Overtourism zu werden. Das hat seinen Preis

Die Stadt an Rhone und Saône will ihre Identität behalten: Das Hôtel-Dieu de Lyon, ein ehemaliges Krankenhaus, wurde für 150 Millionen Euro zu einem prachtvollen Hotel umgebautFoto: Franck Guiziou/Laif

Die Stadt an Rhone und Saône will ihre Identität behalten: Das Hôtel-Dieu de Lyon, ein ehemaliges Krankenhaus, wurde für 150 Millionen Euro zu einem prachtvollen Hotel umgebautFoto: Franck Guiziou/Laif

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Unüblich still ist es hier, obwohl nur wenige Meter weiter das Herz der Altstadt schlägt. Die Gänge sind dunkel, die Luft in den Innenhöfen ist feucht. Die Traboules, private Passagen, dienen noch heute als Abkürzung zwischen den Strassen der Altstadt. Die düsteren Gässchen sind typisch für Lyon, über 600 von ihnen soll es geben. Als noch nicht jede Wohnung über fliessend Wasser verfügte, lag hier die zentrale Wasserversorgung für die Anwohner. Inzwischen sind nur noch 45 Traboules für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Besitzer sperren die Passagen ab, weil sie den Lärm und Abfall der Touristen fürchten.

Lyon kämpft wie viele andere europäische Destinationen mit dem Ansturm von Touristen. Vorzugsweise am Wochenende, nach Kurztrips, hinterlassen sie ihre Spuren. Liegen gelassener Müll ärgert die Einwohner und führt zu Protesten. Die Stadtbehörden wollen aber auf die Einnahmen aus dem Tourismus nicht verzichten und versuchen sich in einem Spagat. Die Anwohner werden aufgefordert, die geschichtsträchtigen Traboules offen zu halten. Im Gegenzug beteiligt sich die öffentliche Hand an den Kosten für Unterhalt und Strom.

Seit kurzem existieren auch Benimmregeln. Einheimische geniessen Vortritt in den engen Durchgängen. Man soll ihnen höflich begegnen. Vor dem Eingang zu einer Passage steht auf Englisch «Bitte Stille», und am Ausgang der Traboules warten städtische Angestellte, die Besuchern den kulturellen Wert der Passagen erklären.

Win-win-Situation für ­Einheimische und Touristen

«Wir möchten kein zweites Barcelona werden, wo viele Einwohner den Touristen nur noch mit Hass begegnen», sagt Stadtführerin Bénédicte Roy. In der katalanischen Metropole ist Overtourism zum Politikum geworden. Vor einiger Zeit stoppten Vermummte einen Reisebus, sprühten «Tourismus tötet die Quartiere» auf die Frontscheibe. Inzwischen gibt es im Zentrum der Millionenstadt einen Baustopp für Hotels. Wer Wohnungen ohne Bewilligung vermietet, muss mit happigen Bussen rechnen.

Solche negativen Entwicklungen will man in Lyon verhindern. Der Fremdenverkehr bildet nämlich eine wichtige Einnahmequelle. 36'000 Arbeitsplätze hängen davon ab. Pro Jahr bringen sechs Millionen Besucher einen Umsatz von einer Milliarde Euro in die Stadt im Südosten Frankreichs.

Die Vereinbarungen rund um die Traboules sollen eine Win-win-Situation sein: Die Touristen geniessen weiterhin Zugang zu ­Lyons ältesten Kulturschätzen, und die Anwohner der Traboules, nicht selten Studenten und Einwohner mit geringen Einkommen, werden finanziell entlastet. Die Bemühung der Stadtbehörden honorierte die Europäische Union im vergangenen Jahr mit dem Preis für nachhaltigen Tourismus. Lyon darf sich jetzt «Capital of Smart Tourism» nennen.

2019 wurde die Stadt erstmals auch ins jährliche Rating der «New York Times» aufgenommen. Sie gehört damit zu den 52 sehenswertesten Destinationen der Erde. Das erfüllt Stéphanie Engelvin vom städtischen Tourismusbüro mit Stolz. Gleichzeitig macht sie aber auch deutlich, wohin die Reise führen soll. «Wir möchten den Tourismus primär qualitativ entwickeln», sagt sie.

Dafür greifen die Stadtbehörden tief in die Tasche. Das Hôtel-Dieu de Lyon, ein ehemaliges Krankenhaus, wurde für 150 Millionen Euro zu einem Luxus-Tempel mit Kongresszentrum, Co-Working-Space und Fünfstern-Hostel umgebaut. Der kolossale Bau, der auf eine 900 Jahre alte Geschichte zurückblickt, soll das städtische Herz der Stadt neu definieren.

Im ehemaligen Sumpfgebiet entsteht die Stadt der Zukunft

Ein Schmuckstück ist aber auch die kürzlich eröffnete Cité Internationale de la Gastronomie de Lyon. Auf vier Etagen und fast 4000 Quadratmetern ist die «Cité» Museum, Tasting-Room und Forschungslabor in einem. Zu sehen ist etwa der Weg eines Lebensmittels vom Bauernhof bis auf den Teller. In einem anderen Stock des Prestigebaus erfahren die Besucher mehr über die Mères Lyonnaises: Arme Landfrauen kochten für die reichen Stadtbewohner. Sie taten dies so gut, dass sie eigene Restaurants eröffneten und zu Pionierinnen der französischen Küche wurden.

Ein Projekt überstrahlt das Hôtel-Dieu de Lyon jedoch bei denInvestitionskosten: Im Süden der Halbinsel, im Stadtviertel La Confluence, bauen die städtischen Behörden seit 2003 auf einer Fläche von 150 Hektaren an der Stadt der Zukunft. Als ehemaliges Sumpfgebiet war die Confluence lange Zeit Abstellplatz für Einrichtungen, die in der herausgeputzten Stadt keinen Platz hatten: Gefängnis, Schlachthof, Fabriken, Bordelle.

Nun soll hier eine sozial durchmischte und lebenswerte «Stadt für alle» gebaut werden. Im alten Gefängnis von Saint-Joseph entsteht ein neuer Campus der Katholischen Universität Lyon. Und die frühere Zuckerfabrik La Sucrière wird in Zukunft Schauplatz für moderne Kunst sein.

Den besten Blick auf den neuen Stadtteil erhascht man vom Dach des Musée des Confluences. Der UFO-artige Bau im Mündungsgebiet von Rhone und Saône ist zum Symbol der städtischen Transformation geworden. Lyon erfindet sich im Quartier La Confluence gerade neu. Dabei will die Stadt möglichst im Einklang mit ihren Einwohnern und ihrer über 2000-jährigen Geschichte leben. Ob ihr das gelingt, zeigt sich frühestens 2030: Dann sollen alle Gebäude für die 20'000 Neuzuzüger bereitstehen.



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Erstellt: 08.02.2020, 19:35 Uhr

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Bezüglich Touristendichte liegen Miami, Las Vegas und Dubai vorne. Dann folgen Edinburgh, Dublin und Hongkong. Barcelona folgt auf Platz 24. Dies belegen Zahlen der UNO, von Euromonitor und Esta, dem US-Reisegenehmigungssystem. Am wohlsten fühlen sich Touristen in Singapur, Stockholm, Helsinki und San Franciso. (kt)

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